Es war nur eine Dose. In der Hin­runde erlaubte sich Lok Leipzig einen kleinen Scherz auf Kosten des unge­liebten, neu­rei­chen Stadt­ri­valen. Bei der Pres­se­kon­fe­renz nach dem Lokal­derby stand plötz­lich auch vor Lok-Trainer Marco Rose eine kleine Geträn­ke­dose. Nicht Red Bull, son­dern Rox stand darauf, eben­falls ein öster­rei­chi­scher Energy-Drink. Und zugleich neuer Sponsor von Lok Leipzig, wenn auch in anderen finan­zi­ellen Dimen­sionen. Doch der kleine Mar­ke­ting-Gag ist Geschichte, ein halbes Jahr später ist nie­mandem bei Lok Leipzig nach Spitzen gegen den Kon­kur­renten zumute.

Lok Leipzig braucht drin­gend Geld. Mal wieder. Vor zehn Jahren wurde der Verein unter dem ehe­ma­ligen Namen VfB Leipzig gegen die Wand gefahren und ging in die Insol­venz. Es folgte ein rasanter Ritt durch die untersten Ligen. Auf­bruch­stim­mung und Euphorie herrschten rund um die Auf­tritte des Tra­di­ti­ons­ver­eins in der dritten Kreis­klasse. Helden der club­ei­genen Ver­gan­gen­heit gaben im Ren­ten­alter Gast­spiele, genauso wie ein gewisser Lothar Mat­thäus. Mitt­ler­weile ist der Nach­fol­ge­verein des ersten Deut­schen Fuß­ball­meis­ters wieder bis in die Regio­nal­liga auf­ge­stiegen. Doch in der Win­ter­pause sickerte die Mel­dung durch, die nie­mand im Leip­ziger Stadt­teil Probst­heida je wieder hören wollte: Lok Leipzig droht die Insol­venz.

1974 im Zen­tral­sta­dion gegen Ips­wich“

Die Fans wollen das nicht noch mal mit­ma­chen“, sagt René Gruschka und erin­nert sich an den Finanz­kol­laps vor zehn Jahren. Gruschka geht seit seinem siebten Lebens­jahr zu Lok und stellt sich mit 1974 im Zen­tral­sta­dion gegen Ips­wich“ vor. An diesem Abend sitzt er allein in der Geschäfts­stelle des Ver­eins, einem funk­tio­nalen Flachbau auf dem Gelände des alt­ehr­wür­digen aber auch etwas bau­fäl­ligen Bruno-Plache-Sta­dions, und ver­packt Tri­kots. Eine offi­zi­elle Funk­tion im Verein hat der 46-Jäh­rige nicht, nor­ma­ler­weise kom­men­tiert er die Spiele für das Online-Fan-Radio Lokruf. Aber seit Januar ist er der viel­leicht wich­tigste Mann im Verein. Er feiert Über­stunden für seinen Verein ab und koor­di­niert zusammen mit Ste­phan Guth die Ret­tungs­ak­tionen der Lok-Fans: die Trikot-Aktion Ich steh drauf“, Ret­ter­karten und ‑shirts, Fähn­chen der Hoff­nung, Son­der­ver­käufe mit Rox-Paletten. Alles, was Geld bringen kann, wird ver­sucht.

Die Spon­so­ren­suche haben wir auch mit über­nommen, es ist ja keiner da für das Mar­ke­ting“, sagt Gruschka zu der schwie­rigen Per­so­nal­si­tua­tion beim Tra­di­ti­ons­verein. Das Prä­si­dium ist seit einem Jahr unter­be­setzt. Nachdem die Finan­ze­chefin Katrin Pahl­horn vor zwei Jahren ging, wurde von defen­siver auf offen­sive Bud­get­pla­nung umge­stellt. Ein anderer Finanzer blieb nur kurz. Zugleich ging der Über­blick ver­loren: Pahl­horn war nicht überall gut gelitten, aber sie war so wie eine Finan­zerin sein sollte: Gab nur das aus, was sie zur Ver­fü­gung hatte. Und hätte zu jedem Zeit­punkt bis auf den Cent sagen können, wie es um den Verein steht“, sagt ein Kenner des Ver­eins, der nicht nament­lich genannt werden möchte. Zugleich wirft er dem aktu­ellen Vor­stand vor, dass das jetzt anders ist.

Die Fans sind bitter ent­täuscht vom aktu­ellen Prä­si­dium. Sie fühlen sich nicht infor­miert, wollen mehr Trans­pa­renz. Man muss sich gut über­legen, wenn man als Verein alle Zahlen nach außen trägt“, erwi­dert Prä­si­dent Michael Notzon: Ich bin der Mei­nung, dass das gefähr­lich ist.“ Er habe nichts zu ver­bergen, befürchtet aber, dass die Zahlen auch eine fal­sche Signal­wir­kung für mög­liche Gönner, Helfer und Inves­toren haben könnten. Viel­leicht geben sie nichts, weil sie denken, dass es nicht mehr hilft. Oder sie tun es nicht, weil sie denken, dass es gar nicht nötig ist“, sagt Notzon und betont: Wir sind noch lange nicht gerettet.“

60 Ret­ter­karten, obwohl man nicht zum Spiel kann

In den ver­gan­genen zwei Wochen haben die Lok-Fans mehr als 100.000 Euro für die Ret­tung gesam­melt. Bei einem Gesamt­etat von nicht mal zwei Mil­lionen Euro. Gruschka spru­delt, als er erzählt, wie schnell die Ret­tungs­ak­tion der Fans in Gang kam: Wir haben uns spontan in einer Turn­halle getroffen und hatten mit 50 Leuten gerechnet. Am Ende kamen 250, dar­unter auch Trainer Marco Rose. Da haben wir alle Vor­schläge kata­lo­gi­siert.“ Bei dem Treffen Ende Januar wurde auch ver­ein­bart, das Aus­wärts­spiel beim Klas­sen­feind RB Leipzig nicht zu boy­kot­tieren. Marco Rose hatte uns gebeten, die Mann­schaft, die ja auch auf Teile ihrer Gehälter ver­zichtet, wei­terhin zu unter­stützen.“ Statt­dessen ent­schieden die Fans, zusätz­lich zu dem Ticket­preis auch fünf Euro für Ret­ter­karten“ zu bezahlen. Man­cher Fan kaufte gleich meh­rere: Um mein Gewissen zu beru­higen, weil ich beim Spiel gar nicht dabei sein kann“, erzählt etwa Mat­thias Löffler, der 60 Karten orderte, und auf dem Heim­trikot für die nächsten zwei Jahre habe ich grad neben meinem Namen auch den meiner Eltern und meiner Schwester gesi­chert“. Für 150 Euro pro Person. So wie Löffler ticken viele der mehr als 1800 Mit­glieder. Doch ob all das wirk­lich hilft, weiß nie­mand.

Wie prekär die Finanz­si­tua­tion wirk­lich ist, erfahren die Lok-Fans wohl am 12. März. Für den Tag wurde ein Info-Abend anbe­raumt, nachdem auch der Auf­sichtsrat den Vor­stand für eine man­gel­hafte Kom­mu­ni­ka­tion anzählte. Nebenbei sam­meln die Fans wei­terhin Unter­schriften für eine außer­or­dent­liche Mit­glie­der­ver­samm­lung. Zur Sicher­heit.

Sie fürchten um ihren Verein, so wie Udo Kie­se­wetter. Seit 1969 geht der 53-Jäh­rige zu Spielen des VfB und Lok Leipzig, hat vom Euro­pacup-Halb­fi­nale bis zur Kreis­klasse alles gesehen. Im Gegen­satz zur Situa­tion vor zehn Jahren sei die Hilfs­be­reit­schaft diesmal auch so groß, weil die Lage nicht aus­sichtslos ist: Damals fehlten ja Mil­lionen, das konnten wir Fans nicht stemmen.“ Zudem sei die Aus­gangs­si­tua­tion eine andere. Fin­dige Fans hatten 2003 bereits wäh­rend der Insol­venz des VfB den 1. FC Lok neu gegründet: So gab es eine Alter­na­tive“, erin­nert sich Kie­se­wetter: Die gibt es diesmal nicht.“

Der­weil rollt die Welle der Unter­stüt­zung. Aus Braun­schweig, Offen­bach oder Dresden wurde bereits Hilfe ange­boten, Test­spiele gegen Erst- oder Zweit­li­gisten sollen Geld bringen. Auch Lothar Mat­thäus hat schon wieder Tri­kots signiert, die ver­stei­gert werden. Vorige Woche stand plötz­lich sogar ein Chemie-Fan mit Schal bei uns auf der Geschäfts­stelle und hat 50 Euro gespendet“, erzählt Gruschka. Der ver­hasste Stadt­ri­vale, der bis vor zwei Jahren noch als FC Sachsen Leipzig fir­mierte und sich in die BSG Chemie und SG Leipzig-Leutzsch auf­split­tete, teilt neben der gegen­sätz­li­chen Abnei­gung auch die stets latent dro­hende Klamm­heit in den Kassen.

Insol­venz droht hier eigent­lich immer“

Eigent­lich müsste ich fast sagen, dass eine Insol­venz bei uns immer droht“, sagt Prä­si­dent Notzon etwas fata­lis­tisch dazu. Seit der Neu­grün­dung habe man stets kos­ten­de­ckend gewirt­schaftet. Nicht mehr, nicht weniger. Wir haben immerhin keine Schulden gemacht“, ergänzt er. Doch in der lau­fenden Saison kamen laut Notzon zum einen weniger Zuschauer als kal­ku­liert. Bei den tra­di­ti­ons­rei­chen Duellen gegen den 1. FC Mag­de­burg und den FC Carl Zeiss Jena, die aus Sicher­heits­gründen in der Leip­ziger Arena des Kon­kur­renten RB statt­fanden, war Notzon gera­dezu ent­täuscht“ vom Zuschau­er­zu­spruch. Da nützte auch der Viert­liga-Zuschau­er­re­kord in der Hin­runde gegen RB Leipzig nichts. Zum anderen stockte Notzon den Ver­trag mit dem Haupt­sponsor, dessen Chef er damals war, in den beiden Vor­jahren von 100.000 Euro frei­willig auf 300.000 auf. In dieser Saison konnte er das nicht mehr, weil er seine Anteile ver­kauft hatte.
Die Fans bemän­geln des­halb die ihrer Mei­nung nach zu ris­kante Pla­nung. Liqui­di­täts­pro­bleme seien schon im Vor­jahr auf­ge­kommen: Im Februar 2012 wurden kurz­zeitig Gehälter nicht gezahlt, ab dem Sommer blieben ein­zelne Rech­nungen offen“, sagt der Kenner. Trotzdem geben sich Fans wie Gruschka, Kie­se­wetter und Löffler kämp­fe­risch: Wir können den Verein noch retten“, sagen sie. Was sie nicht sagen, aber andere nur hinter vor­ge­hal­tener Hand aus­spre­chen: Das ist nur mit einem anderen Prä­si­dium zu schaffen.“ So würden Gläu­biger, die dem Verein durchaus wohl­ge­sonnen sind, mit sich reden lassen. Doch nicht mit dem aktu­ellen Vor­stand.

Wer eine Kneipe mietet, darf ihr auch einen Namen geben“

So zum Bei­spiel Fried­bert Striewe. Der Rechts­an­walt hat vor zehn Jahren den VfB Leipzig als Insol­venz­ver­walter abge­wi­ckelt. Der letzte Posten ist bis heute die Pacht für das Bruno-Plache-Sta­dion in Probst­heida. Das Gelände kostet den Verein viel Geld – allein von dem ver­brauchten Heizöl könnten wir drei Spieler bezahlen“, so der anonyme Kenner – des­halb will Notzon gerne das Erb­bau­pacht­recht von Striewe erwerben. Ungünstig war da, dass er es sich mit dem Freund des Ver­eins“ (Striewe) ordent­lich ver­scherzt hat. Einen mög­li­chen Kauf­termin ließ er platzen und dann ver­han­delte er, ohne Striewe zu infor­mieren, über einen Ver­kauf der Namens­rechte am Sta­dion. An diesen wäre wohl auch Sponsor Rox inter­es­siert. Notzon zog einem Jour­na­listen gegen­über den bedenk­li­chen Ver­gleich: Jeder, der eine Kneipe mietet, sei berech­tigt, ihr den Namen zu geben, den er möchte“, sagt Striewe. Vor dem Land­ge­richt Leipzig musste der Vor­stand am Mitt­woch eine Unter­las­sungs­er­klä­rung unter­zeichnen, zu behaupten, man ver­füge über die Namens­rechte am Sta­dion. Und für Lok Leipzig ist eine poten­ti­elle Geld­quelle vor­über­ge­hend ver­siegt.

Inso­fern ruhen die Hoff­nungen bis zum Tag der finan­zi­ellen Gewiss­heit auf René Gruschka. Ab Montag geht er wieder arbeiten. Bis 14 Uhr, danach geht’s dann wieder auf die Geschäfts­stelle“, sagt er sofort beru­hi­gend. Es ist noch viel zu tun und Gruschka gibt die Rich­tung für die kom­menden Wochen vor. Dann ver­packt er weiter T‑Shirts und klickt sich schnell noch einmal bei eBay durch die aktu­ellen Bie­ter­stände der Benefiz-Ver­stei­ge­rungen. Das alles zeigt, dass der Verein lebt. Aber die Spen­den­be­reit­schaft ist nicht unend­lich“, warnt er. Am Ende klam­mert sich auch Lok Leipzig viel­leicht bald an eine Dose.