Ganz pro­blemlos lief die Vor­stel­lung Fer­land Mendys bei Real Madrid im San­tiago Ber­nabeu nicht ab. Zunächst hatte sich der 24-jäh­rige Fran­zose noch stil­si­cher und etwas schlichter als Ex-Frank­furter Luka Jovic mit Flo­ren­tino Perez ablichten lassen. Doch beim ersten Ver­such, den weiß-gol­denen Ball vor den Augen tau­sender Zuschauer hoch­zu­halten, schei­terte Mendy nach fünf Kon­takten.

Immerhin: Im zweiten Ver­such klappte es dann sou­verän und rei­bungslos. Über­haupt sollte man den kleinen Patzer nicht zu hoch hängen. Ers­tens ist Mendy nicht der erste, dem bei seinem Pre­mie­ren­auf­tritt nicht alles auf Anhieb gelingt – siehe Ous­mane Dem­bele. Zwei­tens sind die auf­ge­bla­senen Prä­sen­ta­tionen von Neu­ver­pflich­tungen maßlos über­trieben und –bewertet. Drit­tens, und das wiegt in diesem Fall deut­lich am schwersten, war Mendys Kar­riere vor zehn Jahren eigent­lich schon vorbei.

Sein Vater stirbt, als Mendy elf ist

Am 8. Juni 1995 kommt Fer­land Mendy in Meulan-en-Yve­lines unweit der fran­zö­si­schen Haupt­stadt Paris auf die Welt. Der Sohn sene­ga­le­si­scher Eltern startet mit sechs Jahren im Nach­barort beim Ecque­villy FC seine Fuß­ball­kar­riere. Schon zwei Jahre später, im Sommer 2004, wech­selt er in die Jugend­ab­tei­lung des über­mäch­tigen Paris Saint-Ger­main, seinem Lieb­lings­klub, spielt im selben Jahr­gang wie Adrien Rabiot und Presnel Kim­pembe. Die Bedin­gungen sind her­vor­ra­gend, die Aus­sichten blen­dend.

Er hatte den Fuß­ball immer in sich. Er war viel besser als die älteren Kids und hat sie bla­miert“, sagte sein Cousin Marc Gomis kürz­lich der spa­ni­schen Marca“. In PSGs Aka­demie, wo er zum Links­ver­tei­diger und beid­füßig aus­ge­bildet wird, beweist er das jeden Tag. Aller­dings ver­bringt er dadurch wenig Zeit zu Hause. Umso härter trifft es ihn, als sein Vater 2006 über­ra­schend ver­stirbt. Der junge Fer­land ist gerade elf Jahre alt. Fuß­ball wird auch zur The­rapie. Doch nur ein Jahr später folgt die nächste Hiobs­bot­schaft.

In seiner Hüfte wird eine Infek­tion fest­ge­stellt. Gelinde gesagt eine sub­op­ti­male Dia­gnose für einen ange­henden Pro­fi­fuß­baller. Und die Ent­zün­dung ver­heilt auch nicht, son­dern wächst zu einer Hüf­tar­thritis an. Mit nur vier­zehn Jahren ver­bringt Mendy drei Monate im Kran­ken­haus, sitzt im Roll­stuhl. Die Ärzte sagten mir, der Fuß­ball sei für mich vorbei. Sie spra­chen sogar über eine Ampu­ta­tion“, erin­nerte er sich im Februar in einem Inter­view mit Le Pari­sien“. Die Kar­riere? Scheint vorbei, bevor sie begonnen hat. Der Traum vom Pro­fi­fuß­ball? Mendy will ihn am Leben halten. Ich habe nie auf­ge­geben“, sagte er Le Pari­sien“.

Doch wäh­rend Kim­pembe, Rabiot und Co. steil auf Ligue 1 und Cham­pions League zusteuern, muss er nach sechs Monaten im Roll­stuhl neu Laufen lernen. Sisy­phos­ar­beit, so scheint es zu Beginn, doch Mendy sagt sich immer wieder: Es ist unmög­lich, dass ich nicht wieder gehe, dass ich nicht wieder Fuß­ball spiele.“ Acht Monate nach der Ope­ra­tion steht er wieder auf dem Platz. Ich kam zurück ins Trai­ning und war Mist“, sagt er heute. PSG unter­stützt ihn, doch die Ent­schei­dung über seine Zukunft zieht sich zu lange hin. Nach einiger Zeit und viel harter Arbeit fühlt er sich wieder auf einem ange­mes­senen Niveau. Mendy will spielen – und sorgt selber für Tat­sa­chen: Mit 17 Jahren wech­selt er 2012 zum Viert­li­gisten FC Man­tois. Den Rück­schritt begründet er: Ich war eben ein unru­higes, kleines Kind.“ Ein Jahr lang läuft er für die U19 des Klubs auf, anschlie­ßend wech­selt er zum Zweit­li­gisten Le Havre, der mitt­ler­weile als eine der besten Talent­schmieden des Landes gilt.

Natio­nal­spieler statt Sport­in­va­lide

Mit 19, fünf Jahre nachdem er zum zweiten Mal laufen lernte, gibt er in der Ligue B sein

Pro­fi­debüt. In der fol­genden Saison macht er elf Liga­spiele, ein wei­teres Jahr später ver­passt er von 38 nur noch drei und wird zum besten Außen­ver­tei­diger der zweiten Liga gewählt. Lyon klopft an, trotz anderer Ange­bote von Atle­tico Madrid, Everton und aus­ge­rechnet PSG sagt Mendy zu. Le Havre bekommt fünf Mil­lionen Euro Ablöse. 

In Lyon setzt er sich schnell gegen den Bra­si­lianer Marcal, seinen Kon­kur­renten auf der Links­ver­tei­di­ger­po­si­tion durch. Die her­vor­ra­gende Aus­bil­dung bei PSG macht sich end­lich bezahlt. Obwohl Sene­gals Natio­nal­trainer Aliou Cissé ihn für die Löwen von Teranga gewinnen wollte, debü­tiert er im November 2018 für Les Bleus“, ist jetzt Natio­nal­spieler statt Sport­in­va­lide.

Zehn Jahre nachdem ihm die Ärzte sagten, er würde nie wieder Fuß­ball spielen, läuft Fer­land Mendy in der kom­menden Saison für den erfolg­reichsten Verein Europas auf. Dass dem 45-Mill­lionen-Euro-Ein­kauf das Hoch­halten erst beim zweiten Mal gelingt? Geschenkt – und sym­bo­lisch, ist doch schließ­lich seine ganze Kar­riere ein großer zweiter Anlauf.