11 Freunde: Otto Addo, der Ras­sismus scheint zurück in Europas Sta­dien, zumin­dest häufen sich nach Jahren der ver­meint­li­chen Ruhe wieder die Schmä­hungen far­biger Spieler. Ein Grund für Sie, sich zu enga­gieren, wie in der aktu­ellen Kam­pagne Stand up Speak up“?

Otto Addo: Es ist und bleibt ein wich­tiges Thema. Und es ist gut, dass viele Spieler wie Chris­toph Met­zelder diese Kam­pagne unter­stützen. Die Fans in den Sta­dien müssen moti­viert werden, ras­sis­ti­sche Äuße­rungen im Sta­dion nicht zu akzep­tieren.

11 Freunde: Urwald­laute gehören zum Stan­dard-Reper­toire der Ras­sisten auf den Rängen. Bis­weilen begegnen Ihnen Vor­ur­teile aber auch dort, wo man sie nicht erwartet. Näm­lich auf dem Spiel­feld.

Addo: Ja. Es gibt ein, zwei Spieler, deren Namen ich nicht nennen möchte, die haben mich in der 2. Liga noch belei­digt, und nun in der 1. Liga, wo ich für Dort­mund spiele, waren die freund­lich zu mir. 11

11 Freunde: Was geht Ihnen da durch den Kopf?

Addo: Ich bin der Typ, der nicht auf Kon­fron­ta­tionen ein­geht, ich nehme das so hin und hoffe für mich, dass solche Men­schen ihren Teil gelernt haben.

11 Freunde: Täuscht der Ein­druck, dass der Ras­sismus zumin­dest in der Bun­des­liga in den ver­gan­genen Jahren abge­nommen hat?

Addo: Nein, ist der 1. Liga hat das nach­ge­lassen. Dafür gibt es aber in den unteren Ligen, in der 2. und 3. Klasse etwa, mehr Anfein­dungen. Ich weiß von Freunden, die da spielen, dass die sich des Öfteren ras­sis­ti­sche Äuße­rungen anhören müssen.

11 Freunde: Gibt es denn in der 1. Liga dafür eher eine ver­steckte Form von Ras­sismus? Also keine Affen­laute mehr, dafür sind die Fans aber kri­ti­scher?

Addo: Von aus­län­di­schen Spie­lern wird oft mehr erwartet als von deut­schen. Manche Fans glauben ja, dass diese Spieler den deut­schen den Platz weg­nehmen. Die Spieler sind oft teurer, werden extra ein­ge­kauft, dadurch sind die Erwar­tungen auch höher.

11 Freunde: Sie haben eigene Erfah­rungen mit Ras­sismus im Sta­dion sam­meln müssen. Das Spiel Energie Cottbus – Han­nover 96 im Jahre 1997 geriet zum Spieß­ru­ten­lauf. Ihr schlimmstes Erlebnis?

Addo: Außer­halb des Sports gab es noch schlim­mere Sachen, aber was den Fuß­ball angeht, war es das, ja. Weil das Sta­dion damals mit 20000 Zuschauern voll war, und auf einmal schreien die Fans zwei, drei Minuten lang: Neger raus!“ Ich hab’ gedacht, ich bin im fal­schen Film. Auch die Gegen­spieler haben mich und Gerald Asa­moah belei­digt, wollten uns pro­vo­zieren.

11 Freunde: Gab es keine Durch­sagen vom Sta­di­on­spre­cher, um dem Treiben etwas ent­ge­gen­zu­setzen?

Addo: Ganz im Gegen­teil. Ich weiß nicht, ob es dem Cott­buser Trainer Eduard Geyer in dem Moment bewusst war, aber als viele Zuschauer Neger raus!“ geschrien haben, stand er an der Sei­ten­linie und hat die Leute ermun­tert, wei­ter­zu­schreien. Ich weiß nicht, ob er gehört hat, was sie gebrüllt haben.

11 Freunde: Und gab es nachher Reak­tionen? Das Spiel wurde ja live im Fern­sehen über­tragen, und auch wenn der Reporter gar nicht auf die Sprech­chöre ein­ge­gangen ist, konnten die Zuschauer mit­be­kommen, was da pas­siert.

Addo: Von Cott­buser Seite ist da nichts gekommen. Gerald Asa­moah und ich wurden danach aber sehr häufig inter­viewt. Das war es dann auch. Von offi­zi­eller Seite, etwa vom DFB, wurde auch nichts gegen Cottbus ein­ge­leitet, das wurde ein­fach ad acta gelegt.

11 Freunde: Was ist Ihnen in Cottbus auf dem Platz durch den Kopf gegangen? Haben Sie mal daran gedacht, das Feld aus Pro­test zu ver­lassen?

Addo: Ich wollte das Spiel damals unbe­dingt gewinnen, es ging ja um den Auf­stieg. Dass mit dem Ver­lassen des Feldes wäre viel­leicht mal eine Idee. Aber es müsste schon die ganze Mann­schaft vom Platz gehen. Es geht natür­lich um viel.

11 Freunde: Hat Ras­sismus eine Rolle wäh­rend der Kar­riere gespielt, bei der Aus­wahl eines Klubs? Ganz kon­kret: Haben Sie vor einem Wechsel Infor­ma­tionen über das Umfeld ein­ge­holt?

Addo: Klar spielt das eine Rolle. Aber es ist nie so gewesen, dass ich des­wegen eine Ent­schei­dung gegen einen Verein habe treffen müssen. Als Anfang der 90er die Gewalt­taten im Osten gegen Aus­länder zunahmen, wäre ich da nicht hin­ge­wech­selt. Dass ich mich damals für die gha­nai­sche Natio­nal­mann­schaft ent­schieden habe, hängt auch mit nega­tiven Erfah­rungen zusammen. Ich finde aller­dings sehr gut, dass Gerald Asa­moah für Deutsch­land spielt. Das muss jeder für sich ent­scheiden. 11

11 Freunde: Die deut­sche Fuß­ball­be­richt­erstat­tung liebt die Kli­schees. Streng nach dem Motto: Der ball­ver­liebt tän­zelnde Afri­kaner hier, der höl­zerne deut­sche Abwehr­spieler dort. Nerven Sie solche Ste­reo­type?

Addo: Das stört schon ein biss­chen, aber damit kann ich umgehen. Der krasse Ras­sismus, jemanden wegen seiner Haut­farbe anzu­feinden, ist viel schlimmer.

11 Freunde: Hat sich die Situa­tion in der obersten Spiel­klasse auch ent­spannt, weil es far­bige Natio­nal­spieler gibt, weil mul­ti­kul­tu­relle“ Teams normal sind?

Addo: Auch dank Gerald Asa­moah oder Patrick Owo­moyela sind far­bige Spieler mitt­ler­weile viel mehr aner­kannt und akzep­tiert. Ich denke, dass man gene­rell dif­fe­ren­zieren muss zwi­schen jenen Fans, die ein­fach nur den Gegner irri­tieren wollen, und zwi­schen denen, die das genauso meinen, was sie sagen.

11 Freunde: Sie haben eben bereits ange­spro­chen, dass Ras­sismus Ihnen ja nicht nur auf dem Fuß­ball­feld begegnet ist. Sie haben als Jugend­li­cher in Ham­burg Schlimmes erlebt.

Addo: Ja, da haben mich zum Bei­spiel Skin­heads ver­folgt. Ein Freund von mir wurde ver­prü­gelt, ich stand kurz davor. Zwei, drei Mal konnte ich ent­wi­schen. Die haben uns mit Autos ver­folgt, Fla­schen nach uns geschmissen. Ich konnte das bei meiner Mutter nicht pro­ble­ma­ti­sieren, weil sie mich dann nicht mehr zum Fuß­ball gelassen hätte. Wir lebten in Nor­der­stedt, wo es damals viele Rechts­ra­di­kale gab. Wenn ich vom Trai­ning kam, wurde ich einige Male ver­folgt. Ich habe ver­sucht, die Skin­heads zu meiden, habe eine andere Hal­te­stelle genommen, um deren Treff­punkt aus dem Weg zu gehen.

11 Freunde: Sie haben mal erzählt, dass es auch in Dort­mund noch vor­kommt, dass Bahn-Schaffner Sie nach einer Fahr­karte fragen, Ihre weißen Freunde aber nicht.

Addo: So was erlebe ich auch immer noch. Mit­unter tut es ihnen auch Leid, wenn sie mich dann erkennen. Zum Bei­spiel die Polizei: Wenn die sehen, dass ein dun­kel­häu­tiger Mensch einen teuren Wagen fährt, dann drehen die auf der Straße um und halten dich an. Manchmal pas­siert das drei Mal am Tag. Und dann for­dern sie in einem ernsten Ton Aus­weis­pa­piere von mir und allen Insassen. Einmal mussten wir sogar aus­steigen und uns durch­su­chen lassen. Wenn sie dann meinen Namen lesen, werden die Stimm­lagen gleich freund­li­cher, zumin­dest wenn sie Ahnung vom Fuß­ball haben und mich erkennen. So was ist mir überall pas­siert, in Ham­burg, Han­nover, Dort­mund. Es kommt heute auch noch vor, dass mich Dort­mund-Fans in gebro­chenem Eng­lisch anspre­chen.

11 Freunde: Wie beur­teilen Sie das Enga­ge­ment der Ver­bände im Kampf gegen den Ras­sismus? Es gibt ja Vor­würfe, dass der DFB sich höchs­tens zu Ali­bi­ak­tionen wie Mein Freund ist Aus­länder“ hat hin­reißen lassen…

Addo: Die könnten ruhig offen­siver mit dem Thema umgehen, die setzen sich schon eher mit anderen Pro­blemen aus­ein­ander. Da muss der Druck halt von der Öffent­lich­keit kommen.

11 Freunde: Was halten Sie prin­zi­piell von Sank­tionen wie Platz­sperren oder Geld­strafen, die Ver­bände aus­spre­chen können?

Addo: Mich hat es gewun­dert, dass der Lazio-Spieler Paolo Di Canio meines Wis­sens nach für seine Hit­ler­gruß-Jubel­pose keine Strafe bekommen hat. Dabei soll jeder mit­be­kommen, dass Ras­sismus im Sport keine Chance hat.

11 Freunde: Sind Sta­di­on­ver­bote eine Lösung?

Addo: Ja, wer nicht mehr mit Geg­nern auf sport­li­cher Ebene umgehen kann, der hat im Sta­dion nichts zu suchen.

11 Freunde: Werfen wir einen Blick über die Grenzen: In den ver­gan­genen Wochen gab es ras­sis­ti­sche Vor­fälle in Spa­nien oder Ita­lien. Haben Sie das ver­folgt?

Addo: Ja, gerade bei Lazio. Es ist sehr bedenk­lich, wenn es Ver­eine gibt, die in der Ver­gan­gen­heit auf Druck der eigenen Fans keine far­bigen Spieler ver­pflichtet haben. Es ist das fal­sche Sig-nal, sich so dem Willen der Fans zu beugen. Die Ver­eine sollten es in Kauf nehmen, ein paar Tau­send Anhänger zu ver­lieren. Ich habe regel­mäßig Kon­takt zu drei Spie­lern aus der gha­nai­schen Natio­nal­mann­schaft, die in der Serie A bei Juve, Bre­scia und Udi­nese spielen. Die berichten, dass es schon ziem­lich hart ist, vor allem bei Aus­wärts­spielen. Aber nicht nur das, krass ist es auch außer­halb des Platzes, im All­tags­leben. 11

11 Freunde: Der zuletzt von geg­ne­ri­schen Fans häufig mit Urwald-Rufen bedachte Barça-Spieler Samuel Eto’o hat vor kurzem in einem Inter­view mit der eng­li­schen Sport­zeit­schrift Four­FourTwo“ gesagt, dass der Ras­sismus in Spa­nien nur durch die Medien hoch­ge­schau­kelt würde. Können Sie diese Sicht­weise nach­voll­ziehen?

Addo: Das ist kurz­sichtig gedacht. Man muss ras­sis­ti­sche Vor­fälle the­ma­ti­sieren. Sobald so was auf­kommt, muss man zeigen, dass es Leute gibt, die dagegen sind.

11 Freunde: Eto’o hat auch Spa­niens Natio­nal­trainer Luis Ara­gonés in Schutz genommen, der den Arsenal-Spieler Thierry Henry als Scheiß-neger“ titu­liert hatte…

Addo: Auch wenn es viel­leicht im Affekt war: Dieser Spruch darf dem spa­ni­schen Natio­nal­trainer nicht pas­sieren. Er muss sich seiner Vor­bild­rolle bewusst sein. Die Gefahr, dass auch andere Ähn­li­ches von sich geben, wird nied­riger. Die Medien sind wichtig, um solche Vor­fälle nicht her­un­ter­zu­spielen.

11 Freunde: Apropos Medien: Sie sagten einmal, die dümmste Frage, die Ihnen jemals gestellt wurde, sei die von ZDF-Reporter Rudi Cerne gewesen, der Sie 2003 im Sport­studio sinn­gemäß fragte, welche Haut­farbe Sie wählen würden, wenn Sie sich sie aus­su­chen könnten.

Addo: Die Frage war eigent­lich nur dumm in dem Zusam­men­hang, weil er sich zuvor noch nach meinen Erfah­rungen mit Ras­sismus erkun­digt hatte. Was den Inhalt betrifft, glaube ich, dass er diese Frage keinem Weißen stellen würde.

11 Freunde: Hat sich Rudi Cerne danach bei Ihnen ent­schul­digt?

Addo: Ja. Er hat mich unmit­telbar nach der Sen­dung ange­rufen, als ich auf der Rück­fahrt nach Dort­mund war. Zuvor waren wohl bereits Anrufe und Faxe von Zuschauern beim Sport­studio ein­ge­gangen. Er hat mir dann gesagt, dass ihm das gar nicht bewusst war, dass ihm das Leid tue, und das habe ich ihm auch abge­nommen.