Seite 2: "Man will sich nicht immer erklären müssen"

Im Fuß­ball gibt es trotzdem ver­hält­nis­mäßig wenig Spie­le­rinnen und Spieler, die ihre Erkran­kung öffent­lich machen. Ist Dia­betes ein Tabu­thema?
Ich glaube schon, dass bei vielen Sport­le­rinnen und Sport­lern noch die Denke ist: Ich habe eine Schwäche und das will ich nicht raus­po­saunen. Man will sich aber auch nicht immer wieder erklären müssen. Wenn jemand zum Bei­spiel bei den Män­nern in der Bun­des­liga sagt, dass er Dia­betes hat, dann pras­selt sicher­lich viel auf ihn ein. Da ist die Reich­weite aktuell ein­fach noch höher. Und da haben einige sicher­lich keine Lust drauf. Ich sage es mal so: Hey, ich bin immer noch Sport­lerin und ich will nicht aus­schließ­lich auf Dia­betes ange­spro­chen werden.

Aber haben nicht gerade Fuß­ball­profis dahin­ge­hend eine Vor­bild­funk­tion?
Doch, das sehe ich genauso. Ich merke, dass ich Leuten auch viel die Angst nehmen kann. Auf Insta­gram kriege ich zum Bei­spiel immer mal wieder Nach­richten von Men­schen, die auch Typ 1 Dia­betes haben, Fuß­ball spielen und bei denen es noch nicht so gut klappt. Auch das ist Dia­betes, jeder Körper reagiert ein biss­chen anders. In sol­chen Fällen teile ich aber sehr gerne meine Erfah­rungen.

Müssen auch der DFB und die Liga stärker aktiv werden und das Thema mehr in den Fokus rücken?
Natür­lich würde ich mich freuen, wenn das Thema künftig mehr Auf­merk­sam­keit bekommen würde, was aller­dings auch auf so viele wei­tere Krank­heiten oder gesell­schaft­liche Pro­bleme zutrifft. Fuß­ball ist eine Sportart, die fast jeder irgend­wann mal gespielt hat und es gibt viele kleine Jungs und Mädels mit Dia­betes, die den Traum haben, Profi zu werden. Auch da können wir die Angst nehmen und es wäre sicher­lich hilf­reich, wenn das Thema über den Fuß­ball eine grö­ßere Reich­weite bekommen würde.

Alles geht – trotz Dia­betes.“

Sandra Starke

Apropos DFB: Sie sind seit 2019 deut­sche Natio­nal­spie­lerin. Was hat die Nomi­nie­rung damals in Ihnen aus­ge­löst?
Ich musste fast schon ein biss­chen lachen, das war ver­rückt. Ich hatte durch die Erkran­kung einen Rück­schlag erlitten, aber von da an ging es auf einmal so steil bergauf. Es ist für mich immer noch ein schönes Gefühl zu sagen, dass ich meine Krank­heit in etwas ummünzen konnte, auf das ich stolz bin. Außerdem habe ich gemerkt: Alles geht – trotz Dia­betes.

Sie hätten sogar die Mög­lich­keit gehabt, nicht für Deutsch­land, son­dern für Namibia auf­zu­laufen. Stand das jemals zu Debatte?
Ich habe immer in den U‑Mannschaften für Deutsch­land gespielt, aber es gab tat­säch­lich mal die Anfrage von Namibia. Ich war auch mal da und hab mir ein Freund­schafts­spiel ange­schaut. Natür­lich ist auch Namibia mein Hei­mat­land, ich bin dort geboren und wäre auch sehr stolz gewesen, für die Natio­nalelf dort zu spielen. Aber wenn man ehr­lich ist, dann ist der Frau­en­fuß­ball dort noch nicht so weit. Mir war klar, dass der Weg in die deut­sche Natio­nal­mann­schaft unfassbar schwer werden würden, aber ich habe mich gefragt: Ver­suche ich es trotzdem oder gehe ich den ein­fa­cheren Weg? Es war eine schwere Ent­schei­dung, aber im End­ef­fekt war mir schon lange klar, dass es mein größter Traum ist, für Deutsch­land zu spielen.

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Tor beim Debüt: Sandra Starke trifft im Oktober 2019 gegen Grie­chen­land in der EM-Qua­li­fi­ka­tion.

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Im Sommer steht nun die Euro­pa­meis­ter­schaft in Eng­land an. Wäre das der nächste Mei­len­stein, eine Dia­be­ti­kerin, die ein großes inter­na­tio­nales Tur­nier spielt?
Ich kann nicht leugnen, dass es mein Traum ist, bei so einem Tur­nier mit­zu­spielen. Ich weiß aber auch, dass Deutsch­land unfassbar viele gute Spie­le­rinnen hat. Es ist immer schwer, in diesen Kader rein­zu­rut­schen. Ich habe jetzt noch ein halbes Jahr Zeit und werde alles dafür geben, am Ende dabei zu sein. Sicher­lich wäre das Ganze nochmal eine tolle Geschichte und ich würde mich brutal freuen, aber nicht, weil ich Dia­be­ti­kerin bin, son­dern ein­fach für mich selbst.