Viel­leicht sollte man nun, wo das Ende absehbar ist, noch einmal daran erin­nern, wie alles anfing: in einem Klas­sen­zimmer. Im Früh­jahr 2000 war dort eine Gruppe von 19 vor­nehm­lich ver­dienten Fuß­ball­spie­lern zusam­men­ge­kommen, um im Rahmen eines Son­der­lehr­gangs zu Fuß­ball­leh­rern aus­ge­bildet zu werden. Dabei waren Mat­thias Sammer, Andreas Brehme oder Kras­simir Balakov, und aus Kali­for­nien war Jürgen Klins­mann ange­reist. Neben ihm saß Joa­chim Löw, der kein berühmter Spieler gewesen war, aber als dama­liger Trainer des Karls­ruher SC den deut­schen Trai­ner­schein brauchte, er hatte seinen näm­lich in der Schweiz gemacht. Der galt hier­zu­lande natür­lich nicht, obwohl sie Löw in der Schweiz abge­fah­renen Kram bei­gebracht hatten, wie eine Vie­rer­kette funk­tio­niert etwa. Und weil er das Sitz­nachbar Klins­mann erklären konnte, wurde Löw 2004 dessen Assis­tent bei der deut­schen Natio­nal­mann­schaft.

Seither ist viel pas­siert, inzwi­schen kann jeder halb­wegs ambi­tio­nierte Kreis­li­ga­trainer seiner Mann­schaft die Vie­rer­kette und ball­ori­en­tiertes Ver­tei­digen bei­bringen. Dass sich der Fuß­ball jedoch so massiv ver­än­dert hat, dazu hat Joa­chim Löw einen Bei­trag geleistet, der ver­mut­lich erst mit Abstand richtig erkennbar sein wird. Gerade ist schließ­lich alles über­la­gert von einer grund­schlechten Stim­mung gegen­über der Natio­nal­mann­schaft und der wahr­lich his­to­ri­schen 0:6‑Pleite gegen Spa­nien. Vor allem aber sind die meisten Fuß­ball­fans Löw ein­fach leid, so wie viele Men­schen Angela Merkel nicht mehr sehen können.

WM-Titel und Nasen­bohren

Doch es wird die Zeit kommen, in der man sich wieder mit einer gewissen Wärme an den immer etwas schra­tigen Löw erin­nern wird. Den Mann, der sich an der Sei­ten­linie gedan­ken­ver­loren in der Nase bohrte oder an seinen Ach­sel­höhlen schnüf­felte, der immer etwas ent­rückt und ver­schlossen wirkte. Aber natür­lich wird man an ihn auch als einen großen Sach­walter einer Gol­denen Fuß­ball­ge­nera­tion denken, die sich mit dem Gewinn der Welt­meis­ter­schaft 2014 in Bra­si­lien adelte. An einen Trainer, der die Mann­schaft 2010 zum WM-Dritten gemacht sowie 2008, 2012, und 2016 min­des­tens ins Halb­fi­nale der Euro­pa­meis­ter­schaft geführt hatte.

Wich­tiger noch als diese atem­be­rau­benden sport­li­chen Erfolge ist aber, dass Löw in diesen Jahren eine ent­schei­dende Kraft bei der Ver­än­de­rung des deut­schen Fuß­balls war. Löw wollte in einer Welt, in der immer nur Erfolge gezählt hatten, mit schönem Fuß­ball erfolg­reich sein. Als Kind hatte er für die Bra­si­lianer mit Socrates, Eder, Zico und Junior geschwärmt. Als Profi hatte er unter der Stu­pi­dität des Trai­nings und der Abwe­sen­heit tak­ti­scher Pla­nung gelitten. Und als junger Trainer schwärmte er für Arrigo Sac­chis AC Mai­land, wie damals fast alle Trainer einer neuen Genera­tion, ob sie nun Volker Finke oder Ralf Rang­nick hießen.