Seite 2: Wir sollten es nicht übertreiben?

Zu BVB-Geschäfts­führer Hans-Joa­chim Watzke war der Ernst der Lage auch am Sonntag noch nicht durch­ge­drungen. Beim Inter­view in der Sport­schau hatte sich der Frust über die ent­gan­gene 75-Mil­lionen-Euro-Tranche durch die TV-Ver­mark­tung wegen des am Freitag abge­sagten Spiel­tags tief in seine Gesichts­züge gegraben. Wäh­rend aller­orten über Aus­gangs­sperren zur Ein­däm­mung der Infi­zier­ten­zahlen dis­ku­tiert wurde, war Zah­len­mensch Watzke schon einen Schritt weiter und ver­kün­dete: Wir müssen ja irgend­wann zur Nor­ma­lität zurück­kehren. Wir sollten es auch nicht über­treiben. Die Gesund­heits­ge­fahr für eine Profi-Mann­schaft würde ich als nicht so gra­vie­rend ein­stufen. Wir sollten nicht das Kind mit dem Bade aus­schütten.“

Natür­lich steht auch die Bun­des­liga vor enormen Her­aus­for­de­rungen. Die Umsatz­ein­bußen sind enorm. Und auch die Per­spek­tiven sind beängs­ti­gend, schließ­lich ist schon jetzt absehbar, dass es sehr lange dauern wird, bis wieder Groß­ver­an­stal­tungen in der Dimen­sion eines Erst­li­ga­spiels zuge­lassen werden. Die DFL willl des­halb den Klubs vor­schlagen, die nächsten Spiel­tage zu ver­legen, um am Wochen­ende 17./18. April wieder den Spiel­be­trieb auf­zu­nehmen – im Zweifel auch ohne Sta­di­on­be­su­cher. Das TV-Geld soll um jeden Preis fließen. 

Im Kern ist diese Argu­men­ta­tion nach­voll­ziehbar. Man muss auch aner­kennen, dass Watzke den Mut hat, mit seiner Was Recht ist, muss Recht bleiben”-Haltung in die Öffent­lich­keit zu gehen. Denn er weiß, dass er sich angreifbar macht – auch für Bei­träge wie diesen. Ande­rer­seits: Ist es nicht ein wenig befremd­lich, wenn Fuß­ball­bosse wie einer inneren Bestim­mung fol­gend selbst dann noch nach Geld rufen, wenn um sie herum die Welt aus den Angeln gehoben wird? Jeder Mensch geht anders mit seiner Angst um. Küchen­psy­cho­lo­gisch aber lässt sich das Ver­halten der Bosse ähn­lich erklären wie die Hams­ter­käufe von Klo­pa­pier, die dem Hams­terer einen Res­t­er­halt von Zivi­li­sa­tion in einem chao­ti­schen Leben sug­ge­rieren. Frei nach dem Motto: Wenn alles in Trüm­mern liegt, will ich mir wenigs­tens ord­nungs­gemäß den Hin­tern wischen! Und wenn die ganze Welt ins Elend stürzt, wir haben immer noch einen gel­tenden TV-Ver­trag! Das geht es ums Prinzip.

Also: Geld her!

Wie panisch einige Prot­ago­nisten im Liga­ver­band ange­sichts des dräu­enden Sta­tus­ver­lusts sind, bekam auch Lever­kusen-Trainer Peter Bosz zu spüren. Er hatte auf der Pres­se­kon­fe­renz vor der Partie in der Europa League bei den Glasgow Ran­gers dafür geworben, Bun­des­li­ga­par­tien lieber zu ver­schieben, statt sie ohne Zuschauer abzu­halten. Der nie­der­län­di­schen Zei­tung Alge­meen Dag­blad berich­tete er nun von der Reak­tion aus der DFL: Sie haben mir gleich einen bösen Brief geschickt, ob der Lever­ku­sener Trainer den Mund halten könne.“

Dass es anders geht, bewiesen in der sonn­täg­li­chen Sport­schau die Auf­tritte von Hockey-Natio­nal­spie­lerin Selin Oruz und Alfons Hör­mann, dem Prä­si­denten des Deut­schen Olym­pi­schen-Sport­bundes. Im letzten Drittel wid­mete sich die ARD-Son­der­sen­dung zum Thema Corona. Infi­zierter Sport“ nach der Dis­kus­sion zur Lage der Bun­des­liga noch der mög­li­chen Absage von Olympia. Der DOSB-Prä­si­dent sagte, dass bei der Ent­schei­dung nicht die Sport­ver­bände son­dern die Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­tion WHO die maß­ge­bende Insti­tu­tion sein. Weil trotz aller wirt­schaft­li­chen Kose­quenzen, so Hör­mann, am Ende die Gesund­heit der Welt­be­völ­ke­rung und der Sportler im Vor­der­grund stehen müsse. Hockey-Star Oruz war deut­lich anzu­sehen, wie traurig sie eine Absage der Spiele machen würde. Für die Hockey-Elite ist Olympia das abso­lute High­light in der sport­li­chen Lauf­bahn und die Spie­lerin ordnet seit vier Jahren ihren gesamten Tages­ab­lauf diesem Ziel unter. Die Medi­zin­stu­dentin Oruz ließ aber auch keinen Zweifel auf­kommen, dass ange­sichts der Situa­tion Ein­zel­schick­sale und ihre per­sön­li­chen Befind­lich­keiten eine unter­ge­ord­nete Rolle spielen müssten – und sie sich ein­fach so gut wie mög­lich weiter vor­be­reiten würde. Im Rahmen unserer Mög­lich­keiten“, wie sie sagte.

Wer die finan­zi­ellen Rah­men­be­din­gungen der Sport­för­de­rung kennt, weiß, dass es hier nicht um Geld geht, son­dern darum, dass ein großer Leben­traum platzt, der sich später auch nicht mehr ver­wirk­li­chen ließe. Wir ver­su­chen trotzdem, positiv zu bleiben,“ so die Hockey-Natio­nal­spie­lerin.