Seite 4: „Ich war zwanzig und mir fehlte jegliche Erfahrung”

Bei Ihrer Rück­kehr war Ihnen offenbar nicht bewusst, wie zen­tral wichtig die Per­so­nalie Klopp für die BVB-Meis­ter­schaften 2011 und 12 war?
Damals nicht, heute schon! Inzwi­schen ist mir klar geworden, wie wichtig ein Trainer für eine Mann­schaft ist – und auch für mich als Spieler. Jürgen war und ist der aus­schlag­ge­bende Faktor beim BVB und LFC.

Die Rück­kehr nach Dort­mund war also ein Fehler.
Fehler ist das fal­sche Wort. In der Situa­tion war es kein Fehler, weil ich mich sehr bewusst gegen Liver­pool und für Dort­mund ent­schieden habe. Aber natür­lich hadere ich mit der Ent­schei­dung, wenn man sieht, was Jürgen in Liver­pool auf­ge­baut hat.

Jürgen Klopp war der prä­gende Trainer in Ihren ersten Pro­fi­jahren. Als Sie 2013 über­ra­schend zum FC Bayern wech­selten, habe er fast einen Herz­in­farkt bekommen, erzählte er. Wieso haben Sie ihn damals nicht in Ihre Über­le­gungen ein­be­zogen?
Ich war zwanzig und mir fehlte jeg­liche Erfah­rung, Weit­sicht und Reife, wie man so eine solche Sache hän­delt. Ich habe wie auf dem Platz kom­plett aus dem Bauch ent­schieden, ohne mir über Kon­se­quenzen Gedanken zu machen.

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Cool, du kannst unter Pep trai­nieren.“

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Auch Mit­spieler, mit denen Sie befreundet waren, ahnten nichts.
Ich fand das Pro­jekt span­nend und habe ein­fach als Fuß­baller gedacht: Cool, du kannst unter Pep trai­nieren – und viel­leicht die Cham­pions League gewinnen.“ Ansonsten habe ich es mit mir selbst aus­ge­macht und nicht über­legt, wie die Fans, die Kol­legen und Medien reagieren.

Dann stach der FC Bayern den Transfer vor­zeitig durch: am Tag des Halb­final-Rück­spiels in der Cham­pions League gegen Real Madrid. Jürgen Klopp war außer sich.
In dem Moment wurde mir nochmal bewusster, was das für ein Rie­sen­thema ist.

Sie fielen von jetzt auf gleich bei vielen BVB-Fans in Ungnade und standen wochen­lang unter Poli­zei­schutz. Das volle Pro­gramm.
Ich hatte die Aus­stiegs­klausel in meinem Ver­trag gezogen und nichts Unlau­teres gemacht. Diese Reak­tion hatte ich nie erwartet. Aber ich hatte so ent­schieden – und musste nun da durch.

Und dann prä­sen­tieren Sie sich in Mün­chen bei Ihrer Vor­stel­lung im T‑Shirt Ihres Spon­sors Nike“. Aus­ge­rechnet bei dem Adidas“-Verein schlechthin. Danach hatten Sie erst einmal das Image des kühl berech­nenden Jung­profis weg.
Mit 19, 20 habe ich meinen Fuß­ball gespielt und mir über solche Dinge wenig Gedanken gemacht. Ich kam bei der Pres­se­kon­fe­renz an, wähnte mich im Hoheits­ge­biet der Bayern und dachte, die bestimmen jetzt das Pro­to­koll. Hätten sie mir ein Trikot in die Hand gedrückt, hätte ich es ange­zogen. Aber als ich auf das Podium sollte, gab mir statt­dessen der Nike“-Vertreter das Shirt. Ich nahm an, es sei mit Bayern abge­spro­chen und zog es über. Es waren genug Bayern-Offi­zi­elle vor Ort, keiner hat was gesagt. Heute würde ich von selbst drauf kommen, dass da was nicht stimmen kann.

War der Wechsel nach Mün­chen eine Zäsur, was Ihren Umgang mit Medien anbe­trifft?
Auf jeden Fall. Bis dahin habe ich mit großen Augen auf das Fuß­ball­ge­schäft geblickt und alles mit­ge­macht, was pas­sierte. Aber in Mün­chen nahm es Dimen­sionen an, die ich mir nie vor­stellen konnte. Ich habe damals viele Erfah­rungen gemacht, die ich heute nicht als Fehler bezeichnen würde, son­dern als Dinge, die mich wei­ter­ge­bracht haben. Weil ich sie so nie mehr machen würde. (Lacht.)

Wann haben Sie diese distan­zierte, mit­unter iro­ni­sche Sicht auf Ihre Kar­riere-Faux-Pas ent­wi­ckelt?
Vor drei, vier Jahren war das noch anders. Ich bin heute breiter auf­ge­stellt, habe viele neue Blick­winkel hin­zu­ge­wonnen und beschäf­tige mich zuneh­mend auch mit Sachen außer­halb des Sports. Und durch die Geburt meines Sohnes, kann ich auch dar­über lachen, was mir wider­fahren ist.

Den zweiten Teil des großen Inter­views mit Mario Götze lest Ihr ab morgen hier auf 11FREUNDE​.de.

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