Kai­sers­lau­tern, im Mai – Die Sonne steht schon recht tief, als man unter der Nord­tri­büne, im Bauch des Sta­dions, eine Ahnung bekommt, was alles in dem Wort Hoff­nung ste­cken kann. Bier­ti­sche stehen dort in Reihen, voll besetzt, es gibt Bre­zeln und Getränke, vor den Bänken steht ein Mann mit sehr mus­ku­lösen Ober­schen­keln.

Er hält ein Mikro­phon in der Hand, er ist hier, um Fragen zu beant­worten, doch viele wollen ihn nichts fragen, son­dern Sätze wie diesen sagen: Dass du dir das über­haupt antust – ich zieh’ den Hut.“ Rund­herum klat­schen sie nach sol­chen Sätzen, wäh­rend der Mann da vorne offenbar nicht weiß, ob er sich freuen oder Angst bekommen sollte.

Ich bin nicht so ruhig, wie es aus­sieht“

Doch es hört nicht auf, der nächste Redner for­dert, dass man nun end­lich wieder eine Familie werden müsse, zeigt dann auf den Mann mit dem Mikrofon und sagt: Wenn er dann unser Vater ist, gehen wir mit ihm durch dick und dünn.“ Es ist früher Abend im Fritz-Walter-Sta­dion, als eine Fra­ge­stunde für die Fans des 1. FC Kai­sers­lau­tern zur Hul­di­gung für Stefan Kuntz wird. Er ist 45, ehe­ma­liger Fuß­ball­profi, eine Lau­terer Legende, seit etwas mehr als einem Monat Vor­stands­chef des Ver­eins, letzte Hoff­nung der Men­schen an den Bier­ti­schen, dieser Stadt, der ganzen Region.

Zwei Tage sind es nun noch bis zum Sonntag, bis zum letzten Spiel der Saison, um 14 Uhr ist in Kai­sers­lau­tern Anstoß. Es geht gegen den 1.FC Köln, und es geht um alles. Kai­sers­lau­tern steht auf Platz 15, auf einem Abstiegs­platz. Gewinnt die Mann­schaft gegen die bereits auf­ge­stie­genen Kölner, bleibt der Klub in der Zweiten Bun­des­liga. Auch mit einem Unent­schieden könnte es gerade so rei­chen. Ver­liert er aber, steigt der FCK ab, in die dritte Liga, was man sich unge­fähr so vor­zu­stellen hätte wie einen Sänger, der früher ganze Sta­dien gefüllt hat und dessen Platten die Leute noch kaufen – der seine Stimme aber derart her­un­ter­ge­wirt­schaftet hat, dass er höchs­tens noch bei Betriebs­feiern auf­treten darf.

Dabei haben sie hier zwi­schen­durch nicht einmal damit gerechnet, dass es span­nend würde bis zum Schluss; bevor Kuntz kam, hatten selbst viele der Treu­esten auf­ge­geben. Mit ihm kamen die Hoff­nung und das Publikum zurück. Die Mann­schaft siegte wieder, holte Punkte und spielte, wie man es kaum noch für mög­lich gehalten hätte. Kuntz sagt zu den Men­schen vor ihm: Ich bin nicht so ruhig, wie es aus­sieht. Wenn ich allein in meinem Zimmer oder meinem Büro sitze, dann zitter’ ich genauso wie ihr.“

Alle wollen dabei sein

Es geht in Kai­sers­lau­tern bei sol­chen Sätzen um mehr als die Bilanz einer Saison. Es geht um Dinge, wie man sie im Büro von Stefan Kuntz sehen kann. Hinter dem Bespre­chungs­tisch hängen dort Fotos von Fuß­ball­mann­schaften, jeweils ein Spieler hält darauf die Meis­ter­schale in den Händen oder den DFB-Pokal. Es geht hier immer auch um Geschichte, was seit 1954 so ist, als zur deut­schen Welt­meister-Mann­schaft fünf Lau­terer gehörten, ange­führt von Fritz Walter – in der Repu­blik ein Mythos, in Kai­sers­lau­tern noch dazu all­ge­gen­wärtig.

Es geht aber, wenn in Kai­sers­lau­tern von der Ver­gan­gen­heit die Rede ist, seit langem nicht mehr nur um Hel­den­ge­schichten. Beim Treffen mit Stefan Kuntz drückt es ein Anhänger so aus: Wir sind so oft belogen und betrogen worden.“ Er sagt dies in einem Sta­dion, das nicht mehr dem Verein gehört, son­dern der Fritz-Walter-Sta­dion Kai­sers­lau­tern GmbH, die eine hun­dert­pro­zen­tige Tochter der finanz­schwa­chen Stadt ist. Der Klub zahlt laut Ver­trag 3,2 Mil­lionen Euro Miete pro Saison, dazu kommen laut Verein 1,8 Mil­lionen an Betriebs­kosten.

Vor kurzem hat der Stadtrat eine Miet­min­de­rung bis zum Ende der Saison beschlossen; es sind nun nur noch 1,8 Mil­lionen Euro. Der FCK, das bestreitet nie­mand in Kai­sers­lau­tern ernst­haft, hätte sonst vor der Insol­venz gestanden. Steu­er­geld hat ihn vor­erst gerettet, im Zusam­men­spiel mit den Haupt­spon­soren. Wie es wei­ter­gehen soll, wenn er absteigt, ist voll­kommen offen.

Es sind die jüngsten Aus­wir­kungen einer Kette von Fehl­ent­schei­dungen, die derart lang und viel­gliedrig ist, dass man die ein­zelnen Ele­mente kaum noch aus­ein­an­der­halten kann. Im Schnell­durch­lauf lässt sie sich so zusam­men­fassen: 1996, fünf Jahre nach dem Gewinn der Meis­ter­schaft, steigt der Verein aus der Ersten in die Zweite Bun­des­liga ab.

Der Klub wird grö­ßen­wahn­sinnig

Der dama­lige ehren­amt­liche Prä­si­dent wird abge­löst, es soll eine neue, pro­fes­sio­nel­lere Struktur her. Das Ruder führen nun der ehe­ma­lige Fuß­baller Jürgen Fried­rich und als Auf­sichts­rats­chef Robert Wie­sche­mann, zudem als Geschäfts­führer der frei­ge­stellte Lan­des­be­amte Ger­hard Herzog – später alle wegen Steu­er­hin­ter­zie­hung rechts­kräftig ver­ur­teilt.

Der Verein steigt zunächst wieder auf, wird sofort Deut­scher Meister, und heute sagen viele in Kai­sers­lau­tern, dass der Klub zu diesem Zeit­punkt grö­ßen­wahn­sinnig geworden sei. Es kommen neue, teure Spieler, 2002 über­nimmt der Schweizer Rene C. Jäggi die Spitze, er bleibt bis 2006. Der Verein über­nimmt sich finan­ziell mit dem Ausbau des Sta­dions, der not­wendig ist, weil Kai­sers­lau­tern Spielort der WM 2006 ist – ein Pres­ti­ge­pro­jekt auch für die Lan­des­re­gie­rung unter Kurt Beck, oberster Fan des FCK.

Jäggi, der diese Hypo­thek von seinen Vor­gän­gern über­nommen hat, ver­kauft das Sta­dion sowie das Nach­wuchs­zen­trum des Ver­eins an die städ­ti­sche Gesell­schaft. Es werden immer neue Spieler geholt, die bald wieder weg sind, weil der Erfolg regel­mäßig aus­bleibt. Fast ebenso schnell wech­seln die Trainer. Es gibt Gerichts­pro­zesse, die bis heute andauern, die Gräben werden immer noch tiefer. Stefan Kuntz, der 1995 als Spieler den Bet­zen­berg ver­ließ, sagt dazu: Wir müssen erstmal richtig Ver­trauen zurück­ge­winnen, bevor wir einen ver­nünf­tigen Etat auf die Beine stellen können.“ Das gilt für viele Seiten: die Stadt, die Banken und Spon­soren. Kuntz fügt hinzu: Das geht nicht in acht Wochen.“

Es gibt mehr als Fuß­ball

Die Misere hat wohl auch mit der Bedeu­tung zu tun, die dieser Verein für die Stadt hat. Um das zu begreifen, muss man durch die Fuß­gän­ger­zone gehen, die so trist und aus­tauschbar ist, wie Fuß­gän­ger­zonen mit­tel­großer Städte es oft sind; man muss dieses Rat­haus sehen, einen schmuck­losen Turm, den man ständig im Blick­feld hat. Man muss begreifen, dass die Stadt mit ihren 100.000 Ein­woh­nern außer dem FCK nicht viel hat, das sie bedeutsam, bekannt und auf den ersten Blick lie­bens­wert machen könnte. Wenn etwas aber so wichtig ist wie dieser Verein, dann wollen alle irgendwie dabei sein, mit­ma­chen, mit­ent­scheiden. Das geht über die Stadt hinaus. Die Pfalz ist wald­reich, sie ist in großen Teilen noch immer das, was man eine struk­tur­schwache Region nennt, seit vor allem die USA ihre Streit­kräfte vor Ort abge­baut haben. Der FCK ist das, was Poli­tiker wohl einen Leucht­turm nennen würden, auch wenn er nur noch fla­ckert.

Pro­fessor Lothar Litz weiß das, doch er redet gern über andere Leucht­türme. Litz, 58, ist Vize­prä­si­dent der Tech­ni­schen Uni­ver­sität Kai­sers­lau­tern, seit 16 Jahren lebt er hier. Er spricht über Auf­schwung, über Hoch­tech­no­logie, die sie hier ange­sie­delt haben, Fraun­hofer-Insti­tute. Er sagt, es habe einen Drive gegeben, den man aller­orten sieht“. Dann spricht er über die Helden von 1954: Die sind prä­sent, über die steht fast jede Woche etwas in der Zei­tung.“ Es klingt, als sollten die Über­fi­guren end­lich den Blick frei­ma­chen auf das, was For­scher, Unter­nehmer hier leisten. Der Fuß­ball“, sagt Litz, soll nicht der ein­zige Motor des Füh­lens in dieser Stadt sein.“

Von seinem Büro im zwölften Stock aus sind es nur ein paar Schritte bis zum Dach. Er geht einmal im Halb­kreis auf dem Dach herum und erklärt den Campus: dort das Audimax, da das Institut für Ver­bund­stoffe, rund­herum der Pfälzer Wald. Und drüben, über den Baum­wip­feln, erhebt sich das Sta­dion auf seinem Hügel. Es ist nicht zu über­sehen, auch von hier oben aus nicht. Nie­mand kommt daran vorbei. Für den Sonntag ist es aus­ver­kauft, 48.500 Men­schen werden dort sein. Weil es für sie um alles geht.