Im Schmerz geboren“ ist ein Tatort“ aus dem Jahr 2014. Es ist eine Rache­ge­schichte, in der viel gestorben wird, was Ulrich Tukur alias Haupt­kom­missar Felix Murot nicht nur nicht ver­hin­dern kann, son­dern zeit­weise sogar beför­dert. Am Ende wird eine Rekord­zahl von Toten für deut­sche Fern­seh­krimis pro­du­ziert, und Teile von Hessen liegen in Trüm­mern.

Im Schmerz geboren“ ist aber auch eine Erfolgs­ge­schichte aus der Fuß­ball­saison 2014/15, an deren Ursprung Teile von Hessen in Gestalt des Ver­eins Darm­stadt 98 jubelnd in die Zweite Bun­des­liga ein­ziehen, wäh­rend am Spiel­feld­rand zwei Männer stehen und es nicht fassen können. Nor­bert Meier, Coach von Arminia Bie­le­feld, und sein Co-Trainer Gino Let­tieri waren an jenem 19. Mai 2014 geschla­gene Ritter der ganz trau­rigen Gestalt, deren Mann­schaft es fertig brachte, im Rele­ga­tions-Rück­spiel einen 3:1‑Auswärtssieg noch zu ver­spielen. Fast genau zwölf Monate später werden beide beju­belt und gefeiert – als Trainer der Zweit­li­ga­auf­steiger Bie­le­feld und Duis­burg.

Etwas Bes­seres als den Tod finden wir überall“

Man weiß gar nicht, welche Geschichte bemer­kens­werter ist: die der Bie­le­felder, die sich aus der Asche einer der schlimmsten Nie­der­lagen der Klub­ge­schichte heraus zu einer Mus­ter­saison auf­schwangen, die sie nicht nur zum sou­ve­ränen Auf­stieg, son­dern auch ins Halb­fi­nale des DFB-Pokals führte. Oder die des MSV Duis­burg, der vor nicht mal zwei Jahren noch pleite und eigent­lich mau­setot war, bevor ihn die Loya­lität seiner Anhänger und ein kluges Kri­sen­ma­nage­ment aus dem Sumpf zogen.

Über­haupt haben bei beiden Erfolgs­storys die Fans eine große Rolle gespielt. Als neu­lich ein alt­ge­dienter Arminia-Fan, den es beruf­lich in die Ferne ver­schlagen hat, mal wieder in Bie­le­feld im Sta­dion war, da rief er ver­blüfft: Das ist nicht mehr meine Alm!“ Und das war als Kom­pli­ment gemeint. Wo früher Mecker­r­entner und Berufs­nörgler den Ton angaben, gab es von den Rängen jetzt rück­halt­lose Unter­stüt­zung auch in schwie­rigen Phasen. In Duis­burg leben sie nach dem finan­ziell bedingten Bei­nahe-Exitus ohnehin nach dem Motto der Bremer Stadt­mu­si­kanten: Etwas Bes­seres als den Tod finden wir überall.“

Eben das galt, um auf die Trainer zurück­zu­kommen, auch für Nor­bert Meier und Gino Let­tieri. Wer gesehen hat, wie die beiden fast teil­nahmslos das Bie­le­felder Desaster gegen Darm­stadt über sich ergehen ließen, der hätte auf ihre wei­tere Trai­ner­kar­riere keinen Pfif­fer­ling mehr gesetzt. Nicht wenige rund um den DSC Arminia wollten Meier vor zwölf Monaten zum Teufel jagen, weil sie in dunkler Stunde nicht auch noch einen mie­se­pe­trigen Übungs­leiter ertragen mochten, der die Kata­strophe zwar nicht allein zu ver­ant­worten hatte (dazu war er zu spät ins Amt gekommen), sie aber zumin­dest auch nicht ver­hin­dern konnte.

Der­weil hielt sich beim MSV Duis­burg die Begeis­te­rung über den namen­losen neuen Coach mit dem Rele­ga­ti­ons­trauma in über­schau­baren Grenzen. Und als Let­tieri im pres­ti­ge­träch­tigen Lan­des­po­kal­spiel gegen Rot-Weiß Ober­hausen eine B‑Elf ein­setzte und prompt verlor, war er im Prinzip unten durch.

Nach dem Schmerz ist vor dem Schmerz

Welch ein Kon­trast dazu am ver­gan­genen Samstag: Im Wedau­s­ta­dion skan­dierten die Anhänger begeis­tert Gino Let­tieri!“, wäh­rend Kol­lege Meier mit seiner staub­tro­ckenen Art und der zur Mobil-App ver­ar­bei­teten Vor­liebe für Käse­bröt­chen mitt­ler­weile in ernster Gefahr steht, in Bie­le­feld zu einem (Böses Wort!) Kult­trainer“ zu werden.

So sehr Meier und Let­tieri den Moment genossen haben werden, beide wissen: Nach dem Schmerz ist vor dem Schmerz, das gilt für den Fuß­ball im All­ge­meinen und für Arminia Bie­le­feld und den MSV Duis­burg ganz beson­ders. Aber wenn es stimmt, dass einen das, was einen nicht umbringt, härter macht, kann beide wahr­schein­lich so schnell nichts mehr erschüt­tern. Im Tatort“ wurden am Ende 51 Lei­chen gezählt. Ulrich Tukur alias Haupt­kom­missar Felix Morot war nicht dar­unter.