Es kommt immer näher!“
 
Der ehe­ma­lige Bun­des­li­ga­profi Timo Hil­de­brand war ver­gan­gene Woche mit der deut­schen Natio­nal­mann­schaft nach Paris gereist und einer der wenigen, die sich noch am Frei­tag­abend zu den Anschlägen äußerten. Sein State­ment war kurz, aber kaum jemand brachte die all­ge­meine Stim­mung so gut auf den Punkt wie er. Er beschrieb mit vier Wör­tern etwas, das eigent­lich nicht zu beschreiben war. Ein beklemmdes Gefühl, ein Unbe­hagen, das es im Fuß­ball noch nie zuvor gegeben hatte.
 
Eine Halle ver­drahtet C4-Spreng­stoff

Natür­lich mussten wir in den ver­gan­genen 50 Jahren immer mal wieder schlimme Anschläge vor dem Hin­ter­grund von Sport­ver­an­stal­tungen erleben. 1972 stürmten etwa paläs­ti­nen­si­sche Ter­ro­risten des Schwarzen Sep­tem­bers“ das Olympia-Camp der israe­li­schen Mann­schaft. 17 Men­schen starben. 1996 das IRA-Attentat in Man­chester mitten wäh­rend der EM 1996 in Eng­land. 2002 die Auto­bombe der bas­ki­schen ETA in der Nähe des Ber­nabeu-Sta­dions vor dem Cham­pions-League-Spiel zwi­schen Real Madrid und dem FC Bar­ce­lona. 2010 der Angriff der FLEC auf den Mann­schaftsbus der togoi­schen Natio­nalelf.
 
Aber dieser Frei­tag­abend in Paris war anderes. Es war das erste Mal, dass der Terror an einem voll­be­setzten Fuß­ball­sta­dion ange­kommen war – und es fehlte nicht viel, da wäre er ein­fach hin­ein­spa­ziert. An jenem 13. November schien es, als seien mit einem Mal all die Schre­ckens­vi­sionen und Hol­ly­wood-Dreh­bü­cher Rea­lität geworden.

Diese unmit­tel­bare und extrem nahe Bedro­hung, die Bombe unter Sitz 7, Reihe 29, die Kalasch­nikow am Würst­chen­stand, der Spreng­stoff­gürtel mitten in der Fan­kurve. Wie im Film Black Sunday“ (1977), wo eine paläs­ti­nen­si­sche Ter­ror­gruppe eine Split­ter­bombe über einem Sta­dion explo­dieren lässt. Wie in Sudden Death“ (1995), wo schwer­be­waff­nete Ter­ro­risten in eine Eis­ho­ckey-Arena ein­dringen und die kom­plette Halle mit C4-Spreng­stoff ver­drahten.

Unsere Spieler sind ein attrak­tives Angriffs­ob­jekt“
 
Ist all das nun trau­rige Rea­lität? Ist der Sport und ganz spe­ziell der Fuß­ball Ziel­scheibe des Ter­rors geworden? Hatten wir bis­lang nur ein­fach Glück, dass es keine Ter­ror­an­schläge bei Fuß­ball­spielen gab? Oder wurde der Fuß­ball bis­lang bewusst ver­schont? Zumin­dest DFB-Vize­prä­si­dent Rainer Koch sagte am Wochen­ende: Unsere Spieler sind ein attrak­tives Angriffs­ob­jekt.“
 
Eigent­lich gilt Fuß­ball in der Logik der mili­tant-isla­mis­ti­schen Ter­ro­risten als haram, also als Sünde. Wobei man, so absurd das klingt, auf den ersten Blick sogar zwi­schen ein­zelnen Gruppen dif­fe­ren­zieren kann.
 
Orga­ni­sa­tionen wie Hizbul Islam oder Al-Shabaab sagen explizit, dass der Fuß­ball Geld- und Zeit­ver­schwen­dung sei und vom hei­ligen Krieg abhalte. In Somalia, wo diese Gruppen wirken, wurden in den ver­gan­genen Jahr­zehnten schon Men­schen hin­ge­richtet, nur weil sie Fuß­ball­spiele im Fern­sehen ange­schaut haben. Der Spiegel“ berich­tete Ende 2006 von zwei Soma­liern, die ermordet wurden, weil sie sich die Partie Liver­pool gegen Chelsea ange­schaut hatten. Und am 11. Juli 2010 ver­übten Al-Shabaab-Ter­ro­risten zwei Bom­ben­an­schläge in der ugan­di­schen Haupt­stadt Kam­pala, bei dem über 70 Men­schen starben. Sie hatten sich in Cafés ver­sam­melt, um das WM-End­spiel zwi­schen Spa­nien und Hol­land zu schauen.
 
Ähn­lich agieren andere Gruppen wie die radikal-isla­mis­ti­sche Ter­ror­gruppe Boko Haram in Nigeria. Bei einem Selbst­mord­at­tentat im Juni 2014 starben 21 Men­schen, die sich in der nige­ria­ni­schen Stadt Dama­turu für ein Public Viewing ver­sam­melt hatten. Ihr Anführer Abu­bakar Shekau sagte, Fuß­ball sei eine Ver­schwö­rung des Wes­tens, um Mus­lime von der Aus­übung ihrer Reli­gion abzu­halten“.