Erster Akt – Expo­si­tion
Ach, ich bin so sen­ti­mental. Schwenke gerührt mein Dosen­bier und sehe die Straße hin­unter, die zum Sta­dion führt. Ein­tracht, Ein­tracht“, rufen die Leute, ein gleich­mä­ßiger Strom aus Schwarz-Weiß-Rot. Ebbt mal ab, braust mal auf, irgendwo hinter den Bäumen glüht schon die Arena. Es ist kalt und zugig. Der Herbst kommt und er riecht nach Wurst­buden und Äppler, nach frisch gemähtem Rasen und auch ein wenig nach der großen weiten Welt, nach U‑U-efa-Cup. Viel­leicht ein gol­dener Herbst für die Ein­tracht. Nach Jahren der Mit­tel­mä­ßig­keit, nach einem Abstieg, einem Auf­stieg und einer mär­chen­haften Saison könnte hier, heute, im zugigen, bro­delnden Stadt­wald, eine neue Ära beginnen. Magi­sche Euro­pa­po­kal­a­bende, Spit­zen­teams, die man in Grund und Boden kämpft. Ach, ich bin so sen­ti­mental, nehme noch einen Schluck vom Dosen­bier und spüle das Pathos hin­unter. Die Dose sollte lieber leer sein, wenn ich am Ticket­häus­chen meine Pres­se­karte abhole.

Zweiter Akt – Kom­pli­ka­tion
Eine wirk­liche Kom­pli­ka­tion gibt es nicht. Außer viel­leicht die, das ich am fal­schen Ein­gang des Sta­dions stehe und es nun einmal umrunden muss. Ich biege in die Otto-Fleck-Schneise. Sport­ver­bände reihen sich den Weg ent­lang wie Perlen auf einer Kette. DFB, DOSB, DVV, DTTB – Abkür­zungen wie Sprach­fehler. Um es erwähnt zu haben: Ich war noch nie bei einem Euro­pa­po­kal­spiel meiner Ein­tracht. Und ich hatte auf abseh­bare Zeit auch nicht damit gerechnet, die Mög­lich­keit dazu zu bekommen. Wenn das kein Grund zu feiern ist. Am Kas­sen­häus­chen steht ein älterer Herr mit seinem Sohn im Teen­ager­alter, nimmt ihn in den Arm und sagt Isch bin risch­disch uff­ge­rescht“. Er lächelt dabei und drückt seinen Jungen. Ich lächele auch, drücke in Erman­ge­lung eines Sohnes meine Sta­di­on­wurst. Auch gut. Ein schöner Tag.

Dritter Akt – Peri­petie
Und er wird immer besser. Ich betrete den Pres­se­be­reich und setze mich auf meinen Platz. Rechts von mir füllt sich die Kurve, wenig später wird der Poli­zei­marsch gespielt, heute zu Ehren des ver­stor­benen Kurt Schmidt. Auf dem Feld liegt der oran­ge­far­bene Logo-Tep­pich der Europa-League, die Mann­schaften reihen sich davor auf und die Hymne ertönt. Ein Moment, stolzer als Uwe Beins Schnauz­bart. Ich erin­nere mich dunkel an ein Spiel im UEFA-Cup, das ich als Kind am hei­mi­schen Fern­seher ver­folgte. Die Ein­tracht gewann 5:0 und es schallten Ruuudi, Ruuudi“-Rufe durch das Wald­sta­dion, zu Ehren Rudi Bom­mers. Ein magi­scher Wett­be­werb war das damals, in dem Spieler wie Bommer kurz­zeitig in den Rang eines Ruuuudis“ erhoben werden konnten. In dem La Coruna und Neapel geschlagen werden konnten. In dem Tony Yeboahs Ober­schenkel nochmal ein paar Zen­ti­meter an Umfang zuzu­legen schienen und die Pässe von Uwe Bein nochmal einen Tick schärfer durch die Abwehr­reihen schnitten. Mein sechs­jäh­riges Ich sitzt irgendwo auf der hei­mi­schen Couch in meinem Kopf und singt Die Sonne scheint bei Tag und Nacht, Mau­ri­iiiiizio Gau­diiino“. Ein Kol­lege setzt sich neben mich, aber ich kann gerade nicht reden, hab da was im Auge. Dann legen die Fans los. Die Kurve ist ein ein­ziges Fah­nen­meer, hun­derte, tau­sende kleine Fahnen über die gesamte West­kurve ver­teilt, das Sta­dion fla­ckert schwarz-weiß, es sieht aus wie ein rie­siges Fern­seh­bild ohne Emp­fang, nur mit Schnee. Schwarz-Weiß wie Schnee. Blitz­lichter blitzen, ein biss­chen Pyro brennt ab, roter Rauch steigt auf, es ist unglaub­lich laut und es riecht wie an Sil­vester. Vaclav Kadlec schießt das 1:0, die Arena eska­liert. Wenig später erzielt Marco Russ das 2:0 und all die Ärger­nisse, die Abstiege, Nacken­schläge der letzten Jahre, Jahr­zehnte, sind nur noch unbe­deu­tende Weg­posten auf dem Weg zu diesem Punkt. Die Fans singen wieder den Poli­zei­chor und ich sehne mich in die Kurve, mir unbe­kannte Neben­männer und ‑frauen her­zend und im Jubel den Nacken voller Bier. Ich will auch eine Fahne, will wenigs­tens mit­singen, ohne von den Kol­legen krumm ange­sehen zu werden. Im Herzen von Europa…“, mur­mele ich und tue so, als würde ich mir Notizen machen.

Vierter Akt – Retar­da­tion
Die Pause ver­bringe ich im Pres­se­bistro, eher aus Neu­gier. Sehe wurs­tes­send Rollo Fuhr­mann beim Wurst essen zu und gehe wieder hoch. Die zweite Halb­zeit fängt an, Con­stant Djakpa erzielt per Frei­stoß das 3:0 und im Sta­dion herrscht Volks­fest­stim­mung. Die Ein­tracht domi­niert den ver­meint­lich schwie­rigsten Gegner der Gruppe nach Belieben, Bor­deaux ist schwach. Keine Zidanes mehr, keine Papins oder Liz­a­razus. Der Sky“-Kommentator wird die Spieler von Girondins in der Zusam­men­fas­sung Nacht­schat­ten­ge­wächse“ nennen. Gehässig, aber irgendwie tref­fend. Aber auch wenn das nicht mehr das große Bor­deaux ist, auch wenn Zidane seine Glatze längst woan­ders poliert und Uwe Bein wahr­schein­lich gar keinen Schnäuzer mehr hat, auch wenn der UEFA-Cup nicht mehr so heißt und von vielen als Bana­nen­wett­be­werb abgetan wird, der im Schatten der Cham­pions League bedeu­tungslos geworden ist – dieser Abend ist etwas Beson­deres. Die Stim­mung, das Spiel, die fröh­liche, aus­ge­las­sene Ver­bun­den­heit der Zuschauer. Vor sieben Jahren spielte die SGE zuletzt inter­na­tional aber damals war das eher ein Aus­rut­scher. Heute ist es anders, magisch. Flut­licht, Drei Null, Ein­tracht Frank­furt inter­na­tional. Die Spieler lassen sich in der Kurve feiern, ich packe meinen Kram und gehe.

Fünfter Akt – Dénuoement
Dieser Tag hätte auch ein Drama werden können und nicht das Lust­spiel, das er geworden ist. Die ganze Stadt hatte diesem Spiel ent­ge­gen­ge­fie­bert, mit einer Nie­der­lage wäre die gute Stim­mung wohl erstmal dahin gewesen. Auf dem Weg zur Bahn treffe ich den Vater und seinen Sohn von der Kasse wieder. Der Mann wirkt immer noch auf­ge­regt aber auf eine kind­liche, freu­dige Weise. Sie laufen ein wenig vor mir her und arbeiten in brei­testem Hes­sisch die wich­tigsten Szenen des Spiels auf, dann biegen sie ab. Ich hoffe, er kauft seinem Jungen ein Trikot oder einen Schal. Oder viel­leicht sein erstes Sta­di­onbier, irgend­etwas, um diesen Abend fest­zu­halten.