Seite 3: „Ich lebte in dem Gefühl, keine Relevanz mehr zu haben“

In der Saison 2019/20 kamen Sie unter Lucien Favre nur auf einen Pflicht­spiel­ein­satz über die kom­plette Spiel­zeit. Wie frustig war die Zeit?
Für mich ist es das Wich­tigste, die Jahre, die ich als aktiver Fuß­baller habe, optimal zu nutzen. Klar, dass ich in dieser Zeit auch zeit­weise über eine schnelle Lösung nach­ge­dacht habe.

Heißt: Sie wollten weg!
Als ich in der ersten Favre-Saison 2018/19 merkte, dass ich nicht mal mehr Kader bin, war das so. Aber in der zweiten Sai­son­hälfte habe ich fast immer gespielt und wir wären bei­nahe Meister geworden. In dieser ent­schei­denden Phase hatte ich im Ver­gleich zu meinen Mit­spie­lern meine beste Phase seit der Rück­kehr zum BVB. Des­wegen ging ich sehr opti­mis­tisch in die neue Saison. Aber auf­grund des aus­lau­fenden Ver­trags gepaart mit den man­gelnden Ein­sätzen, lebte ich am Ende in Dort­mund schon in dem Gefühl, keine Rele­vanz mehr zu haben.

Wie gehen Sie mit so einer Situa­tion um?
Die große Frage in sol­chen bit­teren Phasen: Ist es das wert, sich dem Frust hin­zu­geben? Oder soll ich mich nicht auf das kon­zen­trieren, was ich selbst beein­flussen kann? Wenn ein Trainer nicht wert­schätzt, was ich leiste, kann ich es nicht ändern. Will ich mich daran auf­reiben oder wende ich mich besser dem zu, was mir und meiner Familie gut tut?

Wie sehr wird Ihre Gattin von diesen Frust­mo­menten in Mit­lei­den­schaft gezogen?
Ich mache da vieles mit mir selbst aus. Ich bin auch nicht der Typ, der total aus­rastet. Aber, zuge­geben, meine Frau und ich reden viel über den Job und die kriegt auch mit, wenn ich nie­der­ge­schlagen bin.

Irgend­wann merkte ich, dass es nicht mehr besser wird“

Schon vorher stand Ihre Rück­kehr zum BVB 2016 unter keinem guten Stern. Im ersten Halb­jahr 2017 litten Sie an einer Stoff­wech­sel­er­kran­kung, die auch eine Folge über­höhter Erwar­tungen an sich selbst war. Sie trai­nierten wie besessen, wurden aber schlechter. Waren Sie zu ver­bissen?
Tja, so war das wohl. Einen gewissen Hang dazu, mehr zu machen als die anderen, zu hohe Erwar­tungen an mich zu stellen und zu viel zu wollen, hatte ich schon immer. Es hat mich ange­trieben, an Grenzen zu gehen. Mental und phy­sisch.

Warum geriet das außer Kon­trolle?
Am Anfang meiner Kar­riere hatte ich sehr schnell großen Erfolg. Als die Titel kamen, wurde das Gefühl noch extremer. So nach dem Motto: Du hast nur maximal 15 Jahre Kar­riere, also jetzt gib ihm…“ Als dann die ersten Ver­let­zungen kamen, habe ich anschlie­ßend noch härter trai­niert und nicht ver­standen, dass ich das Rad nicht immer weiter drehen kann. Irgend­wann hat es mir dann mein Körper gesagt.

Dabei wirkten Sie stets wie ein Profi, der eine gesunde Distanz zu sich und dem Geschäft hat. An wel­chem Punkt ging die ver­loren?
Es war ein Pro­zess. Ich habe jede Saison mehr trai­niert, nach Fei­er­abend und früh­mor­gens. Irgend­wann merkte ich, dass es nicht mehr besser wird und mir wurde klar, dass Erho­lung min­des­tens so wichtig ist wie stän­diges Trai­ning.

Was machen Sie jetzt anders?
Seit gut fünf Jahren sehe ich zu, wirk­lich aus­zu­spannen, wenn ich im Urlaub bin – und fange nicht nach zwei Tagen wieder an zu trai­nieren. Und ich ver­suche, genug Ruhe­phasen zu bekommen. Die Trai­nings­steue­rung sowie die Belas­tung- und Rege­ne­ra­ti­ons­phasen sind auf diesem Level – beson­ders in Eng­li­schen Wochen ­– extrem wichtig.

Haben Sie eigent­lich eine Erklä­rung dafür, dass Ihre beiden Pro­fi­zeiten beim BVB so unter­schied­lich waren?
In meinen ersten sieben Pro­fi­jahren hatte ich nur zwei Trainer: Klopp und Pep. Auch die Teams waren meist weit­ge­hend iden­tisch. Als ich 2016 zum BVB zurückkam, hatte ich in vier Jahren vier Trainer und auch das Per­sonal änderte sich dau­ernd.

In vier Jahren nur einmal den Pokal gewonnen. Recht dünn!“

Was meinen Sie?
So eine Fluk­tua­tion ver­ein­facht es weder einem Spieler, noch dem Verein kon­stant auf hohem Niveau zu spielen. Es spricht auch nicht gerade dafür, dass der Verein weiß, wo er hin­will. In vier Jahren seit 2016 haben wir mit dem BVB nur einmal den Pokal geholt haben. Das ist recht dünn.

Sie hätten 2016 statt zum BVB auch zum FC Liver­pool wech­seln können.
Ich war sogar in Eng­land und Jürgen hat mir sein neues Pro­jekt vor­ge­stellt. Seine Arbeit, seine Ein­stel­lung und seine Erfolge spre­chen für ihn und machen ihn zu einem der besten Trainer der Welt.

Aber?
Sie müssen sich das so vor­stellen: Wo kam ich her? Aus Mün­chen, wo ich mit Bayern drei Mal das Halb­fi­nale in der Cham­pions League erreicht hatte. Das wollte ich wieder schaffen! Liver­pool hatte die Liga auf Platz acht abge­schlossen. Kurzum: In der dama­ligen Situa­tion schien mir die Wahr­schein­lich­keit, mit Borussia mit­tel­fristig die Cham­pions League zu gewinnen, deut­lich größer.

Kein Gedanke: Wir bringen die alte Band wieder zusammen?
Natür­lich gab es da auch eine emo­tio­nale Kom­po­nente. Ich dachte an die tolle Zeit unter Jürgen beim BVB und hoffte, etwas Ähn­li­ches zu erleben. Zumal das, was Tuchel in Dort­mund ange­stoßen hatte, sich damals sehr gut ent­wi­ckelte.