Sandra Starke, Sie stehen in der Bun­des­liga für den VfL Wolfs­burg auf dem Platz, sind deut­sche Natio­nal­spie­lerin und Typ-1-Dia­be­ti­kerin. Wenn Sie jemandem erklären müssten, was Dia­betes ist, wie würden Sie das tun?
Knapp gesagt: Dia­betes ist eine Zucker­krank­heit, von der es zwei Typen gibt. Das ist den Leuten manchmal ein biss­chen schwer bei­zu­bringen, weil in den Köpfen vieler Men­schen Dia­betes nur über­ge­wich­tige Men­schen haben, die sich unge­sund ernähren und keinen Sport machen. Bei Typ 2 Dia­betes mag das teil­weise stimmen. Auf mich als Typ-1-Dia­be­ti­kerin trifft das aber gar nicht zu. Die Krank­heit ist wahr­schein­lich ange­boren, also oft auch gene­tisch bedingt. Des­halb ist sie auch nicht so ein­fach wieder weg­zu­kriegen.

Bei Typ 1 Dia­betes pro­du­ziert die Bauch­spei­chel­drüse wenig bis gar kein eigenes Insulin mehr. Die Folge ist ein hoher Blut­zu­cker­spiegel, das kann auf Dauer Blut­ge­fäße und Organe beschä­digen. Wie wirken Sie dem ent­gegen?
Ich nutze Insulin, das ich mir täg­lich selbst spritze, um meinen Blut­zu­cker zu regu­lieren. Dafür ver­wende ich einen soge­nannten Pen. Von vielen Dia­be­ti­kern höre ich, dass sie eine Pumpe nutzen, die am Körper befes­tigt ist, aber das wollte ich nie. Ich habe bereits einen Sensor am Arm, mit dem ich meine Blut­zu­cker­werte per Handy messen kann und bin froh, dass ich nicht noch mehr am Körper tragen muss.

Tech­nisch hat sich in den letzten Jahren viel in der Dia­betes-For­schung getan. Hätten Sie auch vor zehn oder zwanzig Jahren als Typ-1-Dia­be­ti­kerin im Pro­fi­fuß­ball unter­wegs sein können?
Ich glaube schon, dass das irgendwie mög­lich gewesen wäre, aber wahr­schein­lich hätte es nicht so gut funk­tio­niert wie jetzt. Der Sensor ist eine extreme Hilfe.

Sie haben im März 2018 Ihre Dia­gnose bekommen. Gab es irgend­welche Anzei­chen, dass die Erkran­kung vor­liegen könnte?
Damals habe ich das gar nicht so wahr­ge­nommen. Ich hatte zunächst eine Grippe, habe dadurch viel abge­nommen und mich nicht gut gefühlt. Als ich wieder mit dem Trai­ning ange­fangen habe, konnte ich gar keine Mus­keln mehr auf­bauen und hatte Pro­bleme, in die Ferne zu sehen. Die Ärzte dachten zunächst, dass das noch die Nach­wehen der Grippe seien, aber es wurde nicht besser. Ich habe extremen Durst bekommen und hatte Heiß­hunger auf Süßig­keiten. Irgend­wann meinte mein Ath­le­tik­trainer, ich solle mal zum Arzt gehen, weil ich immer mehr abge­nommen habe.

Waren Sie von der Dia­gnose über­rascht?
Ja. Ich wusste zwar, dass etwas nicht stimmt, aber nie­mand in meiner Familie hat Typ 1 Dia­betes. Des­wegen war das gar nicht in meinem Kopf.

Was bedeutet das für mich und was bedeutet das für den Sport?“

Sandra Starke

Was ging Ihnen da durch den Kopf?
Mein erster Gedanke war: Was bedeutet das für mich und was bedeutet das für den Sport? Da konnten mir die Ärzte lange nichts zu sagen, weil sie so etwas in Bezug auf Leis­tungs­sport auch noch nie hatten. Ich habe aber auch lange gebraucht, um das Ganze wirk­lich zu ver­stehen.

Wie hat Ihr Umfeld reagiert?
Aus meiner dama­ligen Mann­schaft hat jede Spie­lerin mich min­des­tens einmal im Kran­ken­haus besucht. Damals war ich noch beim SC Frei­burg und auch der Verein hat mich super unter­stützt. Ich wollte aber nicht, dass daraus ein Rie­sen­thema gemacht wird oder dass die Krank­heit eine Aus­rede ist – gerade am Anfang. Mitt­ler­weile kann ich damit aber besser umgehen und finde es auch nicht schlimm, dar­über zu reden. Meine engsten Freun­dinnen wussten natür­lich immer Bescheid, meine Familie auch, aber meine Eltern wohnen zum Bei­spiel in Namibia. Ich glaube, dass sie das teil­weise heute noch nicht richtig rea­li­siert haben, dass ich Typ-1-Dia­betes habe, weil ich nicht so oft dort bin. Für sie ist das immer wieder etwas Neues. Aber sie unter­stützen mich total gut, genauso wie mein Bruder.

Im Sommer 2021 sind Sie von Frei­burg zum VfL Wolfs­burg gewech­selt. Haben Sie beim Verein eine gewisse Vor­sicht gespürt, weil Dia­betes im Fuß­ball noch eine große Unbe­kannte ist?
Nein, gar nicht. Sowas würde ich auch erschre­ckend finden. Am Anfang habe ich nicht ver­standen, warum Sport­le­rinnen und Sportler nicht sagen sollten, dass sie Dia­betes haben. Bis dann mal jemand meinte, dass Ver­eine auch anders reagieren können. Nach dem Motto: Nein, die ver­pflichten wir lieber nicht, da könnte ja was pas­sieren. Diese Vor­sicht gibt es wahr­schein­lich aus Sorge vor einer Hypo­gly­kämie, also einer Unter­zu­cke­rung, die vor­kommen kann, wenn bei­spiels­weise zu viel Insulin gespritzt wurde. Im schlimmsten Fall kippt man dann ein­fach weg. Natür­lich habe ich vor sowas auch Respekt, aber glück­li­cher­weise ist mir das noch nie pas­siert.

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Seit Sommer 2021 geht Sandra Starke für den VfL Wolfs­burg auf Tore­jagd.

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Zumal Sport den Blut­zu­cker auch senken kann und Sie zum Bei­spiel an einem Spieltag vorher gar nicht sagen können: Spiele ich heute 90 Minuten oder werde ich zehn Minuten vor Schluss ein­ge­wech­selt. Wie sieht so ein Spieltag also für Sie aus?
Das hat sich für mich in Wolfs­burg ein wenig ver­än­dert. Ein klas­si­scher Spieltag in Frei­burg hat für mich immer vier Stunden vor Anpfiff mit Hafer­flo­cken zum Früh­stück und der ent­spre­chenden Insu­lin­menge ange­fangen. Mein Wert war dann beim Auf­wärmen und zu Spiel­be­ginn stabil, aber ich hätte auf jeden Fall die Mög­lich­keit gehabt, im Zwei­fels­fall noch zu reagieren. Ich habe immer ver­sucht, vor und auch wäh­rend des Spiels viel Wasser zu trinken, in der Halb­zeit­pause gab es meist eine Banane, manchmal habe ich auch dann noch Insulin nach­ge­spritzt. Das war eigent­lich meine Rou­tine.

Und in Wolfs­burg?
Da früh­stü­cken wir gemeinsam bei Heim­spielen vorher im Hotel. Als ich die ersten Male in der Startelf stand, war das für mich zunächst ein innerer Kampf, weil wir uns drei Stunden vor Spiel­be­ginn getroffen haben und nicht vier. Am Anfang habe ich sogar noch zuhause gegessen und dann im Hotel nichts mehr, aber wir früh­stü­cken als Mann­schaft auch bei Aus­wärts­spielen zusammen und auf dem Hotel­zimmer kannst du dir schlecht was zu essen machen. Des­wegen habe ich mir gesagt: Du musst das jetzt auch so hin­kriegen. Es ist aber auch ein­fa­cher, wenn ich von Anfang an spiele, denn wenn ich nicht in der Startelf stehe, muss ich das anders berechnen. Werde ich zum Bei­spiel in der Halb­zeit­pause ein­ge­wech­selt, dann spritze ich nochmal kurz Insulin und esse etwas Kleines. Wenn ich wie­derum nur zehn Minuten auf dem Feld stehe, dann mache ich dahin­ge­hend eigent­lich nichts. Ich bin da auch noch ein wenig in der Fin­dungs­phase und tau­sche mich mit dem Mann­schafts­arzt, aber vor allem mit meiner Dia­betes-Bera­terin aus. Das ist Ulrike Thurm. Sie betreut einige Leis­tungs­sportler mit Dia­betes. Dadurch konnte ich auch Kon­takte knüpfen.

Kon­takte zu wei­teren Sport­le­rinnen und Sport­lern mit Dia­betes?
Genau, zum Bei­spiel zu Timur Oruz, einem deut­schen Hockey-Natio­nal­spieler. Er ist schon seit Jahren ein bekanntes Gesicht, wenn es um das Thema Leis­tungs­sport mit Dia­betes geht. Mit ihm habe ich mich oft aus­ge­tauscht und er hat mir gerade am Anfang wert­volle Tipps gegeben.

Was für Tipps waren das?
Er hat mir durch seine Geschichten ein wenig die Angst genommen. Ich hatte zu Beginn Panik, dass ich wegen Dia­betes umkippen könnte und er meinte: Nein, als Leis­tungs­sportler hast du ein sehr gutes Kör­per­ge­fühl und du merkst ganz genau, was gerade pas­siert.“ Bei ihm konnte ich sehen, wie weit er trotz Dia­betes im Sport gekommen ist. Das war eine Moti­va­tion für mich.

Im Fuß­ball gibt es trotzdem ver­hält­nis­mäßig wenig Spie­le­rinnen und Spieler, die ihre Erkran­kung öffent­lich machen. Ist Dia­betes ein Tabu­thema?
Ich glaube schon, dass bei vielen Sport­le­rinnen und Sport­lern noch die Denke ist: Ich habe eine Schwäche und das will ich nicht raus­po­saunen. Man will sich aber auch nicht immer wieder erklären müssen. Wenn jemand zum Bei­spiel bei den Män­nern in der Bun­des­liga sagt, dass er Dia­betes hat, dann pras­selt sicher­lich viel auf ihn ein. Da ist die Reich­weite aktuell ein­fach noch höher. Und da haben einige sicher­lich keine Lust drauf. Ich sage es mal so: Hey, ich bin immer noch Sport­lerin und ich will nicht aus­schließ­lich auf Dia­betes ange­spro­chen werden.

Aber haben nicht gerade Fuß­ball­profis dahin­ge­hend eine Vor­bild­funk­tion?
Doch, das sehe ich genauso. Ich merke, dass ich Leuten auch viel die Angst nehmen kann. Auf Insta­gram kriege ich zum Bei­spiel immer mal wieder Nach­richten von Men­schen, die auch Typ 1 Dia­betes haben, Fuß­ball spielen und bei denen es noch nicht so gut klappt. Auch das ist Dia­betes, jeder Körper reagiert ein biss­chen anders. In sol­chen Fällen teile ich aber sehr gerne meine Erfah­rungen.

Müssen auch der DFB und die Liga stärker aktiv werden und das Thema mehr in den Fokus rücken?
Natür­lich würde ich mich freuen, wenn das Thema künftig mehr Auf­merk­sam­keit bekommen würde, was aller­dings auch auf so viele wei­tere Krank­heiten oder gesell­schaft­liche Pro­bleme zutrifft. Fuß­ball ist eine Sportart, die fast jeder irgend­wann mal gespielt hat und es gibt viele kleine Jungs und Mädels mit Dia­betes, die den Traum haben, Profi zu werden. Auch da können wir die Angst nehmen und es wäre sicher­lich hilf­reich, wenn das Thema über den Fuß­ball eine grö­ßere Reich­weite bekommen würde.

Alles geht – trotz Dia­betes.“

Sandra Starke

Apropos DFB: Sie sind seit 2019 deut­sche Natio­nal­spie­lerin. Was hat die Nomi­nie­rung damals in Ihnen aus­ge­löst?
Ich musste fast schon ein biss­chen lachen, das war ver­rückt. Ich hatte durch die Erkran­kung einen Rück­schlag erlitten, aber von da an ging es auf einmal so steil bergauf. Es ist für mich immer noch ein schönes Gefühl zu sagen, dass ich meine Krank­heit in etwas ummünzen konnte, auf das ich stolz bin. Außerdem habe ich gemerkt: Alles geht – trotz Dia­betes.

Sie hätten sogar die Mög­lich­keit gehabt, nicht für Deutsch­land, son­dern für Namibia auf­zu­laufen. Stand das jemals zu Debatte?
Ich habe immer in den U‑Mannschaften für Deutsch­land gespielt, aber es gab tat­säch­lich mal die Anfrage von Namibia. Ich war auch mal da und hab mir ein Freund­schafts­spiel ange­schaut. Natür­lich ist auch Namibia mein Hei­mat­land, ich bin dort geboren und wäre auch sehr stolz gewesen, für die Natio­nalelf dort zu spielen. Aber wenn man ehr­lich ist, dann ist der Frau­en­fuß­ball dort noch nicht so weit. Mir war klar, dass der Weg in die deut­sche Natio­nal­mann­schaft unfassbar schwer werden würden, aber ich habe mich gefragt: Ver­suche ich es trotzdem oder gehe ich den ein­fa­cheren Weg? Es war eine schwere Ent­schei­dung, aber im End­ef­fekt war mir schon lange klar, dass es mein größter Traum ist, für Deutsch­land zu spielen.

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Tor beim Debüt: Sandra Starke trifft im Oktober 2019 gegen Grie­chen­land in der EM-Qua­li­fi­ka­tion.

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Im Sommer steht nun die Euro­pa­meis­ter­schaft in Eng­land an. Wäre das der nächste Mei­len­stein, eine Dia­be­ti­kerin, die ein großes inter­na­tio­nales Tur­nier spielt?
Ich kann nicht leugnen, dass es mein Traum ist, bei so einem Tur­nier mit­zu­spielen. Ich weiß aber auch, dass Deutsch­land unfassbar viele gute Spie­le­rinnen hat. Es ist immer schwer, in diesen Kader rein­zu­rut­schen. Ich habe jetzt noch ein halbes Jahr Zeit und werde alles dafür geben, am Ende dabei zu sein. Sicher­lich wäre das Ganze nochmal eine tolle Geschichte und ich würde mich brutal freuen, aber nicht, weil ich Dia­be­ti­kerin bin, son­dern ein­fach für mich selbst.