Mohammed Abdulai bezieht gerade seine neue Woh­nung in Wat­ten­scheid, selbst nach Ruhr­pott-Maß­stäben wahr­lich keine schöne Stadt. Mit einem Mann­schafts­kol­legen richtet er sein win­ziges Schlaf­zimmer ein, draußen regnet es, der Blick aus dem Fenster zeigt eine graue Straße, mit grauen Häuser: Bon­jour Tris­tesse. Schnitt. Heiko Hesse sitzt an seinem Schreib­tisch und schaut auf Washington. Er hat es geschafft, nicht im Fuß­ball, aber Kar­riere hat er gemacht, bei der Welt­bank. Zwei Schick­sale, die unter­schied­li­cher nicht hätten sein können. Irgend­wann ver­liefen beide Lebens­wege par­allel, in der A‑Jugend kickten sie gemeinsam für Borussia Dort­mund, wurden sogar Deut­scher Meister. Seit 1998 begleitet Fil­me­ma­cher Chris­toph Hübner ins­ge­samt fünf ehe­ma­lige Dort­munder Jugend­spieler. Flo­rian Kringe ist der Ein­zige, der sich im Pro­fi­fuß­ball durch­ge­setzt hat. Im Rahmen von »11mm ON TOUR« trafen wir Flo­rian Kringe bei der Deutsch­land­pre­miere von »Halb­Zeit«, der Fort­set­zung von »Die Cham­pions«.

Flo­rian Kringe, im Film »Halb­Zeit« sind Sie der ein­zige der fünf Prot­ago­nisten, der es im Pro­fi­fuß­ball geschafft hat. Ver­deut­licht Ihnen der Film, wie pri­vi­le­giert Sie sind?

Absolut! Das muss man sich auch immer wieder vor Augen führen, dass das eine geile Sache ist, dass man sein Hobby zum Beruf gemacht hat und seinen Traum leben kann. Ich bin mir auf jeden Fall bewusst, in einer sehr pri­vi­le­gierten Situa­tion zu sein und nehme das nicht als selbst­ver­ständ­lich hin.



Der Fil­me­ma­cher Chris­toph Hübner scheint immer sehr nah dran zu sein. Wie würden Sie Ihr Ver­hältnis beschreiben?


Es ist ein ver­trau­ens­volles Ver­hältnis. Ich kann mit Chris­toph ver­tau­ens­voll über Dinge spre­chen und ich weiß, dass er diese dann nicht für den Film ver­wenden würde oder medial aus­schlachtet. Wäre dieses Ver­hältnis nicht gegeben, könnte der Film auch gar nicht die Tiefe ent­wi­ckeln, die er hat.

Warum haben gerade Sie es im Pro­fi­fuß­ball geschafft und andere nicht, wie z.B. Francis Bugri, der Ihnen in jungen Jahren viel­leicht etwas voraus hatte?

Das ist von vielen Fak­toren abhängig. Es hängt auch davon ab, wel­chen Trainer man hat. Ob dieser einem ver­traut und einem als Spieler auch die Chance gibt, sich über einen län­geren Zeit­raum zu prä­sen­tieren und in den Vor­der­grund zu spielen. Von den spie­le­ri­schen Anlagen her, sind Francis Bugri und ich sehr unter­schied­lich. Ein direkter Ver­gleich ist daher schwierig.

Im Film sagen Sie, dass Sie es auch geschafft haben, weil Sie sich auch in schwie­rigen Phasen nicht haben unter­kriegen lassen – wird diese Eigen­schaft nach einem sol­chen Seu­chen­jahr mit Hertha BSC langsam über­stra­pa­ziert?

Nein, auf keinen Fall. Ich bin jemand, der das gut weg­ste­cken kann, der mental stark ist. Die ver­gan­gene Saison wird mich sicher­lich nicht zurück­werfen, ich ver­buche sie eher unter dem Attribut »sehr ärger­lich«.

Wenn man fast die gesamte Saison durch Ver­let­zungen matt gesetzt ist, kommt man sicher­lich zwangs­läufig ins Grü­beln. Welche neuen Sicht­weisen auf den Pro­fi­fuß­ball sind dabei ent­standen?

Es ist schon so, dass man einen anderen Blick auf das Fuß­ball­busi­ness bekommt, wenn man nicht mehr ständig an vor­derster Front steht. Gerade wenn man ein biss­chen Abstand zu der ganzen Sache hat, sieht man, wie groß der Anteil von Politik und Lob­by­ismus im Fuß­ball ist. Es hängt nicht unbe­dingt vom fuß­bal­le­ri­schen Können ab. Wenn man die ganze Zeit in der Maschi­nerie steckt, macht man sich in erster Linie Gedanken dar­über, ob man auf dem Feld gerade Fehler gemacht hat. Mit dem gebo­tenen Abstand sieht man aber auch, dass es dar­über­hinaus noch mehr gibt. Dessen sollte man sich als Fuß­ball­profi auch bewusst sein.

Francis Bugri wurde in »Halb­Zeit« von meh­reren Seiten attes­tiert, dass er für das Fuß­ball­ge­schäft zu lieb sei. Wie schwierig ist es, einen Stempel, den man einmal auf­ge­drückt bekommen hat, wieder los zu werden?

Das ist ganz schwierig, aber wenn man ehr­lich ist: Schub­la­den­denken gibt es nicht nur im Fuß­ball, son­dern überall. Spe­ziell bei Francis darf man das nicht als Kritik an der eigenen Per­sön­lich­keit auf­fassen. Er hat ja selber im Film die Frage auf­ge­worfen: »Was ist so schlimm daran nett zu sein?« Francis ist ein her­vor­ra­gender Tech­niker. Wenn man sich in der Bun­des­liga oder auch inter­na­tional umschaut, sieht man viele dieser tech­nisch beschla­genen Spieler. Aber auch die müssen die nötige Aggres­si­vität mit­bringen. Gerade gegen kör­per­lich über­le­gene Spieler muss man dann als Tech­niker »dre­ckiger« spielen, um sich durch­zu­setzen. Ich denke, die Kritik an Francis geht in diese Rich­tung.

Im Film wird auch kurz Ihr Ver­hältnis zu Bert van Mar­wijk ange­schnitten. Er hat Sie viel kri­ti­siert, Sie waren nicht immer ein­ver­standen. Fühlten Sie sich auch in eine Schub­lade gesteckt?

Das habe ich in dem Moment viel­leicht wirk­lich so gefühlt. Aber gerade Bert van Mar­wijk hat es geschafft, ein sol­ches Ver­hältnis zu mir auf­zu­bauen, dass ich wusste, er mag mich, egal wie sehr er mich gerade kri­ti­siert. Mit dem Bewusst­sein nimmt man Kritik natür­lich ganz anders auf, man nimmt auch wahr, dass der Trainer einem nur wei­ter­helfen möchte. Unter Bert van Mar­wijk habe ich unheim­lich viel gelernt. Das kann aber nur funk­tio­nieren, wenn man dem Trainer ver­traut und weiß, dass man das gleiche Ver­trauen auch vom Trainer zurück­be­kommt.

Sie sind nie­mand, der sich öffent­lich viel zu Wort meldet oder gar auf den Tisch haut. Sind Sie viel­leicht manchmal auch zu lieb?

Nein, ich regele das intern. Ich denke, es ist der bes­sere Weg, Pro­bleme unter vier Augen oder mit allen Betei­ligten zu klären, bevor mam zum öffent­li­chen Rund­um­schlag ansetzt, kann man sich lieber erst einmal intern streiten und das mache ich auch. Ich sehe das für mich als bes­seren Weg, und da bin ich mir auch ganz sicher.

Die Prot­ago­nisten des Films kennen sich jetzt schon über Jahre. Wie sehr berührt Sie das Schicksal von Francis Bugri oder auch Mohammed Abdulai, der im Film bei Wat­ten­scheid irgendwie depla­ziert wirkte?


Das berührt einen schon. Wenn ich mich an den ersten Teil der Doku­men­ta­tion (»Die Cham­pions«, d. Redak­tion) erin­nere, dann sieht man da fünf Jugend­liche, die den glei­chen Traum vom Pro­fi­fuß­baller träumen, und am Ende gehen die Lebens­wege dann so sehr aus­ein­ander – das ist wirk­lich abge­fahren. Gerade dann rea­li­siere ich für mich, in was für einer pri­vi­le­gierten Lage ich bin. Ich fühle aber auch mit Mohammed mit. Ich weiß, dass er als Typ bescheiden ist und denke, dass er die ganze Fuß­ball­show nicht braucht, um glück­lich zu werden. Ich glaube, dass er gerade in Ban­gla­desch ist und wün­sche ihm, dass es ihm da gut geht und er gut über die Runden kommt.

Mit­leid im Pro­fi­fuß­ball bleibt aber trotzdem die Aus­nahme?

Was heißt Mit­leid? Ich glaube nicht, dass Mohammed in einer bemit­lei­dens­werten Situa­tion ist. Zwi­schen­durch hatte er immer mal wieder Rück­schläge, aber ist auch ein sen­sa­tio­neller Typ und lässt sich nicht unter­kriegen. Bei Francis, der jetzt wieder in Dort­mund spielt, ist es so, dass er jetzt einen anderen Lebensweg ein­schlägt. Er macht sein Stu­dium fertig und damit geht es ihm gut. Ich würde also bei allen Betei­ligten sagen, dass sie nicht in einer bemit­lei­dens­werten Situa­tion sind.

Ins­ge­samt zeichnet »Halb­Zeit« ein düs­teres Bild vom Weg in den Pro­fi­fuß­ball. Die Aus­lese ist brutal. Geben Sie den aktu­ellen A‑Jugendlichen auch mal einen Rat mit auf den Weg?

Ja, auf jeden Fall. Das mache ich heute gerne, wobei ich das selber als Jugend­li­cher nicht hören wollte. Wichtig ist es, einen Plan B in der Tasche zu haben. Es gibt viele junge Spieler, die alles auf die Karte Fuß­ball setzen. Diese Spieler sollten sich »Halb­Zeit« unbe­dingt ansehen. Es reicht eben nicht, nur Talent zu haben. Das soll jetzt nicht ober­leh­rer­haft klingen – gerade weil ich früher selbst nicht viel auf die Rat­schläge gegeben habe – aber ich bin froh, dass ich mein Abitur gemacht habe. Viele der Jungs bre­chen schon früher die Schule ab und bereuen es später.

Wie war das bei Ihnen damals: Welche dama­ligen Profis haben Ihnen den unge­liebten Rat gegeben, auch einen Plan B in der Hin­ter­hand zu haben?

Bei mir waren das viele Leute, allen voran der dama­lige Trainer Mat­thias Sammer. Auch Stefan Reuter hat sich viel mit den jungen Spie­lern zusam­men­ge­setzt und gute Rat­schläge gegeben.

Heiko Hesse ist der ein­zige von den fünf Prot­ago­nisten, der den Traum vom Pro­fi­fuß­ball früh­zeitig auf­ge­geben hat. Er hat in Oxford stu­diert und dann Kar­riere gemacht. Wäre das auch was für Sie, Flo­rian Kringe bei der Welt­bank?

Ich weiß es ehr­lich gesagt nicht. Diese Über­le­gung schiebe ich schon seit Jahren vor mir her, weil es ja ganz gut geklappt hat mit der Kar­riere als Fuß­baller. Früher oder später werde ich wohl auch ein Fern­stu­dium beginnen. Ich habe aller­dings noch über­haupt keine Ahnung, in welche Rich­tung es gehen wird. Ich denke eher nicht, dass ich etwas ähn­li­ches machen würde wie Heiko. Der hat ja schon mit 15 Jahren nach den Akti­en­kursen geschaut. In bin selber gespannt, was es bei mir dann werden wird.

In der Doku­men­ta­tion sieht man Flo­rian Kringe im Jahre 2006, der Stamm­spieler bei Borussia Dort­mund ist und von der Natio­nal­mann­schaft träumt. Nach diesem wirk­lich schwarzen Jahr für Sie: wie­viel Wehmut ist dabei, sich so im Film zu sehen?

Schon eine gehö­rige Por­tion. Man muss auch ehr­lich zu sich selbst sein und ein­ge­stehen, dass man von den Zielen mei­len­weit ent­fernt ist. Gerade auch, weil der Trend immer mehr zu jün­geren Spie­lern geht. Ich bin da schon Rea­list. Da sind eine gewisse Wehmut und ganz viel Ent­täu­schung dabei. Aber ich habe gute Leute um mich, die mich ablenken und ich freue mich darauf, in der nächsten Saison end­lich wieder los­legen zu können.

Im Film gab es auch Szenen, die Sie mit Ihrem Berater Thomas Kroth zeigen. Spie­ler­be­rater haben nicht unbe­dingt den besten Ruf in der Branche. Wie hat er Sie in der letzten Saison unter­stützt?

In einer sol­chen Phase kann ein Spie­ler­be­rater auch nicht viel machen. Es war jetzt nicht so, dass wir täg­lich tele­fo­niert haben und er mich getröstet hat. Grund­sätz­lich stehen wir aber regel­mäßig in Kon­takt, mitt­ler­weile haben wir auch schon ein freund­schaft­li­ches Ver­hältnis. Thomas hat in der Branche ein absolut seriöses Image, er war selber jah­re­lang Spieler. Von daher ist es für mich natür­lich auch gut, sich mit jemandem aus­tau­schen zu können, der die Situa­tion aus erster Hand kennt.

Die Pre­miere fand bei »Kino im Sta­dion« in Dort­mund statt. Sie haben seit der C‑Jugend mit wenigen Unter­bre­chungen für den BVB gespielt, der Film zeigt Sie ständig in den Farben Schwarz und Gelb. Seit ver­gan­gener Woche ist klar, dass Sie keine Zukunft mehr beim BVB haben. Wie schwer fällt der Abschied?


Es ist schon schade. Ich habe mein halbes Leben in Dort­mund ver­bracht, die meisten meiner Freunde leben in der Stadt oder sind beim Verein. Aber das gehört halt auch dazu im Pro­fi­fuß­ball. Sicher­lich werde ich immer eine beson­dere Ver­bin­dung zu Borussia Dort­mund haben. Ich habe hier alles von der Pike auf gelernt und bin daher mit dem Verein ver­woben.