2002 beschloss der deut­sche Liga­ver­band, dass alle Ver­eine der ersten zwei Bun­des­ligen ein Nach­wuchs­leis­tungs­zen­trum haben müssen. In diesen Elite-Schmieden werden seitdem die kom­menden Profis geför­dert und aus­ge­bildet (selek­tiert und gezüchtet, sagen Kri­tiker). Eine andere Mög­lich­keit, in den Pro­fi­fuß­ball zu kommen, ein zweiter Bil­dungsweg, ist nahezu aus­ge­schlossen. Kon­kret: Aktuell spielen 1028 Profis in den ersten zwei Ligen. Unserer Recherche nach durch­liefen 94 Pro­zent dieser Profis ein deut­sches NLZ oder eine ver­gleich­bare Jugend­aka­demie bei einem aus­län­di­schen Pro­fi­klub. Das heißt, nur rund 60 Spieler kamen über die Ama­teur­route nach oben.

Für unsere Repor­tage Zweiter Bil­dungsweg“ (in 11FREUNDE #241, jetzt am Kiosk) haben wir mit vielen dieser Spieler gespro­chen. Auch mit dem Karls­ruher Fabian Schleu­sener, der mit 23 noch in der Ober­liga für den SC Bah­lingen spielte.

Zweiter Bildungsweg

Die Bun­des­li­ga­profis von morgen werden in Nach­wuchs­leis­tungs­zen­tren aus­ge­bildet. Durchs Netz geht den Talent­schmieden nie­mand mehr. Oder etwa doch?

Fabian Schleu­sener, hatten Sie einen Kar­rie­re­plan?
Ich habe in der Jugend immer recht hoch gespielt, als Kind beim SV Wildtal, danach beim FC Denz­lingen in der Jugend­ober­liga. Klar, ich habe davon geträumt, dass es noch weiter nach oben geht. Aber anfangs flog ich immer unter dem Radar, Jugend­bun­des­liga habe ich nie gespielt, ein Pro­be­trai­ning für ein NLZ habe ich nie absol­viert.

Und regio­nale Aus­wahl­mann­schaften?
Ein paar Mal. Ich erin­nere mich, dass ich ein Spiel für die süd­ba­di­sche Aus­wahl gemacht habe. Wir spielten gegen die Hes­sen­aus­wahl. Ich habe da wirk­lich mies per­formt und wurde zu Recht nicht mehr ein­ge­laden.

Haben Sie eine Erklä­rung dafür?
Ich habe mich relativ spät ent­wi­ckelt, auch kör­per­lich, ich war in meinen Teen­ager­jahren nie der Größte oder Kräf­tigste, nie der Schnellste. Ich glaube, mir fehlte auf dem Platz auch Reife, Selbst­ver­trauen, eine gewisse Erwach­sen­heit. Ich weiß noch, wie auf­ge­regt und ange­spannt ich bei der süd­ba­di­schen Aus­wahl war. Für mich war das eine Rie­sen­nummer, denn sonst wurden da fast nur Nach­wuchs­spieler des SC Frei­burg ein­ge­laden. Gut getan hat mir das zweite A‑Ju­gend-Jahr in Denz­lingen, als ich in die erste Mann­schaft hoch­ge­zogen wurde, die damals in der Lan­des­liga gespielt hat. Dort konnte ich mich langsam akkli­ma­ti­sieren und an den Her­ren­fuß­ball gewöhnen. Wenn ich heute zurück­blicke, denke ich: Mein Weg war zwar unge­wöhn­lich, aber ich fand ihn gut.

Weil Sie eine nor­male Jugend hatten?
Genau. Ich hatte meine Freunde, habe mein Abi gemacht, ich musste mir über­haupt keinen Stress machen. Es gab keine Vor­gaben von außen, wenn ich Lust hatte, ging ich bolzen oder auf eine Party. Ich hatte nicht ständig irgendein A‑Ju­gend-Bun­des­li­ga­spiel im Hin­ter­kopf.

Wann haben Sie denn gedacht, dass viel­leicht doch mehr gehen könnte als nur Ama­teur­fuß­ball?
Erst mit meinem Wechsel zum SC Frei­burg, Sommer 2015.

2013 hatten Sie bereits für Waldhof Mann­heim gespielt, damals Regio­nal­liga, nicht weit weg vom Pro­fi­fuß­ball.
Aber dort funk­tio­nierte es nicht. Ich war das erste Mal von zu Hause weg, habe mich nicht wohl­ge­fühlt. Ich machte nur zehn Spiele. Klar war ich etwas ent­täuscht, ande­rer­seits sagte ich mir: Dann gehst du halt wieder zurück nach Bah­lingen und machst dein VWL-Stu­dium fertig. Ist doch auch okay.

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Für Waldhof Mann­heim, damals Regio­nal­liga Süd­west, traf Fabian Schleu­sener gleich im ersten Spiel. Es blieb bis Sai­son­ende aber sein ein­ziges Tor.
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Für Bah­lingen schossen Sie in der fol­genden Saison 27 Tore, Sie waren Tor­schüt­zen­könig in der Ober­liga Baden-Würt­tem­berg. Nun wurde auch end­lich der SC Frei­burg hell­hörig. Sie waren nun aber auch schon 23 Jahre alt. Ein fast grei­sen­haftes Alter für den Start in eine Pro­fi­lauf­bahn.
Irgendwas haben die Leute in Frei­burg in mir gesehen, sie haben an diesen Weg geglaubt. Ich war für die zweite Mann­schaft vor­ge­sehen, aber klar, ich hoffte natür­lich auf einen Ein­satz bei den Profis. Bald schon durfte ich bei der ersten Mann­schaft mit­trai­nieren. Dort merkte ich, wie viel ich auf­zu­holen hatte, vor allem im tak­ti­schen Bereich. Wie arbeitet man gegen den Ball, wenn man in diesem oder jenem System spielt. Dazu noch die Technik, etwa das Spiel über den ersten Kon­takt, die direkte An- und Mit­nahme des Balles. Aber ich war moti­viert, ich wollte das alles auf­saugen.

Wie war Ihr Kon­takt zu Chris­tian Streich?
Er hat auch Poten­zial in mir gesehen und gesagt: Du bist ein guter Stürmer und wirst in der Regio­nal­liga weiter deine Tore machen. Wenn du aber ganz oben mit­spielen willst, musst du dich tak­tisch ver­bes­sern.“ Das hat mich bestärkt, noch mehr zu tun. Denn mir war auch klar: Das ist meine zweite und letzte Profi-Chance.

Für die Zweite des SC Frei­burg schossen Sie 13 Tore in 29 Spielen. Für die Bun­des­li­ga­mann­schaft kamen Sie nur zu einem Ein­satz. Warum?
Ich hätte direkt nach meinem Wechsel mit ins Trai­nings­lager der Profis fahren sollen, habe mich aber im letzten Test ver­letzt. Danach bin ich sechs Wochen aus­ge­fallen. In der kom­menden Saison wurde die Situa­tion nicht ein­fa­cher, die erste Mann­schaft war in die Bun­des­liga auf­ge­stiegen, die zweite Mann­schaft war wie­derum in die Ober­liga abge­stiegen. Für mich war klar, dass mein Weg über eine Leihe wei­ter­gehen musste – ich ging also erst zum FSV Frank­furt, dann zu Karls­ruhe, schließ­lich zu Sand­hausen.