Es ist wieder so weit. Wisla und Cra­covia Krakau, die zwei ältesten pol­ni­schen Ver­eine, deren Sta­dien nur durch einen Park getrennt werden, tragen am heu­tigen Montag ihr 185. Stadt­derby aus. Als Swieta Wojna“, der Hei­lige Krieg, ist das Stadt­derby bekannt, und dies nicht nur in Polen. Wenn aus­län­di­sche Jour­na­listen mal wieder eine Geschichte über pol­ni­sche Hoo­li­gans brau­chen, gibt es ihrer Mei­nung nach kein bes­seres Rei­se­ziel als die ehe­ma­lige Königs­re­si­denz.

Fast ein Dut­zend Todes­opfer for­derte die Riva­lität zwi­schen den beiden Fan­gruppen in den letzten 20 Jahren. Zuletzt im Januar 2011 wurde ein stadt­be­kannter Cra­covia-Hoo­ligan auf bes­tia­li­sche Weise auf offener Straße ermordet. Eine Tat, die nicht nur den blu­tigen Ruf des Kra­kauer Derbys unter­mau­erte, son­dern auch ein schlechtes Image auf Polen als Gast­geber des dies­jäh­rigen EM warf. Dabei ergaben die spä­teren Ermitt­lungen, dass der Mord nur auf den ersten Blick etwas mit der ange­spannten Fan-Szene in Krakau zu tun hat. Viel­mehr fällt die Tat eher in die Rubrik Orga­ni­sierte Kri­mi­na­lität“, in die viele Alt-Hoo­li­gans pol­ni­scher Verein abge­rutscht sind.

Ein ehe­ma­liger Cra­covia-Spieler pfiff das Derby im Krieg

Nichts­des­to­trotz hat die Gewalt der ver­gan­genen Jahre dazu geführt, dass ältere Fans die Derbys der ver­gan­genen Jahr­zehnte ver­klären. Das waren andere Zeiten. Auf den Tri­bünen ging es kul­ti­viert zu. Das Kra­kauer Derby war zwar ein großes Ereignis, aber es gab keine Aggres­si­vität“, sagte dieser Tage der Publi­zist Grze­gorz Mie­cugow, beken­nender Cra­covia-Fan in einen Inter­view für die Kra­kauer Aus­gabe der Gazeta Wyborcza. Doch schon eine der bekann­testen Anek­toden über den Hei­ligen Krieg zeigt, dass diese Erin­ne­rung nicht viel mit der his­to­ri­schen Wahr­heit gemein hat.

Am 17. Oktober 1943 trafen die beiden ältesten pol­ni­schen Ver­eine auf neu­tralem Boden, dem Gar­barnia-Sta­dion, auf­ein­ander. Eine Begeg­nung, die zu nor­malen Zeiten im pol­ni­schen Fuß­ball ein Spit­zen­spiel gewesen wäre. Wisla gewann seit der Unab­hän­gig­keit Polens 1918 drei Meis­ter­schaften und einen Pokal, Cra­covia konnte vier Meis­ter­titel erringen. Neben Pogon Lem­berg, Ruch Chorzow, Warta Posen, Legia War­schau dem Lokal­ri­valen Gar­barnia gehörten die beiden Tra­di­ti­ons­ver­eine zu den Spit­zen­klubs des pol­ni­schen Fuß­balls.

Ein Derby, das gar nicht hätte statt­finden dürfen

Doch als Wisla und Cra­covia an diesem Okto­bertag gegen­ein­ander spielten, waren die Zeiten alles andere als normal. Seit 1939 tobte in Europa ein bru­taler Krieg, der vor allem im öst­li­chen Teil des Kon­ti­nents seine beson­ders häss­liche Fratze zeigte. Allein im von Deutsch­land besetzten Polen brachten die Nazis sechs Mil­lionen Men­schen um, dar­unter auch bekannte Sportler der zwei Kra­kauer Tra­di­ti­ons­ver­eine. Zudem hätte das Spiel eigent­lich gar nicht statt­finden dürfen, da im Gene­ral­gou­ver­ne­ment den Polen das Fuß­ball­spielen ver­boten war.

Doch trotz des Ver­bots und des um sie tobenden Grauens wollten die beiden Ver­eine sport­lich her­aus­finden, wer in der Stadt den besten Fuß­ball spielte. Für die 10.000 Anhänger, die bei son­nigen Wetter in das Gar­barnia-Sta­dion kamen, auch eine gute Gele­gen­heit, für 90 Minuten dem bru­talen Alltag zu ent­fliehen. Dass die Kriegs­er­eig­nisse jedoch auch Ein­fluss auf dieses Derby hatten, zeigte schon die Wahl des Schieds­rich­ters. Da sich kein anderer Unpar­tei­ischer fand, sprang Tadeusz Mitusinski als Referee ein, der zwi­schen 1930 und 1932 im Trikot von Cra­covia 13 Tore erzielt hatte.

Eine Mas­sen­schlä­gerei in der 90. Minute

Und das Cra­covia ihm wei­terhin am Herzen lag, zeigte Mitusinski bei diesem Kriegs­derby. Denn kurz vor dem Ende der 90 Minuten pfiff der nicht-neu­trale Schieds­richter beim Stand von 0:0 einen frag­wür­digen Elf­meter für Cra­covia, der das Spiel hätte ent­scheiden können.

Für die Wisla-Spieler und ihre Anhänger war diese Ent­schei­dung jedoch nicht hin­nehmbar. Sofort nach dem Elf­me­ter­pfiff sah sich der Schieds­richter nicht nur von den Wisla-Spie­lern umzin­gelt, son­dern auch von ihren Anhän­gern. Eine Rudel­bil­dung, die auch den Cra­covia-Anhang auf den Plan rief. Auch diese drangen auf das Spiel­feld, um ihre Lieb­linge zu beschützen.

Was sich darauf ent­wi­ckelte, war eine Mas­sen­schlä­gerei, die die Kra­kauer Fuß­ball­welt bis dahin nicht gesehen hatte. Die Anhänger und Spieler der beiden Klubs prü­gelten nicht nur auf dem Spiel­feld auf­ein­ander ein, son­dern ver­la­gerten diese Schlä­gerei bis zum Pod­gorski-Platz im Stadt­zen­trum, wo die SS ihre Kra­kauer Haupt­zen­trale hatte. Doch zum Glück der zwei Fan-Gruppen war der dama­lige Kra­kauer SS-Chef ein gewisser Mit­schke. Ein Öster­rei­cher, der in seiner Jugend angeb­lich für einen der Wiener Fuß­ball­ver­eine gespielt hatte. Das sind Fuß­ball­an­hänger? Ach, lasst die sich prü­geln“, soll der SS-Mann nach Berichten der Chro­nisten beider Ver­eine gesagt haben, als er von der Schlä­gerei erfuhr.

Schieds­richter Mitusinski pfiff einen Schwei­neelfer“

Aber auch wenn das Spiel keine Kon­se­quenzen für die Kra­kauer Fuß­baller und ihre Fans hatte, so beschäf­tigte es die wei­terhin die Ver­ant­wort­li­chen. Wäh­rend sich die Anhänger und Spieler von Cra­covia dar­über freuen konnten, dass das Spiel am grünen Tisch mit 3:0 für sie gewertet wurden, haderten die Wisla-Leute wei­terhin mit Mitusinski. Schieds­richter Mitusinski pfiff einen Schwei­neelfer“, schimpften diese noch Wochen nach dem Spiel.

Doch trotz allen Unmuts: Die durch diesen Elf­meter ver­ur­sachte Mas­sen­schlä­gerei war den Ver­ant­wort­li­chen von Wisla den­noch pein­lich. Am 30. April 1944, als Krakau schon von den Nazis befreit war, trafen sich die beiden Ver­eine im Sta­dion von Gar­barnia wieder zu einem Derby. Als das Spiel der Ein­heit“ wurde diese Partie aus­ge­rufen, um sich für die Gescheh­nisse von 1943 zu ent­schul­digen. Schieds­richter der Partie war wieder Tadeusz Mitusinski, der als Geste der Ent­schul­di­gung vor dem Anpfiff einen Blu­men­strauß geschenkt bekam. Fried­lich blieb es auch auf den Tri­bünen, obwohl Mitusinski in dem Spiel wieder einen Elfer für Cra­covia pfiff. Doch mit diesem konnten die Wisla-Fans leben. Cra­covia ver­schoss ihn und verlor am Ende mit 4:0.