Seite 3: Die Rückkehr des alten Löwen

Wenige Meter neben dem Ein­gang steht Karl in einem Abédi-Pelé-Trikot und sagt: Ganz ehr­lich, diese ganzen Streits lang­weilen mich ein­fach nur. Ich habe keinen Bock mehr. Gut, dass die Saison los­geht. Fuß­ball, Bier, Kum­pels, Gie­sing, Grün­walder… Was gibt’s schö­neres?“ Wie diese Saison sport­lich wird, ist nur schwer ein­zu­schätzen. Die Mann­schaft, die in der ver­gan­genen Saison Zwölfte wurde, blieb wei­test­ge­hend zusammen, zwei Spieler kamen dazu: Dennis Erd­mann wech­selte vom 1. FC Mag­de­burg und Timo Geb­hart kehrte mitt­ler­weile zum zweiten Mal zu den Löwen zurück. Finan­ziert hat den Transfer Hasan Ismaik. Ansonsten fehlt es der­zeit an Geld, wes­halb Trainer Daniel Bier­ofka für die neue Saison zuletzt Abstiegs­kampf ange­kün­digt hatte. Die Mann­schaft müsse mutig spielen, um eine Chance in der 3. Liga zu haben. 

Bei den Fans scheint die Bot­schaft nicht ganz ange­kommen zu sein. Der Chef der Liga eröffnet die Saison“ steht auf dem rie­sigen Banner. Und auch die Spieler machen genau das Gegen­teil von dem, was ihr Chef gefor­dert hatte. In der ersten Halb­zeit gelingt 1860 so gut wie gar nichts. Preußen Münster spielt nicht gerade gut, doch unter­bindet das Spiel der Heim­mann­schaft kon­se­quent und geht in der 32. Minute in Füh­rung. Die zu Beginn noch aus­ge­las­sene Stim­mung im Sta­dion wird schlag­artig schlechter. Die Gesänge werden leiser, der ganze Frust ent­lädt sich am Schieds­richter.

Einmal Löwe, immer Löwe.

Die zweite Halb­zeit beginnt deut­lich besser. 1860 spielt tat­säch­lich mutigen Fuß­ball und erzielt durch einen Elf­meter den Aus­gleich in der 51. Minute. Wäh­rend 1860 immer besser ins Spiel kommt, werden die aktiven Fans die Bot­schaften, die sich über die Som­mer­pause ange­häuft haben, los: Ismaik soll raus, das Uhr­mach­er­häusl, ein altes Gie­singer Haus, das durch den Besitzer illegal abge­rissen wurde, soll wieder auf­ge­baut werden, Hass und Wider­stand gegen Polizei und Ver­band werden für die neue Spiel­zeit ange­kün­digt.

Es sind noch zehn Minuten zu spielen und plötz­lich geht ein Jubel­schrei durchs Sta­dion. Nicht weil ein Tor gefallen ist, son­dern weil sich ein 30-jäh­riger Glatz­kopf auf den Weg zur Trai­ner­bank macht. Hälse recken sich, die Han­dy­ka­meras werden bereit­ge­macht, auf­ge­regtes Tuscheln. Der Schieds­rich­ter­as­sis­tent hebt die Tafel mit der 10 hoch. Geb­hart läuft im gol­denen Licht der Abend­sonne auf den Platz und wird gefeiert. Eine fast schon zu kit­schige Szene. Stan­ding Ova­tions, Timo-Geb­hart-Gesänge und schließ­lich ein lautes: Einmal Löwe, immer Löwe.“ Später in der Mixed Zone wird Geb­hart mit einem Lächeln von einem Gän­se­h­aut­mo­ment spre­chen, dar­über, wie er alle paar Sekunden zur Trai­ner­bank schaute, ob Bier­ofka ihn end­lich ruft und dass es gut tue, wieder hier zu spielen.

Auf dem Platz gelingt ihm nicht mehr viel, genauso wie dem Rest der Mann­schaft. Sascha Möl­ders ver­gibt in der Nach­spiel­zeit noch eine Hun­dert­pro­zen­tige, dann ist das Spiel vorbei und das Sta­dion spuckt die Fans wieder auf Gie­sings Straßen. Wieder ent­steht ein Sog. Diesmal sind die Kneipen das Ziel. Die Geh­wege sind voll und auch die Autos kommen nur noch mit Mühe durch die Straßen. Gefeiert wird heut sicher nicht“, sagt ein rie­siger Mann im alten Bier­ofka-Trikot. Das Spiel war doch Scheiße.“ Minuten später steht er Arm in Arm mit einem anderen 1860-Fan am Tresen und grölt die Ver­eins­hymne.