Jetzt am Kiosk: Heft #223

223 Cover Quadrat

Für unsere aktu­elle Aus­gabe #223 reisen wir mit euch quer durch das Land und zeigen euch die 150 geheimen und weniger geheimen Fuß­ball­orte, die man gesehen haben muss. Als kleiner Vor­ge­schmack prä­sen­tieren wir an dieser Stelle die Lieb­lings­orte der 11FREUNDE-Redak­teure. Diesmal: Tim Jür­gens über einen Sport­platz im ost­frie­si­schen Moor­dorf.

Ort: Sport­platz SV Ost­frisia Moor­dorf
Adresse: Waller Weg 9, 26624 Süd­brook­mer­land
Region: Ost­fries­land (zwi­schen Aurich und Emden)

Im Ama­teur­fuß­ball gibt es zwei Arten von Top­spielen: Die gegen den ver­snobten Seri­en­meister, das gepam­perte Team aus der Kreis­stadt, der sich mit Geld und Sach­werten gern die Dienste all der begabten Kicker aus der Gegend sichert. Und die Par­tien gegen Mann­schaften wie den SV Ost­frisia Moor­dorf.

Ein kamp­fes­lus­tiger Verein, der ganzen Stolz einer kleinen Gemeinde, der weder Respekt vor großen Namen noch vor tech­nisch beschla­genen Geg­nern hat. Für den schon die Groß­väter und Väter spielten, die nun ihren Söhnen und Enkeln auf dem Rasen Beine machen. Und bei dem alle in dem tiefen Bewusst­sein leben und han­deln, dass ihrem Klub ein Ruf vor­aus­eilt, der viel­leicht nicht schmei­chel­haft ist, den es aber zu bewahren gilt.

Ich bin in Aurich auf­ge­wachsen. Einer Klein­stadt, die sich als das grüne Herz von Ost­fries­land“ ver­steht. Ein Ort mit einem Schloss, Museen und einem kleinen Sta­dion. Eine dieser oben erwähnten Kreis­städte, wo die Leute gern ein biss­chen auf die umlie­genden Dörfer her­ab­schauen. Wie Moor­dorf, das nur wenige Kilo­meter ent­fernt an der Bun­des­straße 72 Rich­tung Emden liegt.

Als Kind war Moor­dorf für uns ein Syn­onym für Pro­vinz. Für Men­schen, die nur Platt­deutsch spra­chen, Pro­bleme mit der Recht­schrei­bung hatten und Mei­nungs­ver­schie­den­heiten gern mit der Faust regelten. Auch wenn wir deutsch­land­weit alle als Ost­friesen ver­hohnepie­pelt wurden, waren die Moor­dorfer für uns, die wir uns als Städter ver­standen, die wahren Adres­saten der Witze, die man über unseren Land­strich machte. Moor­dorf, so eine Legende, sei das kin­der­reichste Dorf Deutsch­lands. Da sei jeder um ein paar Ecken mit jedem ver­wandt. Wenn es in der Gegend irgendwo eine Schlä­gerei gab, waren die Ver­däch­tigen schnell aus­ge­macht: Die Moor­dorfer wieder …“. Und nach Ein­bruch der Dun­kel­heit hielt man sich eher fern von dort. Vom Land der flie­genden Messer.

Das Kli­schee über­trug sich auf den Fuß­ball. Traten wir mit der Jugend auf dem holp­rigen Geläuf an der Moor­dorfer Schule an, erwar­teten uns bereits in der D‑Jugend drei Dut­zend Erwach­sene, die jede Aktion von außen laut­stark kom­men­tierten und ihre Jungs in den grün­weißen Tri­kots antrieben, dass die wie auf­ge­zogen von einer Grund­linie zur anderen galop­pierten. Für Ost­frisia spielten nicht unbe­dingt die Ästheten, dafür bekamen es Gegner aber mit ver­schwo­renen Teams zu tun, die keinen Ball ver­loren gaben und oft noch ackerten, wenn der Schiri längst abge­pfiffen hatte. Mir wurde klar: Moor­dorfer waren viel­leicht eigen­artig, sie waren aber auch ver­dammt gut. Aber was blieb ihnen übrig, schließ­lich folgten ihren Her­ren­teams oft bis zu 500 Zuschauer zu Aus­wärts­spielen, die sich wie eine Mauer ringsum an der Außen­linie auf­bauten und stets mächtig Rabatz machten.

Ein Backen­zahn split­terte und Anna musste vor Gericht

Dieser Anhang machte Ein­druck. Die Moor­dorfer waren nicht nur viele, sie waren in einer Gegend, in der Ein­wort­sätze wie »Sauber!«, »Unter­stützen!« oder »Spööl!« schon als Gefühls­aus­brüche gelten, auch unge­wöhn­lich laut. Für manch Zart­be­sai­teten mochten sie auch bedroh­lich wirken. Denn im Über­schwang gingen mit so man­chem Anhänger auch mal die Pferde durch. Immer wieder kam es vor, dass bei Ost­frisia Zuschauer Bälle von der Linie kratzten, wenn der Keeper geschlagen war. In die Klub­ge­schichte gingen vier ältere Damen ein, die wäh­rend der sech­ziger, sieb­ziger und acht­ziger Jahre stets gemeinsam in einer Ecke des Platzes standen und bei jeder zwei­fel­haften Aktion dro­hend ihre Regen­schirme in die Höhe streckten. Bis heute trifft man in der Region viele Ex-Aktive und Zuschauer, die glaub­haft ver­si­chern, dabei gewesen zu sein, als eine der Senio­rinnen wahl­weise den Schieds­richter oder einen Spieler mit ihrem Schirm gepie­sackt habe. In man­chen Über­lie­fe­rungen ist auch von gewor­fenen Holz­schuhen die Rede. Fotos oder andere stich­hal­tige Beweise gibt es von derlei Aktionen jedoch nicht. Denkbar also, dass man­chem hier die Erin­ne­rung einen Streich spielt, schließ­lich passen derlei Anek­doten nur zu gut zum Image des unzähm­baren Dorf­klubs.

Die Legende von schlag­kräf­tigen Moor­dor­fe­rinnen nahm ihren Anfang in einem Kreis­klas­sen­match zwi­schen Osfrisia und dem SV Spet­zer­fehn im Mai 1955. Einem Bei­trag in der Ost­friesen-Zei­tung“ zufolge sei die 29-jäh­rige Anna auf den Rasen gestürmt und habe Schieds­richter Emil mit einem Schlag eine blu­tige Nase ver­passt. Ein Backen­zahn split­terte. Erklä­rung der Dame: Een van de Foot­ball­spölers hett min Bröer vör’t Been stött, un de Schieds­richter hett wie­der­spölen laten!“ Zuvor musste der Unpar­tei­ische bereits einen Kinn­haken eines Moor­dorfer Spie­lers hin­nehmen, den er wegen Belei­di­gung des Feldes ver­wiesen hatte. Vor Gericht wurde Anna zu einer Strafe von 30 Mark ver­don­nert, die die Moor­dor­ferin jedoch schuldig blieb, um statt­dessen alter­nativ drei Tage ins Gefängnis zu wan­dern.

Dieter Klüver war einer der besten Stürmer, die je für Ost­frisia gespielt haben. Ein tech­nisch beschla­gener Angreifer, groß und mus­kulös, mit kan­tigem Adler­ge­sicht und akku­rater Poma­de­frisur. Klüver ver­kör­perte mit jeder Pore den Gegen­ent­wurf zum tumben Dorf­bolzer. Einer, der es vorzog, die Dinge mit spie­le­ri­schen Mit­teln zu lösen, anstatt die Gras­narbe zu durch­pflügen. Klüver war in den sech­ziger Jahren auch bei grö­ßeren Ver­einen im Gespräch. Als junger Mann machte er eine Aus­bil­dung in einem Lebens­mit­tel­ge­schäft in der Kreis­stadt. Bei der Arbeit ließ man ihn nicht spüren, dass er aus dem ver­ru­fenen Vorort kam. Doch als er für ein Aus­wärts­spiel mit Ost­frisia nach Dienst­schluss gleich in Aurich blieb, wurden ihm die kul­tu­rellen Gegen­sätze auf dem nicht mal 500 Meter ent­fernten Ellern­feld gleich wieder bewusst. Beim Auf­laufen riefen Zuschauer: Da kommen die Bauern.“