Die eigene Kind­heit ist in der Retro­spek­tive oft ein buntes Pot­pourri aus klaren und mal weniger klaren Bil­dern. Manche Ereig­nisse kann man mes­ser­scharf wie­der­geben, andere blitzen nur noch sche­men­haft vor dem geis­tigen Auge auf. An das Cham­pions-League-Finale 2002 in Glasgow erin­nere ich mich ziem­lich genau. Es ist eine meiner ersten wirk­lich ein­präg­samen Fuß­bal­ler­in­ne­rungen im Fern­sehen. Auch heute noch könnte ich die Auf­stel­lung von Bayer Lever­kusen relativ pro­blemlos auf­zählen: Butt, Nowotny, Sebe­scen, Lucio, Bal­lack, Bastürk und und und. Auf der anderen Seiten standen die galak­ti­schen König­li­chen von Real Madrid mit Zidane, Raul, Roberto Carlos oder Hierro. Und mit Tor­wart César. Mit César Sán­chez Domín­guez genauer gesagt. Das musste ich nach­schauen.

César war bestimmt kein schlechter Tor­hüter, immerhin spielte er für Real Madrid in einem Cham­pions-League-Finale von Anfang an. Und den­noch: An eine Parade von ihm kann ich mich nicht erin­nern. Was mir aller­dings immer ein­fällt, sobald ich an das Spiel denke, ist die Tat­sache, dass César Mitte der zweiten Halb­zeit ver­letzt aus­ge­wech­selt werden musste. Als Ersatz kam Iker Cas­illas und wurde für mich zum Spieler des Spiels. Zu meinen Bedauern, denn ich fie­berte mit der Werkself mit, prägte nie­mand das Finale so sehr wie der damals gerade 20-jäh­rige Keeper aus der Real-Jugend. Mit teils spek­ta­ku­lären Paraden, bei denen er durch den Straf­raum flog oder in der Nach­spiel­zeit den Ball lie­gend von der Linie kratzte, war er der Garant für Real Madrids Cham­pions-League-Tri­umph. Und das trotz eines der wohl schönsten Tore der Fuß­ball­ge­schichte von Zine­dine Zidane.

Tor­hüter sind anders

Mehr als 18 Jahre später hat Iker Cas­illas in den sozialen Medien sein Kar­rie­re­ende bekannt­ge­geben: Heute ist einer der wich­tigsten und zugleich schwersten Tage meiner Sport­ler­kar­riere: Es ist Zeit, Abschied zu nehmen.“ Vor rund einem Jahr hatte er im Trai­ning seines FC Porto einen Herz­in­farkt erlitten. Nun wird sich der 39-jäh­rige Spa­nier nach ins­ge­samt 1048 Pro­fi­spielen in Zukunft keine Tor­wart­hand­schuhe mehr anziehen. Mit ihm geht ein Tor­wart, der anders war.

Der anders war als andere Tor­hüter, die für sich schon eine spe­zi­elle Spe­zies im Fuß­ball­busi­ness dar­stellen. Die von Natur aus manchmal ver­rückte Son­der­linge sind. Die nicht selten Laut­spre­cher sind, immer noch ein biss­chen beses­sener als der Groß­teil der Feld­spieler wirken oder sich zu Que­ru­lanten auf­spielen. Ihr Ver­halten kann schon mal sehr ver­wun­der­lich erscheinen. Diese Cha­rak­te­ris­tika sind dem ver­mut­lich den Beson­der­heiten geschuldet, die die Tor­wart-Posi­tion mit sich bringt. Tor­hüter trai­nieren abseits der rest­li­chen Mann­schaft, dürfen kei­nerlei Angst haben oder Fehler begehen. Schließ­lich bedeuten die zumeist ein Gegentor. Halten sie scheinbar unhalt­bare Bälle, wird ihnen applau­diert, rutscht ihnen ein ein­fa­cher Schuss durch, kann die Kritik ver­nich­tend sein. Iker Cas­illas hat dieses Para­doxon einmal gut zusam­men­ge­fasst und auf die Gesell­schaft über­tragen: Ein guter Mensch zu sein, ist wie Tor­hüter zu sein. Egal, wie viele Tore du ver­hin­derst – manche Leute erin­nern sich nur an deine Fehler.“

Titel ohne Norm­maße

Iker Cas­illas hat sich selten wie ein klas­si­scher Tor­wart ver­halten. Er wirkte selten über­dreht oder arro­gant. Inter­views, in denen er aus­rastet sucht man ver­ge­bens. Mög­li­cher­weise ist das einer der Gründe, warum er nicht die unüber­wind­bare Aura eines Oliver Kahns hatte. Nicht das Ver­rückte eines Chil­avert oder Bar­thez, nicht die läs­sige Ver­schmitzt­heit eines Gigi Buffon. Obwohl er bereits mit 16 Jahren das erste Mal unter Jupp Heynckes auf der Bank von Real Madrid saß und mit 18 Jahren für die König­li­chen debü­tierte, ging Cas­illas auch die jugend­liche Unbe­küm­mert­heit eines Manuel Neuer oder seines Nach­fol­gers in der spa­ni­schen Natio­nal­mann­schaft, David De Gea, ab. Auch mit dem Fuß war er nie so stark wie etwa Marc-André ter Stegen. Und das in Zeiten, in denen der Tor­wart als elfter Feld­spieler agieren soll. Zudem hatte Iker Cas­illas vor allem an Anfang seiner Kar­riere auch Pro­bleme beim Abfangen von Flanken.

Das lag wahr­schein­lich auch an seinen kör­per­li­chen Vor­aus­set­zungen, die für einen Tor­hüter nicht die besten sind. Er ist für einen, der jeden Zen­ti­meter seines Kör­pers zum Ver­hin­dern von Toren braucht, sogar recht klein. Iker Cas­illas ist nur 1,82 Meter groß. Und trotzdem über­ragt er all seine Kol­legen.

Nie­mand seiner Tor­hüter-Kol­legen hat so viele Titel geholt wie Iker Cas­illas. Cas­illas hat alles gewonnen. Ja, wirk­lich alles, was es zu gewinnen gibt. Er ist der meist-deko­rierte Tor­wart in der Geschichte des Sports. Er war Welt­meister, Euro­pa­meister, Spa­ni­scher Meister, Cham­pions-League-Sieger, Welt­tor­hüter und und und. Viele dieser Titel gewann er mehr­fach. Viel­leicht auch, weil er andere Träume als die meisten jungen Fuß­baller hatte. Einmal erklärte er: Die meisten Kinder träumen davon, das per­fekte Tor zu schießen, ich habe immer davon geträumt es zu ver­ei­teln.“

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Ein früh­reifer Kämpfer

Den­noch könnte man nun anführen, dass seine Tor­wart-Kon­kur­renten in nicht ganz so großen Mann­schaften spielten, mit nicht ganz so exqui­siten Mit­spie­lern auf­laufen durften. Seine Mann­schafts­ka­me­raden lesen sich immerhin wie Welt­aus­wahlen aus unter­schied­li­chen Epo­chen: Zidane, Figo, Beckham, Roberto Carlos, Raúl, Ronaldo, Ramos, Kaka, Modric, Di María, Bale, Ben­zema, nochmal Ronaldo, Cris­tiano Ronaldo. Nicht zu ver­gessen die groß­ar­tigen Akteure in der spa­ni­schen Natio­nal­mann­schaft wie Xavi, Iniesta und Co. Beim Anblick dieser Namen könnte man behaupten, Cas­illas hätte ein­fach Glück gehabt, da er zu rich­tigen Zeit geboren wurde und daher mit sol­chen Aus­nah­me­kön­nern spielen konnte. Doch das wäre zu ein­fach.

Iker Cas­illas ist ein akri­bi­scher Arbeiter, der so früh bei einem abso­luten Welt­klub spielte wie nur wenige aus der Tore-ver­hin­dernden Zunft. Mit nicht einmal 21 Jahren hatte er schon fast 100 Spiele für die erste Mann­schaft von Real Madrid absol­viert. Solch eine Sta­tistik kann kein Kahn, Buffon oder Neuer, kein ter Stegen auf­weisen. Sie alle begannen ihre Kar­rieren nicht bei Klubs der aller­höchsten Kate­gorie. Und Cas­illas zeigte schon in frühen Jahren Kämp­fer­qua­li­täten. Nachdem er Bodo Ilgner, immerhin Welt­meister, auf­grund dessen Ver­let­zung aus dem Tor ver­drängt hatte und mit den König­li­chen 2000 Cham­pions-League-Sieger wurde, rückte er nach der Ver­pflich­tung von César vor­über­ge­hend wieder ins zweite Glied. Doch er kämpfte sich zurück. Césars Ver­let­zung im Cham­pions-League-Finale gegen Lever­kusen mani­fes­tierte letzt­end­lich Cas­illas Status als Nummer eins von Real. In den Fol­ge­jahren sah er immer mehr neue Pokale in der Vitrine der König­li­chen wan­dern, aber auch immer wieder Spieler kommen und gehen. Cas­illas hin­gegen blieb. Und das, obwohl er mit dem lang­jäh­rigen und all­mäch­tigen Prä­si­denten Flo­ren­tino Pérez nicht das beste Ver­hältnis gehabt haben soll. In der Gunst des Prä­si­denten ran­gierten näm­lich teuer gekaufte Offen­siv­stars vor einem Tor­wart aus der eigenen Jugend.

Unter­schätzter Erfolgs­ga­rant

Doch nicht nur auf Ver­eins­ebene fand Cas­illas Wirken manchmal zu wenig Aner­ken­nung. Auch bei der Natio­nal­mann­schaft, bei Spa­niens unglaub­li­chem Titelrun zwi­schen 2008 und 2012 geht seine Rolle manchmal unter. Dabei war Cas­illas nicht ein­fach nur ein solider Keeper, der den Ball­vir­tuosen vor ihm den Rücken frei­hielt und ab und zu mal einen Ball fing. Manche ver­gessen, dass er es war, der den Grund­stein für die domi­nan­teste Ära einer Natio­nal­mann­schaft in der Geschichte des Fuß­balls legte. Beim Spiel, das wohl das ent­schei­dendste der vier Jahre andau­ernden Domi­nanz der Iberer war, trug er den größten Teil zum Erfolg bei. Im Vier­tel­fi­nale der EM 2008 gegen Ita­lien hielt Cas­illas im Elf­me­ter­schießen zwei Elf­meter und half der Furia Roja damit, ihr Ita­lien-Trauma ad acta zu legen. Im wei­teren Tur­nier­ver­lauf musste die spa­ni­sche Nummer eins nicht mehr hinter sich greifen, sodass das jahr­zehn­te­lange Warten auf einen spa­ni­schen Natio­nal­mann­schafts­titel schließ­lich ein Ende hatte.

Und wer weiß, ob Spa­nien sich heute Welt­meister nennen könnte, wenn Iker Cas­illas 2010 nicht die wich­tigen Paraden im rich­tigen Moment“ gemacht hätte, wie es Natio­nal­mann­schafts­kol­lege Xabi Alonso einst erklärte. Wenn er beim Stande von 0:0 gegen Para­guay nicht einen Elf­meter gegen Cardozo gehalten hätte. Geschweige denn, wenn Cas­illas im Finale gegen einen alleine auf ihn zu stür­menden Arjen Robben nicht so lange stehen geblieben wäre und den Ball mit einer über­ra­genden Fuß­pa­rade abge­wehrt hätte. Auf die Frage nach seiner wich­tigsten Ret­tungstat nannte Cas­illas jene Szene und erklärte: Es war nicht die schönste Parade, aber es war der schönste Moment.“ Vor allem, da Kapitän Cas­illas nach 120 Minuten nicht nur als erster den WM-Pokal in die Luft stemmen durfte, son­dern auch noch eines der bekann­testen Sieger-Inter­views der Fuß­ball­his­torie gab. Er küsste die völlig ver­dutze Fra­ge­stel­lerin. Die Mode­ra­torin, seine dama­lige Freundin und heu­tige Ehe­frau Sara Car­bonero.

Neue Heimat Porto

Durch seine Ver­bin­dung zur Mode­ra­torin begann aller­dings ein paar Jahre später auch der Anfang vom Ende bei Real Madrid. Unter Trainer Jose Mour­inho soll Cas­illas Kabi­nen­in­terna an seine Frau und somit an die Presse wei­ter­ge­geben haben. Der daraus ent­stan­dene Streit mit Mour­inho führte zu Pfiffen gegen Cas­illas. San Iker“, der Hei­lige wie sie Cas­illas auf­grund man­cher Hel­den­taten in Spa­nien auch nennen, wech­selte dar­aufhin zum FC Porto. Und ver­ließ Real Madrid nach 26 Jahren im Verein. Der Abgang von den König­li­chen ist wohl der ein­zige klit­ze­kleine Fleck auf der ansonsten blü­ten­weißen Weste des Tor­hü­ters, der nach seinem Wechsel mit dem por­tu­gie­si­schen Verein im Jahre 2018 die Meis­ter­schaft holte.

Ansonsten kann Iker Cas­illas auf eine Kar­riere zurück­bli­cken, die deut­lich mehr Höhen als Tiefen für ihn bereit­hielt. Er flog wäh­rend seiner knapp 20 Jahren im Pro­fi­zirkus zwar unzäh­lige Male durch die Straf­räume dieser Welt. Abge­stürzt ist er im Gegen­satz zu Ikarus in der grie­chi­schen Mytho­logie aber nie. Auch weil er die Boden­haf­tung nie ver­loren hat. In seinem Hei­mat­dorf haben sie eine Straße nach ihm benannt und mit einem Zitat von Cas­illas ver­sehen, das zum demü­tigen Keeper passt: Ich bin kein Galak­ti­scher, ich bin aus Mos­toles.“ Denke ich an Iker Cas­illas Tor­wart­leis­tungen, die mein Gehirn seit Kind­heits­tagen abge­spei­chert hat, möchte ich dem erfolg­reichsten Keeper der Fuß­ball­ge­schichte da aller­dings wider­spre­chen.