Der Zug am Ham­burger Haupt­bahnhof stand bereits unter Dampf in diesen kalten Mor­gen­stunden des 19. Sep­tember 1933. Asbjørn Hal­vorsen, ein 34 Jahre alter Mann mit blonden, zurück­ge­kämmten Haaren, war im Begriff, in seine Heimat Nor­wegen zurück­zu­kehren. In der Hand hielt er einen Fuß­ball, mit dem er bei seinem Abschieds­spiel für den Ham­burger SV sein letztes Tor geschossen hatte.

Viele Fans und Ver­eins­ver­ant­wort­liche ver­ab­schie­deten ihn mit Blu­men­sträußen und Gesängen, da has­tete kurz vor der Abfahrt noch jemand herbei: Otto Fritz Tull“ Harder, nicht nur Hal­vor­sens lang­jäh­riger Mit­spieler, son­dern auch enger Freund. Harder hatte zunächst am Hafen gewartet, von dem aus Hal­vorsen eigent­lich auf­bre­chen wollte. Gerade noch recht­zeitig erreichte er das Gleis, um seinem Freund Lebe­wohl zu sagen. Es war wohl die letzte Begeg­nung der beiden, min­des­tens für die darauf fol­genden zwanzig Jahre.

Tull“ Harder wurde Mit­glied der SS und Kom­man­dant im Kon­zen­tra­ti­ons­lager, Asbjørn Hal­vorsen ins KZ depor­tiert.

In den zwan­ziger Jahren hatten die beiden ein erfolg­rei­ches Duo beim Ham­burger SV gebildet und meh­rere nord­deut­sche und deut­sche Meis­ter­schaften gewonnen. Hal­vorsen trat als Spiel­ge­stalter mit hohem Spiel­ver­ständnis auf, ein unei­gen­nüt­ziger, beschei­dener Typ. Und Harder ver­wer­tete die Vor­lagen, ein Stürmer mit hartem Schuss, ein Drauf­gänger mit Möbel­pa­cker-Kreuz“ und Hang zum Alkohol. Doch auch beim letzten Treffen am Ham­burger Haupt­bahnhof muss den beiden klar gewesen sein, wie unver­einbar ihre vor­ge­zeich­neten Lebens­wege schienen.

Einer der ersten aus­län­di­schen Stars

Harder war glü­hender Natio­na­list, hatte nach dem Ersten Welt­krieg das Eiserne Kreuz erhalten und war 1932 der NSDAP bei­getreten. Hal­vorsen, der als Schiffs­makler 1921 aus Nor­wegen nach Ham­burg gekommen war und im Fuß­ball zu einem der ersten aus­län­di­schen Stars wurde, kehrte Nazi-Deutsch­land den Rücken. Im Buch A‑Laget“ von Svein Saeter und Johan Oiestad heißt es sogar: Ihm wurde ange­boten, Kapitän der deut­schen Natio­nal­mann­schaft zu werden, sollte er die Staats­bür­ger­schaft wech­seln. Dies lehnte er ab.“

Drei Jahre nach seinem Abschied führte das Schicksal Hal­vorsen wieder nach Deutsch­land. Er war mitt­ler­weile Trainer der nor­we­gi­schen Natio­nalelf, durch seine Erfah­rung im Aus­land genoss er in Nor­wegen hohes Ansehen. Seine Spieler schätzten ihn dafür, die rich­tige Balance zwi­schen Strenge und Ver­trauen zu finden. Beim olym­pi­schen Fuß­ball­tur­nier 1936 traf Hal­vor­sens Aus­wahl im Vier­tel­fi­nale auf Gast­geber Deutsch­land und schaffte mit einem 2:0 einen echten Über­ra­schungs­er­folg. Es war das ein­zige Fuß­ball­spiel, das sich Adolf Hitler ange­schaut hat. Er soll noch vor dem Abpfiff wut­schnau­bend das Sta­dion ver­lassen haben.

Er siegte gegen Deutsch­land – Hitler sah zu

Hal­vorsen gewann mit seiner Mann­schaft die Bron­ze­me­daille, was bis heute als einer der größten Erfolge in der Geschichte der nor­we­gi­schen Natio­nal­mann­schaft gilt. Seiner Zeit voraus, stellte Hal­vorsen haar­ge­naue Ana­lysen des Geg­ners auf und führte sein Team so zur WM 1938 in Frank­reich. Beim fei­er­li­chen Ban­kett ließ er sich zur Freude seiner Spieler gar darauf ein, mit seinen Kol­legen den Lam­beth walk“ zu voll­führen – einen Tanz aus dem sei­ner­zeit popu­lären Musical Me and My Girl“. Hal­vorsen, der Dis­zi­plin­fa­na­tiker mit der nötigen Prise Charme und Humor, wurde zu einer zen­tralen Figur im nor­we­gi­schen Fuß­ball­ver­band.

Die dunklen Wolken aller­dings, vor denen er 1933 geflohen war, holten ihn ein. Am 9. April 1940 über­fiel die deut­sche Wehr­macht Nor­wegen. Im November erließen die Besatzer eine Ver­ord­nung, nach der der gesamte Sport­ver­band unter ihre Auf­sicht gestellt und das Per­sonal aus­ge­tauscht werden sollte. Die nor­we­gi­schen Funk­tio­näre ver­suchten sich in einem Streik und ver­ließen ihre Büros. Hal­vorsen for­mu­lierte ein Pro­test­schreiben des Fuß­ball­ver­bandes, in dem er an demo­kra­ti­sche Werte erin­nerte. Nur auf der Ver­samm­lung gewählte Ver­trau­ens­männer könnten die Lei­tung über­nehmen, schrieb er.

Wir sind der Auf­fas­sung, dass diese Ver­ord­nung keine Grund­lage im nor­we­gi­schen Recht oder dem Völ­ker­recht besitzt.“ Die abge­setzten Funk­tio­näre orga­ni­sierten heim­liche Spiele, eine Koope­ra­tion mit den Nazis kam für sie und ins­be­son­dere Hal­vorsen nicht in Frage. Beim nor­we­gi­schen Pokal­end­spiel soll er den Reichs­kom­missar Josef Ter­boven daran gehin­dert haben, zur Ehren­loge zu gelangen. Diese war für die im Exil lebende nor­we­gi­sche Königs­fa­milie reser­viert.