Der Sommer 1996 war ver­regnet. Zum Glück. Ich war acht Jahre alt und mit meiner Familie bei Bekannten auf einem Bau­ernhof. Und wäre es nach meinen Ver­wandten gegangen, hätten wir an diesem Abend, der ein Ver­weilen an der fri­schen Luft nicht erlaubte, wahr­schein­lich ein nettes Brett­spiel gespielt. Es wurde aber ent­schieden, das EM-Halb­fi­nale Eng­land gegen Deutsch­land zu schauen. Fuß­ball war für mich bis dato eine völlig fremde Welt. Fuß­ball­ferner als meine Familie zu sein, war aller­dings schier unmög­lich. Dem­entspre­chend wusste ich nicht recht, was ich mit dem Treiben auf dem Spiel­feld anfangen sollte. Ich wusste nur, dass mir gefiel was ich sah. Mit dem Spiel noch nicht so ver­traut, suchte ich mir etwas Ver­trautes, etwas was mir in dieser neuen Welt Halt ver­lieh. Dabei stieß ich dann auf einen 1,66 Meter kleinen Mann. Sein Name: Thomas Häßler. Nicht unbe­dingt viel Platz zum Fest­halten, aber er schien mir ähn­lich, zumal ich mit ihm das harte Schicksal des ewigen immer-am-Kleinsten-sein“ teile. Bis heute.

Da war er also: Klein, aus meiner Hei­mat­stadt (Berlin) und selbst meinen damals unge­schulten Augen wurde schnell klar, dass er eine beson­dere Art hatte, den Ball zu behan­deln. Es war um mich geschehen! Der Fuß­ball und ins­be­son­dere ein spe­zi­eller Fuß­baller war in mein Leben geknallt. Eigent­lich war ich ja zu spät dran, die größten Stern­stunden von Thomas Häßler lagen Jahre zurück. Das Tor gegen Wales, das Deutsch­land erst den Weg zum WM-Titel 1990 ebnete oder sein über­ra­gendes Tur­nier, die EM 1992, waren in diesen inter­net­fernen Kin­der­tagen Licht­jahre ent­fernt. Erst später ging mir also auf, was er alles geleistet hatte.

Icke wollte wie er werden

1996 war er schon nicht mehr der Star, der von euro­päi­schen Top-Ver­einen umworben wurde. Aber ich war jung, hatte keine Ahnung und nachdem ich ihn das erste Mal gesehen hatte war es eh zu spät. Schnell beschloss ich: Was der Kleine da auf dem Rasen macht, will ich auch machen und so begann ich mit dem Fuß­ball­spielen. Anfangs mit den Jungs nach der Schule und stets mit dem Ziel vor Augen den Ball so sanft und gleich­zeitig ener­gisch über das Feld zu bewegen wie er. Meine Ver­suche durch die Reihen zu drib­beln schei­terten anfangs natür­lich kläg­lich. Aber das störte mich nicht weiter, irgend­wann würde ich schon meine Meta­mor­phose zu Icke“ voll­ziehen. Also spielte ich weiter mit dem Kopf durch die Wand. Die Wände wurden dünner und meine Ver­narrt­heit größer. 

Ich begann zu sam­meln. Jedes Zei­tungs­schnip­sel­chen, das ich in die Finger bekam wurde fein säu­ber­lich archi­viert und mit eigenen Kom­men­taren ver­sehen. Auf län­geren Reisen – auf denen ich not­ge­drungen auf meinen Icke ver­zichten musste – nahm ich stets meine kleine Häßler-Col­lage mit. Als ich dann beschloss selber in einen Verein ein­zu­treten hatte ich keine Wahl: Nummer 10 – auf dem Rücken und auf dem Spiel­feld. Das mit der Nummer wurde kein Pro­blem, aller­dings musste ich vor­erst auf­grund von Per­so­nal­mangel als defen­sive Mit­tel­feld­spie­lerin ran; das ging natür­lich nicht, ich emp­fand es bei­nahe als Verrat an meinem Idol! Irgend­wann setzte ich mich dann durch und durfte auf die hei­lige Posi­tion, die ich dann nie wieder ver­ließ.

Häßler und Möller, das funk­tio­nierte nicht

Es kam das Jahr 1998 und Häßler spielte für Deutsch­land bei der WM. Ein Tur­nier über das man nicht weiter spre­chen sollte. Es wäre ein sehr trau­riger Sommer gewesen, hätte ich mich nicht darauf freuen können, meinen Lieb­lings­spieler in der nächsten Saison bei meinem“ BVB zu sehen. Die Zukunft ver­hieß Großes.

Letzt­end­lich wurde es aber ein quä­lendes Jahr – für ihn und für mich. Das als neues BVB-Traumduo ver­schriene Pär­chen Häßler/​Möller funk­tio­nierte nicht. Häßler durfte seinem Partner in spe meis­tens beim Spielen zuschauen. Ich litt genauso wie die Leich­tig­keit seines Spiels. Alles was ihn aus­machte, schien auf einmal weg zu sein. Die über­ra­schenden Dribb­lings, diese unwi­der­steh­li­chen Pässe in den freien Raum und vor allem diese Frei­stöße. Jetzt saß er oft auf der Bank und stets schien eine ein­zelne Kamera auf ihn gerichtet zu sein. Das trau­rige, inzwi­schen schon mit ersten Falten über­säte Gesicht des Welt­meis­ters von 1990 in der Totalen. Momente in denen ich mir bewusst wurde, dass es nicht immer so laufen kann, wie ich es will. Ein Schritt mehr hin zur bit­teren Rea­lität, die einen auf dem Weg zum Erwach­sen­werden ständig ereilt.

Er würde es allen noch einmal zeigen – mit 33 Jahren

So war es eine Erleich­te­rung, als Häßler das Kapitel Dort­mund been­dete und zu 1860 Mün­chen wech­selte. Inzwi­schen war er 33 Jahre alt. Es würde seine letzte Chance werden, noch einmal zu zeigen, dass er einer der besten Fuß­baller ist, die dieses Land in den letzten Jahren her­vor­ge­bracht hatte! Und tat­säch­lich, kaum brachte man ihm die nötige Wert­schät­zung ent­gegen, blühte er wieder auf.

Es begann eine Zeit, in der ich meinem Verein das erste und ein­zige Mal fremd­ging, nur um näher bei Icke“ zu sein. Plötz­lich war mein treuer Begleiter eine blaue 1860-Kappe. Zeiten und vor allem Farben, für die ich mich im Nach­hinein schäme. Es war aber auch ver­lo­ckend: Häßler und die Sechzger setzten zu Höhen­flügen an. Zusammen mit Martin Max bil­dete er ein Duo vor dem schon bald die Liga zit­terte. Es schien so ein­fach: Traum­pass Häßler – Tor Max oder aber auch die gern­ge­se­hene Vari­ante: Foul an Max – Frei­stoßtor Häßler. Der Mit­tel­klas­se­verein spielte plötz­lich schönen Fuß­ball, Häßler hatte eine Stamm­platz­ga­rantie und kurvte über das Spiel­feld, so wie zu den Zeiten in denen unsere Bezie­hung begann. Am Ende der ersten Saison erreichte 1860 den vierten Platz in der Bun­des­liga und damit geriet die Qua­li­fi­ka­tion zur Cham­pi­ons­League in greif­bare Nähe. Häßler war plötz­lich wieder ein Star, so gut, dass er sogar auf den letzten Drü­cker mit zur EM 2000 fahren durfte. 

Ein kleiner Mann mit dem Leeds-Trikot

Geblieben ist mir im Nach­hinein vor allem ein Bild. Ein kleiner Mann mit Leeds-Trikot, auf der Brust in dicken schwarzen Let­tern Smith“ pran­gend. Soeben war 1860 Mün­chen in der Qua­li­fi­ka­tion zur Cham­pions League mit 0:1 gegen Leeds United aus­ge­schieden. Ein Bild der Nie­der­lage. Ein Bild, das ihm nicht gerecht wird. Es wäre seine letzte Mög­lich­keit gewesen, sich noch einmal dort zu prä­sen­tieren, wo er, der Kleine, für mich immer hin­ge­hörte und hin­ge­hören wird: Bei den ganz Großen.