11FREUNDE WIRD 20!

Kommt mit uns auf eine wilde Fahrt durch 20 Jahre Fuß­ball­kultur: Am 23. März erschien​„DAS GROSSE 11FREUNDE BUCH“ mit den besten Geschichten, den ein­drucks­vollsten Bil­dern und skur­rilsten Anek­doten aus zwei Jahr­zehnten 11FREUNDE. In unserem Jubi­lä­ums­band erwarten euch eine opu­lente Werk­schau mit unzäh­ligen unver­öf­fent­lichten Fotos, humor­vollen Essays, Inter­views und Back­s­tages-Sto­­ries aus der Redak­tion. Beson­deres Leckerli für unsere Dau­er­kar­ten­in­haber: Wenn ihr das Buch bei uns im 11FREUNDE SHOP bestellt, gibt’s ein 11FREUNDE Notiz­buch oben­drauf. Hier könnt ihr das Buch be­stellen.

Außerdem prä­sen­tieren wir euch an dieser Stelle in den kom­menden Wochen wei­tere spek­ta­ku­läre Repor­tagen, Inter­views und Bil­der­se­rien. Heute: Frei­stoß­trai­ning mit Icke Häßler.

11 Freunde Das große 11 Freunde Buch Kopie

Und du kannst wirk­lich beim ersten Schuss erkennen, ob einer das mit den Frei­stößen drauf hat oder nicht?“ Ich gucke Thomas Häßler an, er kneift ein Auge zu. Viel­leicht weil ihn die Sonne blendet, sie steht schon recht tief hier im Ber­liner Westen an diesem Abend im August. Viel­leicht aber auch, weil er meinen Frei­stoß­ver­such lieber nur halb sehen möchte. Na klar“, sagt Häßler. Ick sehe doch, wie du die Kugel triffst. Wie du anläufst. Wie du dir den Ball zurecht­legst.“ Streng­ge­nommen, denke ich, habe ich mir den Ball gar nicht zurecht­ge­legt. Son­dern ihn eher achtlos mit der Fuß­spitze ange­stupst, so dass er zwei Meter von mir weg­ge­rollt ist, bis er ein­fach lie­gen­blieb, 25 Meter vor dem Tor. Mit diesem Anstupser, der so gar nichts mit einem Plan oder mit Kon­trolle zu tun hatte, habe ich mich selbst ent­larvt. Schon vor dem ersten Schuss habe ich Thomas Häßler, den ich ver­göt­terte, noch bevor ich mir selbst die Schuhe binden konnte, signa­li­siert: Ich bin ein Ama­teur. Dann schieße ich.

Der Ball fliegt halb­hoch nach rechts weg, macht dann einen kleinen Bogen nach innen, das ist der Din­kelaker-Drall, denke ich, nicht übel, höre ich eine Stimme sagen, die nicht Thomas Häßler gehört, und noch wäh­rend ich das sage, sinkt der Ball schon wieder herab. Viel zu früh, denke ich, warum bloß jetzt schon? Er tropft sogar noch vor der Tor­linie auf dem Boden auf, jetzt hat er quasi gar kein Tempo mehr, der Auf­setzer auf dem hohen Gras hat ihm, dem Ball, jeden Drive geraubt. Er tippt ganz gemäch­lich an den Innen­pfosten und landet von da im Tor. Halb ver­hun­gert, wie ein Reporter sagen würde. Nun ja.

Schuh­größe? 38

Ich gucke Thomas Häßler lieber nicht an. Was, wenn er beide Augen zuge­kniffen hat? Erst mal weg von hier, den Ball aus dem Netz fischen, der Situa­tion ent­fliehen, da hinten, im Tor­netz, sieht die Welt bestimmt ganz anders aus. Ich laufe los. Und Icke Häßler, den ich für diese Repor­tage dazu über­redet habe, mir zu zeigen, wie das mit den Frei­stößen funk­tio­niert, der Held meiner Kind­heit, der Grund, warum ich mit dem Fuß­ball­spielen anfing, der Grund, warum ich Sta­tis­tiken aus­wendig lernte, nicht wie ein Streber, eher wie ein Autist, also bei­läufig und feh­ler­frei – Saison 1997/98? 34 Spiele, zwölf Tore, zwölf Assists. Län­der­spiele? 112. Län­der­spiel­tore? 11. Größe? 1,66 Meter. Schuh­größe? 38. –, der Mann, wegen dem meine Mutter 129 Mark für Trikot und Hose des Karls­ruher SC hat aus­geben müssen und noch viel mehr Geld für viel weniger funk­tio­nale Fan­ar­tikel, für Tassen und Schals, für Zahn­bürsten und Zahn­bürsten-Etuis aus Plastik, dieser Mann steht in meinem Rücken, nachdem ich vor seinen Augen eine Art Frei­stoßtor geschossen habe, wenn auch ohne Tor­wart und ohne Mauer, dafür doch aber unter unmensch­li­chem Druck, dieser Mann, der mir mit einem abschät­zigen Kom­mentar jeg­li­ches Selbst­be­wusst­sein rauben oder mich mit einem Lob von einer späten Pro­fi­kar­riere träumen lassen könnte, steht da und sagt: nichts.

2018 08 07 11freunde43494 RZ Kopie
Kike

Eine knappe Stunde zuvor fährt Häßler mit einem Klein­wagen auf die Sport­an­lage von Berlin United. Im Auto läuft Rock­musik, man hört es von draußen. Er ist hier Chef­trainer der ersten Mann­schaft, siebte Liga, Ama­teur­fuß­ball. Er steigt aus. Die Hose kurz, das Shirt rot und mit Initialen gesi­chert, der rechte Arm von einem Tribal-Tattoo über­zogen, der Gang gemüt­lich, der Körper klein und drahtig. Gleich werde ich ihm zum ersten Mal in meinem Leben die Hand schüt­teln. Lieber würde ich ihn direkt umarmen. Wir sagen Hallo. Ich bin etwas ange­spannt, denn noch hat der Platz­wart das Tor nicht frei­ge­geben, noch ist es am Spiel­feld­rand ange­kettet. Aber um die Frei­stöße und die Fotos zu schießen, so wie es geplant ist, brau­chen wir das Tor.

Hof­fent­lich ist Häßler nicht in Eile. Sorry“, sage ich, aber wir müssen noch kurz auf den Platz­wart warten.“ Kein Thema“, sagt Häßler und lächelt. Der ist nicht von der janz so fixen Sorte. Aber macht ja nüscht, dann kann ick noch in Ruhe eine tanken.“ Er begrüßt zwei Kum­pels, die vor der Ver­eins­kneipe sitzen, und steckt sich eine Ziga­rette an. Es gibt Men­schen, die müssen nicht viel machen und man fühlt sich in ihrer Anwe­sen­heit wohl. Icke Häßler gehört dazu.