Als der Schieds­richter Alfons Berg aus Konz am letzten Spieltag der Saison 1991/92 der Frank­furter Ein­tracht eine Vier­tel­stunde vor Schluss den ein­deu­tigsten Elf­meter aller Zeiten ver­wei­gerte und sie so um die Meis­ter­schaft brachte, brannten dem gefoulten Ralf Weber die Siche­rungen durch. Ihm war egal, wo der Abschlag landen würde, auf den Berg aus Konz ent­schieden hatte. Ihm war auch egal, wie dieses Spiel nun aus­gehen würde. Ihm war sogar das fünfte Gebot egal. Weber war alles egal, ja, er wollte diesem Konz aus Berg“ an Leib und Leben.



Es hätte ein schlimmes Ende genommen, wenn Man­fred Binz nicht gewesen wäre. Der Libero der Ein­tracht erkannte, dass sein Links­ver­tei­diger im Begriff war, sich zu ver­gessen, eilte zu ihm, packte ihn und zerrte ihn mit aller Kraft vom ver­ängs­tigten Unpar­tei­ischen fort. Er solle sich gefäl­ligst zusam­men­reißen, stauchte er Weber zusammen, schließ­lich sei noch eine Vier­tel­stunde zu spielen.

Doch Frank­furt verlor 1:2 in Ros­tock und musste den VfB Stutt­gart an sich vor­bei­ziehen lassen. Der Fuß­ball 2000“, den Trainer Dra­goslav Ste­pa­novic ersonnen und seine Mann­schaft zele­briert hatte, war gran­dios geschei­tert. Nach dem Schluss­pfiff, in der End­zeit­stim­mung des Ost­see­sta­dions, lief Ralf Weber noch einmal Amok, zer­störte eine TV-Kamera und brach dann zusammen. Das wollte und konnte Man­fred Binz nicht mehr ver­hin­dern. Er trank eine halbe Fla­sche Wodka und hörte The Show Must Go On“ von Queen.

Das war die schwär­zeste Stunde in meiner Kar­riere“

Wir errei­chen Man­fred Binz am Telefon in Offen­bach. Er erzählt relaxed von dem, was andere eine Tra­gödie nennen: die ver­lo­rene Meis­ter­schaft. Kein Groll ist mehr in seiner Stimme, auch als er sagt: Das war die schwär­zeste Stunde in meiner Kar­riere“, klingt er milde. Im Hin­ter­grund hört man Geräu­sche und Gemurmel wie in einer Eis­diele. Man kann sich diese Eis­diele gut vor­stellen – und Binz darin, an diesem son­nigen Morgen in Offen­bach, Cap­pu­cino trin­kend.

Viel­leicht erholt er sich noch immer von der Saison 1991/92 und dem Her­ku­lesakt, den er voll­bringen musste: die Elf von Ein­tracht Frank­furt zu einen. Sie war eine Ansamm­lung von Raub­tieren, die Dra­goslav Ste­pa­novic in die Arena geworfen hatte, um zu sehen, was pas­sieren würde. Auf wun­der­same Weise ver­wan­delte sich ihr aggres­sives Poten­zial dort in einen krea­tiven Wahn­sinn, den Fuß­ball 2000“. Doch wäh­rend Ste­pa­novic sich als genialen Zam­pano feiern ließ, hatte Man­fred Binz alle Hände voll zu tun, die Raub­tiere daran zu hin­dern, sich gegen­seitig auf­zu­fressen.

Der stille Domp­teur

Er, der Fried­lie­bende, war die Inte­gra­ti­ons­figur dieser Mann­schaft, der Domp­teur im Ein­tracht-Zirkus – auch wenn Uli Stein die Kapi­täns­binde trug. Doch mit dem exzen­tri­schen Keeper gab es öfters mal Äggä“, erin­nert sich Man­fred Binz. Äggä“, offen­ba­che­risch für Ärger, ist das einzig ätzend Klin­gende in Binz’ geschmei­digem Sprach­fluss. Er meckert es hinaus, dieses unsym­pa­thi­sche Wort, dessen Bedeu­tung er ver­achtet: Äggä“.

So wie er Ralf Weber zwang, sich zusam­men­zu­reißen, musste er eine Saison lang allen Äggä“ schlichten, der in Frank­furt schwelte und oft auch aus­brach. Er musste dem sen­si­blen Anthony Yeboah gut zureden, musste Uwe Bin­de­wald und Dietmar Roth, den Aus­put­zern, das Gefühl geben, dass sie im Kon­zept des Fuß­ball 2000“ gebraucht würden. Er musste Uwe Bein, den Diri­genten, davon abhalten hin­zu­schmeißen, weil dieser den Äggä“ satt hatte, und den Son­der­ling Andreas Möller in die Mann­schaft inte­grieren. Dessen Berater, der dubiose Klaus Gerster, habe sei­ner­seits für viel Äggä“ im Umfeld gesorgt, erzählt Binz. Möller selbst habe auf­grund seines astro­no­mi­schen Gehalts den Neid der Kol­legen auf sich gezogen. Auch das habe Äggä“ gebracht. Nicht einmal Prä­si­dent Mat­thias Ohms ersparte der Mann­schaft Äggä“, und sogar am Abend vor dem ent­schei­denden Spiel gegen Ros­tock in einem Hotel am Ost­see­strand habe es Äggä“ gegeben.

Ätzender Äggä“

Äggä“, Äggä“, Äggä“ – immer nur Äggä“. Dieses Wort und die Asso­zia­tionen, die es aus­löst, stra­pa­zieren Man­fred Binz noch immer – viel mehr als die Fehl­ent­schei­dung des Alfons Berg aus Konz. Nicht diese ein­zelne Spiel­szene, so strittig sie gewesen sein mag, war die Ursache. Äggä“: Das ist es, was die Frank­furter Ein­tracht die Meis­ter­schaft kos­tete, jenes Wesent­liche, das Binz nie aus den Augen ver­loren hatte. Er gab sein Bestes, um den Äggä“ zu bekämpfen. Es reichte nicht. Der stille Domp­teur war geschei­tert.

Man möchte ihm auch heute, 19 Jahre danach, noch gute Erho­lung wün­schen. Eis­be­cher klirren aus Offen­bach zu uns her­über. Signore Biiinz!“, ruft jemand. Ciao“, sagt Man­fred Binz.