In der Krise zeigt sich der wahre Cha­rakter. Die ver­gan­genen Tage haben gezeigt, wie schnell sich im Leben Prio­ri­täten ver­schieben können. Mil­lionen Men­schen in der Welt fürchten auf­grund der Aus­brei­tung des Corona-Virus um ihre Exis­tenz. Auf­träge werden stor­niert, Shops geschlossen, Grenzen dicht­ge­macht. Auch bei 11FREUNDE machen wir uns der­zeit Gedanken über grund­le­gende Fragen. Wie können wir den Ver­trieb und Erwerb unseres Fami­li­en­ma­ga­zins sicher­stellen? Welche Partner bleiben uns erhalten? Wie müssen wir uns auf­stellen, wenn der Ball auf Dauer ruht? Wahr­schein­lich wie die meisten da draußen: Wie soll das alles werden, wenn sich die Situa­tion nicht zeitnah ver­bes­sert?

Es gibt ver­schie­dene Arten auf eine der­ar­tige Not­lage zu reagieren. Die einen – mein sub­jek­tiver Ein­druck, aktuell die Mehr­heit in der Bevöl­ke­rung – ver­su­chen, die Ruhe zu behalten, abzu­warten und wo es geht, soli­da­risch zu sein. Schließ­lich ist das Virus sehr demo­kra­tisch, es macht vor nie­mandem Halt und jeder hat in Zeiten wie diesen Pro­bleme. Und sei es auch nur die Kon­fron­ta­tion mit dem eigenen Zweifel, um nicht zu sagen, mit der Angst. In jeder Krise liegt eber immer die Chance, etwas über sich und seine Mit­men­schen zu lernen.

Andere wie­derum reagieren hys­te­risch. Die Über­sprung­hand­lung ein­zelner, die in den letzten Tagen ver­zwei­felt Klo­pa­pier hams­terten, hat uns dies vor Augen geführt. Der Mensch ist ein Viech. Im Ange­sicht der Kata­strophe ist sich am Ende jeder selbst der Nächste. Welche zivi­li­sa­to­ri­schen Her­aus­for­de­rungen da in den kom­menden Wochen noch auf uns zukommen, wird sich zeigen.

Auch der Pro­fi­fuß­ball offen­bart dieser Tage ein ambi­va­lentes Ver­hältnis zu Empa­thie und Gemein­sinn. Es wurde gemeldet, dass Cris­tiano Ronaldo seine Hotels in Por­tugal zu Kran­ken­häu­sern umfunk­tio­nieren lässt, um Pati­enten zu ver­sorgen. Die Gehälter der Ärzte und Ange­stellten, so die Nach­richt, wolle der Profi aus eigener Tasche zahlen. Dann stellte sich die Mel­dung über Ronaldos Hilfs­ak­tion jedoch als Falsch­mel­dung heraus. Mal dahin gestellt, wel­chem Zweck derlei Fake News dienen und wer diese lan­ciert, eine sinn­volle Idee wäre es auf jeden Fall gewesen. Und Ronaldo hätte sein durch Steu­er­tricks und Ver­ge­wal­ti­gungs­vor­würfe zuletzt arg lädiertes Image zumin­dest in Ansätzen kor­ri­gieren können. Statt­dessen aber sitzt er, wie die meisten seiner gut bezahlten Kol­legen in der Spitze des Welt­fuß­balls, in seinem Geld­spei­cher und zählt die Taler.

Es geht am Ende des Tages auch im Pro­fi­fuß­ball um Finanzen“

Karl-Heinz Rummenigge

Auch aus der Bun­des­liga kam noch kein belast­barer Vor­schlag für kon­krete Unter­stüt­zung in der medi­zi­ni­schen Not­lage. Fuß­ball­stars betonen gern, dass sie trotz des Tru­bels, der um sie gemacht wird, die Boden­haf­tung behalten haben. Stellt sich die Frage, was genau das bedeutet. Defi­niert sich die Abge­ho­ben­heit eines Men­schen nicht letzt­lich dar­über, ob er eine Distanz zu sich und seinem Leben bewahrt und eine gewisse Fle­xi­bi­lität an den Tag legen kann? Sprich: Auch mal dazu in der Lage ist, sich ent­gegen seiner Gewohn­heiten zu ver­halten? Einigen scheint diese Fähig­keit, wie sich jetzt zeigt, abhanden gekommen zu sein.

Bayern-Boss Karl-Heinz Rum­me­nigge ließ es sich nicht nehmen, noch am Freitag kurz vor der Absage des Spiel­tags mit der Binse auf­zu­warten: Es geht am Ende des Tages auch im Pro­fi­fuß­ball um Finanzen.“ Zu einem Zeit­punkt, als in Ita­lien – keine 200 Kilo­meter von Mün­chen ent­fernt – bereits hun­derte Todes­opfer durch das Virus zu beklagen waren.

Zu BVB-Geschäfts­führer Hans-Joa­chim Watzke war der Ernst der Lage auch am Sonntag noch nicht durch­ge­drungen. Beim Inter­view in der Sport­schau hatte sich der Frust über die ent­gan­gene 75-Mil­lionen-Euro-Tranche durch die TV-Ver­mark­tung wegen des am Freitag abge­sagten Spiel­tags tief in seine Gesichts­züge gegraben. Wäh­rend aller­orten über Aus­gangs­sperren zur Ein­däm­mung der Infi­zier­ten­zahlen dis­ku­tiert wurde, war Zah­len­mensch Watzke schon einen Schritt weiter und ver­kün­dete: Wir müssen ja irgend­wann zur Nor­ma­lität zurück­kehren. Wir sollten es auch nicht über­treiben. Die Gesund­heits­ge­fahr für eine Profi-Mann­schaft würde ich als nicht so gra­vie­rend ein­stufen. Wir sollten nicht das Kind mit dem Bade aus­schütten.“

Natür­lich steht auch die Bun­des­liga vor enormen Her­aus­for­de­rungen. Die Umsatz­ein­bußen sind enorm. Und auch die Per­spek­tiven sind beängs­ti­gend, schließ­lich ist schon jetzt absehbar, dass es sehr lange dauern wird, bis wieder Groß­ver­an­stal­tungen in der Dimen­sion eines Erst­li­ga­spiels zuge­lassen werden. Die DFL willl des­halb den Klubs vor­schlagen, die nächsten Spiel­tage zu ver­legen, um am Wochen­ende 17./18. April wieder den Spiel­be­trieb auf­zu­nehmen – im Zweifel auch ohne Sta­di­on­be­su­cher. Das TV-Geld soll um jeden Preis fließen. 

Im Kern ist diese Argu­men­ta­tion nach­voll­ziehbar. Man muss auch aner­kennen, dass Watzke den Mut hat, mit seiner Was Recht ist, muss Recht bleiben”-Haltung in die Öffent­lich­keit zu gehen. Denn er weiß, dass er sich angreifbar macht – auch für Bei­träge wie diesen. Ande­rer­seits: Ist es nicht ein wenig befremd­lich, wenn Fuß­ball­bosse wie einer inneren Bestim­mung fol­gend selbst dann noch nach Geld rufen, wenn um sie herum die Welt aus den Angeln gehoben wird? Jeder Mensch geht anders mit seiner Angst um. Küchen­psy­cho­lo­gisch aber lässt sich das Ver­halten der Bosse ähn­lich erklären wie die Hams­ter­käufe von Klo­pa­pier, die dem Hams­terer einen Res­t­er­halt von Zivi­li­sa­tion in einem chao­ti­schen Leben sug­ge­rieren. Frei nach dem Motto: Wenn alles in Trüm­mern liegt, will ich mir wenigs­tens ord­nungs­gemäß den Hin­tern wischen! Und wenn die ganze Welt ins Elend stürzt, wir haben immer noch einen gel­tenden TV-Ver­trag! Das geht es ums Prinzip.

Also: Geld her!

Wie panisch einige Prot­ago­nisten im Liga­ver­band ange­sichts des dräu­enden Sta­tus­ver­lusts sind, bekam auch Lever­kusen-Trainer Peter Bosz zu spüren. Er hatte auf der Pres­se­kon­fe­renz vor der Partie in der Europa League bei den Glasgow Ran­gers dafür geworben, Bun­des­li­ga­par­tien lieber zu ver­schieben, statt sie ohne Zuschauer abzu­halten. Der nie­der­län­di­schen Zei­tung Alge­meen Dag­blad berich­tete er nun von der Reak­tion aus der DFL: Sie haben mir gleich einen bösen Brief geschickt, ob der Lever­ku­sener Trainer den Mund halten könne.“

Dass es anders geht, bewiesen in der sonn­täg­li­chen Sport­schau die Auf­tritte von Hockey-Natio­nal­spie­lerin Selin Oruz und Alfons Hör­mann, dem Prä­si­denten des Deut­schen Olym­pi­schen-Sport­bundes. Im letzten Drittel wid­mete sich die ARD-Son­der­sen­dung zum Thema Corona. Infi­zierter Sport“ nach der Dis­kus­sion zur Lage der Bun­des­liga noch der mög­li­chen Absage von Olympia. Der DOSB-Prä­si­dent sagte, dass bei der Ent­schei­dung nicht die Sport­ver­bände son­dern die Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­tion WHO die maß­ge­bende Insti­tu­tion sein. Weil trotz aller wirt­schaft­li­chen Kose­quenzen, so Hör­mann, am Ende die Gesund­heit der Welt­be­völ­ke­rung und der Sportler im Vor­der­grund stehen müsse. Hockey-Star Oruz war deut­lich anzu­sehen, wie traurig sie eine Absage der Spiele machen würde. Für die Hockey-Elite ist Olympia das abso­lute High­light in der sport­li­chen Lauf­bahn und die Spie­lerin ordnet seit vier Jahren ihren gesamten Tages­ab­lauf diesem Ziel unter. Die Medi­zin­stu­dentin Oruz ließ aber auch keinen Zweifel auf­kommen, dass ange­sichts der Situa­tion Ein­zel­schick­sale und ihre per­sön­li­chen Befind­lich­keiten eine unter­ge­ord­nete Rolle spielen müssten – und sie sich ein­fach so gut wie mög­lich weiter vor­be­reiten würde. Im Rahmen unserer Mög­lich­keiten“, wie sie sagte.

Wer die finan­zi­ellen Rah­men­be­din­gungen der Sport­för­de­rung kennt, weiß, dass es hier nicht um Geld geht, son­dern darum, dass ein großer Leben­traum platzt, der sich später auch nicht mehr ver­wirk­li­chen ließe. Wir ver­su­chen trotzdem, positiv zu bleiben,“ so die Hockey-Natio­nal­spie­lerin.