Fuß­ball und Musik pflegen eine kom­pli­zierte Bezie­hung. Mit den musi­ka­li­schen Geh­ver­su­chen von Fuß­ball­profis könnte man jeden­falls ganze Biblio­theken füllen.

Da war zum Bei­spiel Chris­tian Pander, der sich einst Funky Pee nannte und in dem Lied Meine Story“ über sein Leben rappte. Die Sache war nur: Funky Pee heißt über­setzt fun­kige Pisse, was nicht gerade för­der­lich für Stra­ßen­kre­di­bi­lität war – zumal selbst sein Bei­nahe-Namens­vetter Oli P. eine aus­ge­feil­tere Rap-Technik hatte.

Jede Emo­tion wird platt­ge­walzt

Funky Pee war natür­lich nicht alleine. Thomas Brdaric ver­suchte sich an schnul­zigem Pop („Die wilde 13“), Franz Becken­bauer an schnul­zigem Schlager („Echte Freunde kann nie­mand trennen“), und Fredi Bobic, Ger­hard Poschner und Marco Haber traten gemeinsam als das Tra­gi­sche Dreieck“ in Erschei­nung. Das war nicht unbe­dingt schnulzig, dafür aber: höchst unan­ge­nehm.

Doch wird es besser, wenn man die Sache umdreht? Wenn also Men­schen, die haupt­be­ruf­lich ihr Geld mt Musik ver­dienen, über Fuß­ball singen? Nun, es gibt das recht plumpe Bayern“-Lied der Toten Hosen und den gesamten und eher schwer zu ertra­genen Fuß­ball­song-Katalog der Band Höhner. Es gibt die Sport­freunde Stiller, Xavier Naidoo und Andreas Bou­rani. Dazu in den Sta­dien all jene zu gut gelaunten Musik-DJs, die jeden Anflug von Emo­tionen mit Volume 12 platt­walzen und über jeden Fan­ge­sang ein musik­ge­wor­denes Bier­zelt oder gleich ihre kom­plette Kar­ne­val­play­lists legen.

Tat­säch­lich gibt es nur einen soge­nannten Fuß­ball­song, den ich mir immer und immer wieder anhören kann. Er ist nicht laut, nicht knallig, nicht auf­brau­send. Er ist das, was ein Fuß­ball­song eigent­lich nie ist: mini­ma­lis­tisch und bei­nahe ein wenig schüch­tern. Er heißt We stand around“.

Und das in einem Fuß­ball­song. Abstoß!

Der Song erzählt von Schmerz, Auf­bruch und Hoff­nung. Und sicher, auch hier wird dieses Fußball-ist-unser-Leben“-Ding besungen, aber, und das ist das Schöne, es geht hier nicht um die geile Party“ oder das Mega-Tor“, nicht um FC Bayern forever number one“ oder Euch ziehn wir dir die Leder­hosen aus“. Nichts folgt hier einem kal­ku­lierten Super­super-Event. Nichts riecht hier nach Mul­ti­plex­arena. Statt fünf­mi­nü­tigem Rem­mi­demmi heißt es hier We stand around in wind and rain, locked in vol­un­tary. All ages, all male, all swea­ring, all cold.“ Schicksal eben.

Und statt eines lauten, hys­te­ri­schen und nie­der­wal­zenden Tor­ju­bels ertönt irgend­wann, fast ver­steckt, ein leises In goes the cross, we hold our breath… Goal kick“.

Abstoß!“ Nicht Tor“ wohl­ge­merkt. Und das in einem Fuß­ball­song.

Geschrieben haben das Lied die beiden Eng­länder Wil­liam Hung und John Procter, zwei Crystal-Palace- und The-Fall-Fans, die sich Anfang der acht­ziger Jahre unter dem Namen I, Ludi­crous zusam­men­taten. Der Song We stand around“ war zunächst nur in Deutsch­land erhält­lich, doch nachdem Ste­phen Morris (New Order, Joy Divi­sion) ihn kurze Zeit später zur Single of the week“ im New Musical Express“ kürte, wurde er zu einer kleinen Hit auf Eng­lands Steh­tra­versen.

Schließ­lich traf er auch den Nerv der Zeit, denn 1992, als We stand around“ erschien, ging die Pre­mier League und der soge­nannte moderne Fuß­ball in die erste Saison. Und so ist das Lied aus heu­tiger Sicht eine nost­al­gi­sche und unauf­ge­regte Erin­ne­rung an Sams­tag­nach­mit­tage mit schalem Bier, üblen Grät­schen, bier­bäu­chigen Tor­hü­tern, rau­chenden Trai­nern, bau­fäl­ligen Steh­kurven und der Hoff­nung, dass der neue Stürmer aus der zweiten bul­ga­ri­schen Liga die eigene Mann­schaft end­lich in den Uefa-Cup schießt. Es ist der Abschied von einem Fuß­ball, den es heute, im Zeit­alter der Maxi­mal­laut­stärke und Sechs-Aus­ru­fe­zei­chen-Sätze, nicht mehr gibt.


We stand around in wind and rain, locked in vol­un­tary,
All ages, all male, all swea­ring, all cold.
We sing and sway we punch the air,
We chant out names, we seek a wave,
In pens we huddle in cor­ners too,
We shout out names we shout abuse.

We travel every Saturday,
We go whe­rever we play and pay,
Spen­ding money we can’t afford,
We are the fans we go ever­y­where.

In groups of two we punch the air,
We sing and sway and dance and swear
We taunt the home fans humo­rously
The poli­cemen eye us with ill dis­guised con­tempt.

Our best players all got sold,
Their repla­ce­ments old and slow
The manager raids the Sunday leagues,
We have no youth team any­more.
The team defends most of the game
We cheer every bre­akaway, three in the box
In goes the cross, we hold our breath
Goal kick.

The keeper does his level best
He’s over­worked and over­dressed
The shots rain in we hold our breath
No off­side flag the bul­ging net.
No time to restart

We turn up every Saturday
We know every motorway
We travel miles we don’t com­p­lain
We stand around in wind and rain.