Die Geschichte des FC Schalke bietet in Sachen Jah­res­haupt­ver­samm­lungen genug Anek­doten um ein eigenes Kapitel in der Ver­eins­his­torie zu füllen. Eine gute Über­sicht über das, was in der Ver­gan­gen­heit gelaufen ist, bietet das Fan­zine Schalke Unser“. Es listet detail­liert die bewegten Mit­glie­der­ver­samm­lungen der letzten Jahr­zehnte. Über­schrieben ist die Kate­gorie auf der Inter­net­seite der Schalker Fan-Initia­tive mit Unsere schönsten Skan­dale“.

Daraus lässt sich ein gewisser Stolz ableiten – Skan­dale gehören zu Schalke, ja mehr noch, sie prägen das Bild des Ruhr­ge­biets-Klub mit. Doch diese Ein­schät­zung teilen nicht alle Schalker. Um genau zu sein: Die Mehr­heit der am Sonntag anwe­senden Mit­glieder hatte offen­sicht­lich ein Inter­esse daran, im stillen Käm­mer­lein zu debat­tieren, der Presse kei­nerlei Angriffs­fläche zu bieten.

Schaff ich es noch zu Kaffee und Kuchen nach Hause?

Als der Antrag zu Beginn der Mit­glie­der­ver­samm­lung vor­ge­tragen wird, erahnen die Jour­na­listen schon, dass es ein kurzer Arbeitstag wird. In der Halle bricht Jubel aus – erst ver­ein­zelt, dann immer mehr. Die Schalker Bosse bekommen für ihre Emp­feh­lung, die Presse nicht aus­zu­schließen, weniger Applaus. Vor allem die Jour­na­listen auf der Tri­büne im Ober­rang klat­schen schlaff in die Hände. Viel­leicht über­legen sie schon längst, was sie mit der unver­hofften Frei­zeit am Sonn­tag­nach­mittag anstellen sollen: Wo ist heute Floh­markt? Schaff ich es noch zu Kaffee und Kuchen nach Hause?

Dem Antrag­steller liegt am Herzen, dass nicht wieder unge­fil­tert über die Ver­samm­lung berichtet wird. Später quit­tieren die Mit­glieder das Unmuts-Gemurmel einiger Jour­na­listen über die Ent­schei­dung mit den Worten: Tja, das ist halt Demo­kratie.“ Natür­lich ist eine Wahl in sol­chem Rahmen demo­kra­tisch, doch gehört auch eine freie, unge­fil­terte Presse zu den Grund­pfei­lern dieses poli­ti­schen Sys­tems.

Ein­ein­halb Stunden dauert die Aus­zäh­lung der Stimmen. So lange müssen beide Seiten mit­ein­ander aus­kommen. Erschwe­rend kommt hinzu, dass die Kapa­zität der Halle aus­ge­reizt ist, Teile der Mit­glieder auch auf die Pres­se­tri­büne gesetzt werden. Wenn man einen Live-Ticker schreibt und um einen herum Schalker Urge­steine sitzen, die mit Argus­augen auf den Bild­schirm starren und jeden Satz – in der Sorge um das Ansehen des Ver­eins – kom­men­tieren, führt das unwei­ger­lich zu Tran­spi­ra­tion im hohen Maß.

Ein Lächeln in den Gesich­tern der Medi­en­ver­treter

Das Ergebnis wird in der Halle gefeiert, ver­ein­zelt gibt es unter den Mit­glie­dern auch Unver­ständnis. Die Gäste werden gebeten, die Halle zu ver­lassen; auch die Jour­na­listen stehen auf. Jedoch nicht alle: Die­je­nigen, die auch Mit­glied bei Schalke sind, dürfen weiter ihrer Arbeit nach­gehen. Die anderen gehen vor die Tür. Einige suchen sofort das Weite, nichts wie weg hier. Auf dem Platz hinter der Halle sind einige Fern­seher auf­ge­baut, die in den Minuten danach die Bilder aus der Halle nach draußen über­tragen.

Unschlüssig steckt man sich erst einmal eine Ziga­rette an und tele­fo­niert mit der Redak­tion. Was ver­wun­dert: der Groß­teil der Jour­na­listen scheint überaus gut gelaunt. Wer schon einmal bei einer Jah­res­haupt­ver­samm­lung dabei war, weiß wie lange solch eine Ver­an­stal­tung mit­unter dauern kann. Das Lächeln in den Gesich­tern der Medi­en­ver­treter lässt zwei­erlei ver­muten. Ers­tens: Anstatt hier den ganzen Tag zu sitzen, kann man Schö­neres mit seiner Zeit anfangen. Und: Zu berichten gibt es den­noch was. Denn auch diese Schalker Jah­res­haupt­ver­samm­lung wird in das Kapitel der Skan­dale ein­gehen.