Martin Span­ring, viele Ihrer Kol­legen haben nach der Kar­riere eine Fuß­ball­schule eröffnet. Warum war das nie eine Option für Sie?
Ich habe bis zu meinem 31. Lebens­jahr kaum etwas anderes gemacht, als Fuß­ball zu spielen. Ich wollte etwas Neues aus­pro­bieren.
 
Gab es einen bestimmten Grund?
Mir wurde das Geschäft zu groß und zu schnell. Es ging nur noch ums Geld und um Stars. Ich wollte aber meine Ruhe haben, ein nor­males Leben führen.
 
Sie arbeiten nun im Euro­pa­park Rust“. Wir dachten bis­lang, dass man dort vor­nehm­lich Ach­ter­bahn fährt. Was machen Sie dort?
Wie süß (lacht). Der Euro­pa­park in Rust ist ein beson­derer Frei­zeit­park. Natür­lich kann man hier Ach­ter­bahn fahren, aber wir haben zugleich über 1000 Events pro Jahr, dar­unter auch etliche Sport­ver­an­stal­tungen, um die ich mich als Sport­ma­nager küm­mere. Zum Bei­spiel Fuß­ball­camps mit unseren Part­nern vom FC Bayern und dem FC Basel, die KSC-Fuß­ball­schule, die Deut­sche Skate­board-Meis­ter­schaft oder Benefiz-Golf-Tur­niere mit ehe­ma­ligen Fuß­ball­spie­lern.
 
Sie haben also immer noch Kon­takt zu alten Kol­legen?
Ja, häufig. Zuletzt habe ich Ger­hard Poschner und Bruno Lab­badia getroffen. Und Frei­burger Spieler sehe ich sowieso häufig, ich wohne ja in der Stadt.
 
Ein Fuß­ball­profi lebt in Frei­burg also immer noch ent­spannter als andern­orts?
Absolut. Ver­gan­gene Woche ging ich durch die Frei­burger Innen­stadt und da hörte ich plötz­lich, wie jemand meinen Namen rief. Ich drehte mich zur Seite und sah Johannes Flum und Daniel Cali­giuri in einem belebten Café sitzen. Wir plau­derten kurz, dann ging ich weiter. Stellen Sie sich so ein Sze­nario mal in Dort­mund vor.
 
Klingt ein biss­chen nach dem Geist von 1995.
Viel­leicht ist es auch so. Zumin­dest spielt die Mann­schaft mit einer ähn­li­chen Idee wie damals. Was vor allem an Chris­tian Streich liegt.
 
Sie sind Fan?
Ich finde ihn super. Er ist ein außer­ge­wöhn­li­cher Typ, der per­fekt zur Stadt und zur Mann­schaft passt – und ganz anders ist als der übliche Bun­des­li­ga­trainer.
 
Inwie­fern?
Chris­tian Streich arbeitet akri­bisch und liebt den Fuß­ball. Trotzdem sagt er: Fuß­ball ist nicht mein Leben. Fuß­ball ist mein Job!“ Er begreift also, dass das Leben noch mehr Dinge beinhaltet als den Fuß­ball. Das finde ich eine bemer­kens­werte Aus­sage. Gerade im heu­tigen Fuß­ball­ge­schäft.
 
Haben Sie den Fuß­ball zu Ihrer aktiven Zeit ernst genommen?
Auf jeden Fall.
 
Und Ihre Mit­spieler?
Auch. Erin­nern Sie sich nur an die Zeyer-Brüder, die mit großem Ehr­geiz Fuß­ball gespielt haben – und erfolg­reich waren. Den­noch hatten sie stets auch andere Inter­essen. Sie haben es geschafft, sich ein Leben ohne Fuß­ball nach der Kar­riere auf­zu­bauen.
 
Andreas Zeyer stu­dierte Maschi­nenbau, Michael Zeyer Betriebs­wirt­schafts­lehre in Sankt Peters­burg.
Was ich sagen will: Kein Spieler aus unserer Mann­schaft hat sich als Star gefühlt. Wir sind damals wie jeder andere in Cafés gegangen oder haben uns abends mal auf ein Bier in der Innen­stadt getroffen.
 
Nie­mand hat komisch geguckt?
Es ist doch eine Sache der Gewöh­nung. Wenn ein Fuß­ball­profi sich total rar macht und nur alle Jubel­jahre mal in der Innen­stadt auf­taucht, haftet der Situa­tion gleich etwas Geheim­nis­volles an. Wenn du dich aber jede Woche zeigst, inter­es­siert es die Leute irgend­wann nicht mehr. Du ver­rin­gerst den Abstand zwi­schen Fan und ver­meint­li­chem Star. Das ist nach wie vor das Schöne in Frei­burg: Du kannst Fuß­ball­profi sein und trotzdem ein nor­males Leben führen.
 
Stutt­gart muss doch die Hölle für Sie gewesen sein?
Es war auf jeden Fall anders als in Frei­burg. Als ich kam, spielten dort abso­lute Top­leute wie Zvonimir Soldo, Fredi Bobic oder Kras­simir Balakow. Zusätz­lich hat Stutt­gart eine impo­san­tere Tra­di­tion, eine viel brei­tere Medi­en­land­schaft und grö­ßere Fan­szene. Dort wurde der Star geliebt und gelebt. Es war schon gewöh­nungs­be­dürftig.
 
Sind Sie denn trotzdem noch in Kneipen und Cafés gegangen?
Zu Beginn wollte ich das gerne machen, doch es wurde leid­lich akzep­tiert. Ich erin­nere mich an einige Besuche in Bil­lard-Cafés, bei denen alle Augen und Finger auf mir lagen, nur weil ich Fuß­ball­profi war. Manchmal bin ich dann auf die Leute zuge­gangen und habe ihnen gesagt, dass sie mich ganz normal behan­deln sollen.
 
In Stutt­gart sind Sie aller­dings nicht mehr so zum Zug gekommen wie in Frei­burg. Woran lag das?
Unter Joa­chim Löw, der mich nach Stutt­gart geholt hat, lief es noch ganz pas­sabel. Dann kam Win­fried Schäfer, der gerne mal rotieren ließ – und auch vor Spie­lern wie Kras­simir Balakow nicht Halt machte. Schließ­lich war da noch Ralf Rang­nick. Und um es gera­deaus zu sagen: Das passte nicht. Rang­nick und ich waren wie Hund und Katz’.
 
Wieso?
Ralf Rang­kick war der Auf­fas­sung, dass man sich dem Fuß­ball kom­plett unter­ordnen muss.
 
Heißt das, er verbot Frei­zeit­ak­ti­vi­täten?
Es gab zumin­dest einige Ansagen, die ich nicht akzep­tieren konnte. Das ging damit los, wel­cher Profi sich wie kleidet oder wel­ches Auto er fährt. Ich sagte ihm dann, dass ich andere Vor­stel­lungen vom Leben und vom Beruf habe, ich wollte jeden­falls selbst dar­über ent­scheiden, wel­ches Auto ich fahre oder welche Dinge ich privat unter­nehme. Daran ist es letzt­end­lich geschei­tert.
 
Haben Sie Rang­nick mal wieder gesehen?
Klar, er war schon einige Male im Euro­pa­park. Ich bin ihm auch nicht böse, im Gegen­teil: Wir ver­stehen uns heute gut. Damals war er ein junger Trainer, der in seiner Bun­des­li­ga­saison alles für den Erfolg tun wollte.

Spre­chen wir noch kurz über Ihren anschlie­ßenden Aus­flug in die Türkei.
Das war mein größter Fehler. Da muss man auch kein Blatt vor den Mund nehmen.
 
Es heißt, Sie sind aus der Stadt gejagt worden.
Es ging damit los, dass der Verein keine ein­zige ver­trag­liche Abma­chung ein­ge­halten hat: Gehalt, Miete, Auto, nichts wurde gezahlt. Anfangs dachte ich: Okay, legst du die Sachen erst einmal selbst aus, das Geld wird schon kommen. Doch es kam nicht.
 
Haben Sie geklagt?
Klar, doch danach ging die schlimme Zeit erst richtig los, Psy­cho­terror, Tele­fon­terror, so was. Einmal wurde ich von Män­nern in einem Auto ver­folgt, und als ich anhielt, stiegen die Ver­folger aus dem Wagen und schrien: Go from Bursa!“ Ein anderes Mal wurde ich auf offener Straße zusam­men­ge­schlagen. Eines Tages setzten ich mich ins Auto und fuhr 60 Stunden nach Deutsch­land zurück.
 
Zurück ins Frei­burger Idyll.
Ich dachte nur: Ein­fach raus.
 
Herr Span­ring, der SC Frei­burg spielt heute im Pokal gegen den VfB Stutt­gart. Wie geht es aus?
Vor dem letzten Wochen­ende hätte ich noch auf einen Frei­burger Sieg getippt, doch der VfB hat durch den Erfolg gegen Glad­bach wieder Ober­wasser. Ich denke, das Spiel wird in der Ver­län­ge­rung ent­schieden.
 
Sie haben diese Pokal­partie selbst einmal gespielt.
Richtig, 1996, Vier­tel­fi­nale. Wir haben 3:5 im Elf­me­ter­schießen ver­loren. Dass sich daran alle erin­nern…
 
Im Internet gibt es genü­gend Daten­banken.
Gut, ja (lacht). Ich war kürz­lich mit Fredi Bobic in einer Talk­show ein­ge­laden, wo auch über das Spiel gespro­chen wurde. Bobic machte damals das 1:0, ich schoss den Aus­gleich. Die Redak­tion spielte sogar noch alte Fern­seh­bilder vom Tor ein: Ein Vol­ley­schuss aus zehn Metern. Ich konnte mich gar nicht mehr erin­nern – sah aber schön aus.