Als das Spiel vorbei war, zitierte Fabio Capello einen Erfinder des modernen Fuß­balls. Er saß in einem ita­lie­ni­schen Fern­seh­studio und pol­terte: Wie Johan Cruyff immer sagte: Du sollst die gut­aus­se­henden Männer nicht in die Mauer stellen. Sie neigen dazu, weg­zu­ziehen, damit sie ihre Gesichter nicht beschä­digen.“ Wenige Minuten zuvor, im Ach­tel­fi­nal­rück­spiel der Cham­pions League, hatte Juventus Turin – so sah es der Ita­liener – einen fol­gen­schweren Fehler begangen. Und Cris­tiano Ronaldo in die Mauer gestellt. Der Frei­stoß von Portos Oli­viera glitt Sekunden später durch eben jene Mauer, rollte 16 Meter dahinter ins Tor, weil sich Ronaldo zu früh weg­ge­dreht hatte und sich so in der Mauer ein Spalt geöffnet hatte. Juventus Turin schied aus. Und mal wieder schei­terte Ronaldo. Einen Tag später tat es ihm Lionel Messi mit dem FC Bar­ce­lona gleich.

Dieser Text beruht auf einem Fehler. Zum ersten Mal seit 2004/05 werden weder Lionel Messi noch Cris­tiano Ronaldo das Cham­pions-League-Vier­tel­fi­nale errei­chen. Das sind 16 Jahre, in denen Messi und Ronaldo abwech­selnd und ins­ge­samt neun Mal die Cham­pions League gewannen. Dass sie nun zusammen aus­ge­schieden sind, ist eine Sta­tistik, die kon­stru­iert ist, weil Lionel Messi und Cris­tiano Ronaldo kaum etwas mit­ein­ander ver­bindet. Den besten Fuß­baller (Messi) und den besten Sportler (Ronaldo) eint wenig, sie spielen für unter­schied­liche Mann­schaften und seit einigen Jahren wieder in in anderen Län­dern, nur ein ein­ziges Mal trafen sie in einem Cham­pions-League-Finale auf­ein­ander. Sie waren einzig zur glei­chen Zeit die zwei Besten ihrer Sportart, deren nun zeit­glei­ches Schei­tern als Ende einer Ära defi­niert werden soll.

Mil­li­arden für bit­tere Klat­schen

Das Ende dieser Epoche, sollte sie es denn gegeben haben, wurde vor vier Jahren ein­ge­läutet. 2017 verlor der FC Bar­ce­lona 0:4 gegen Paris, nur ein unglaub­li­ches 6:1 im Rück­spiel ver­mied das frühe Aus­scheiden, das eine Runde später folgte, als Bar­ce­lona diesmal gegen Juventus im Hin­spiel 0:3 verlor – diesmal ohne Wende. 2018: Ein 0:3 im Vier­tel­fi­nale-Rück­spiel gegen Rom. 2019: Ein 0:4 im Halb­fi­nal­rück­spiel gegen Liver­pool. 2020: Eine 2:8‑Klatsche gegen die Bayern. Jedes ein­zelne Mal wurde Messi und seinen Mann­schaften auf­ge­zeigt, dass sie nicht länger das Maß sind. Der stil­bil­dende Ball­be­sitz­fuß­ball wird schon lange ver­misst, mitt­ler­weile kann der FC Bar­ce­lona nichtmal mehr das Gegen­pres­sing fort­dau­ernd auf­ziehen, für das sie so gefürchtet wurden, als sie unter Pep Guar­diola jeden Titel gewannen.

Dafür fehlen heute vor allem: die Spieler. Vier von ihnen, die am Mitt­woch­abend gegen Paris spielten, standen auch beim letzten Final­einzug 2015 auf dem Platz. Messi, Sergio Bus­quets, Jordi Alba und Tor­wart Marc-André ter Stegen. Rund um sie hat der Verein, den kol­por­tierte 1,173 Mil­li­arden Euro Schulden und interne Que­relen plagen, eine Aus­wahl aus Talenten wie den 18-jäh­rigen Pedri oder Óscar Min­gueza und Spieler wie Ous­mane Dem­bélé plat­ziert, die ihre Qua­lität nur pha­sen­weise abrufen. Erschre­ckender als das Aus­scheiden dürfte für die Kata­lanen gewesen sein, dass dieses Sze­nario schon im Vor­feld als wahr­schein­lich galt.

Imago0007709192h

Those were these days: Messi und Ronaldo im April 2011.

imago images

In Turin ver­halten sich die Dinge anders. Cris­tiano Ronaldo, der 36-jäh­rige Por­tu­giese, kam 2018 nicht als Wohl­stands­wahrer. Mit ihm erhoffte sich die Alte Dame“ zum einen die maxi­male Auf­merk­sam­keit, und zum zweiten end­lich den Hen­kel­pott zu ergreifen. Zuvor hatte Juve zweimal das Cham­pions-League-Finale ver­loren. Mit Ronaldo sollte das nicht noch einmal pas­sieren. Das war den Ita­lie­nern eine Ablö­se­summe von 100 Mil­lionen und ein Jah­res­ge­halt von 30 Mil­lionen Euro wert, wäh­rend sie zugleich Schulden von 350 Mil­lionen Euro ange­staut haben sollen. Und so gesehen löste Ronaldo alle Ver­spre­chungen ein: Turin verlor kein ein­ziges Cham­pions-League-Finale – die Mann­schaft nahm aller­dings auch nie an einem teil. Statt­dessen gab es frühe Aus­scheiden gegen Ajax Ams­terdam, gegen Olym­pique Lyon und nun in Porto. Gegen Ver­eine, die Turins eif­riger Prä­si­dent Andrea Agnelli für fast zu klein hält, dass sie über­haupt spielen sollten in der Königs­klasse, die er aktuell refor­mieren will. Aus­ge­rechnet. Agnellis großer Plan jeden­falls ist geschei­tert.