Patrick Jelen, was war zuerst in Ihrem Leben, die For­tuna oder der Foto­ap­parat?
Ich bin von Beruf Foto­graf, des­halb war die Kamera zuerst da. Als ich 1994 nach Düs­sel­dorf kam, hatte ich noch nicht viel mit Fuß­ball am Hut. Ich war zwar ein paar mal im alten Rhein­sta­dion, aber gepackt hat es mich da noch nicht. Erst 2008 bin ich wieder zur For­tuna gegangen. Dort habe ich ein paar Leute ken­nen­ge­lernt, mit denen ich mich gut ver­standen habe. Relativ schnell hatte ich dann meine erste Dau­er­karte und dann kamen natür­lich auch die Aus­wärts­spiele hinzu. Ich bin aber nicht gezielt mit­ge­fahren, um Fotos zu machen, das kam erst später. Erst meine Wahr­neh­mung der Fuß­ball­kultur bei For­tuna Düs­sel­dorf hat mich dazu gebracht, auch mit der Kamera ins Sta­dion zu gehen: Ich wollte der Kurve etwas zurück­geben.

Der Blog, auf dem ihre Fotos ver­öf­fent­lich werden, heißt For­tuna-Bröt­chen“. Würden sie den kuli­na­risch nicht so bewan­derten Lesern erklären, was es damit auf sich hat?
Das Rezept ist ganz ein­fach: Zwi­schen zwei Bröt­chen­hälften wird ein Schaum­kuss gedrückt. So etwas gibt es, glaube ich, auch in jeder anderen Stadt, aber bei uns an den Büd­chen heißt es halt For­tuna-Bröt­chen. Bei mir an der Bude kostet es 60 Cent und ist eher was für den schnellen Heiß­hunger.

Seit acht Jahren doku­men­tieren sie die Aus­wärts­spiele ihres Ver­eins. Was war Ihre Moti­va­tion?
Zuerst wollte ich nur meine eigenen Aus­wärts­fahrten doku­men­tieren. Wenn ich ehr­lich bin, kommen mir am Tag nach dem Spiel 80 Pro­zent der Fotos, die ich geschossen habe banal vor. Wenn ich mir die aber in 20 Jahren nochmal anschauen werde, weiß ich, dass ich merken werde, was für ein Zeit­do­ku­ment ich da geschaffen habe. Und natür­lich sind die Fotos eine gute Erin­ne­rungs­stütze, wenn man sich ins Gedächtnis rufen will, wie wir ange­reist sind, mit wie vielen Fans wir dort waren oder wie ein bestimmtes Sta­dion früher aussah.

Fotostrecke: Auswärts mit Fortuna Düsseldorf

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Auf­fällig ist ihre Nähe zu den Ultras, die als kame­ra­scheu gelten. Birgt das nicht Kon­flikt­po­ten­tial?
Ich habe mich ja nicht sofort in die erste Reihe gestellt und Leute abge­lichtet. Das war ein schlei­chender Pro­zess und braucht natür­lich ein gutes Ver­trau­ens­ver­hältnis. Ich habe immer ver­sucht, mög­lichst respekt­voll mit den Ultras umzu­gehen und zum Bei­spiel keine Gesichter zu foto­gra­fieren, das ist schon ein sehr sen­si­bles Thema. Klar gab es auch Situa­tionen, in denen mir eine Hand vor die Kamera gehalten wurde, weil die Leute mich nicht kannten und nicht wussten, was ich vor­habe. Aber dann kommt man ins Gespräch und dann ist das meis­tens auch kein Pro­blem mehr.

Gab es sonst mal Ärger?
Kon­flikt­si­tua­tionen erlebe ich häu­figer mit den Ord­nungs­kräften, denn die meisten Kameras sind in Sta­dien unter­sagt, weil die Bild­rechte für alles, was im Sta­dion pas­siert, bei der DFL liegen. Da musste ich schon häu­figer dis­ku­tieren, aber mit rein­ge­kriegt habe ich die Kamera bisher überall.

Was macht für sie das Erlebnis Aus­wärts­fahrt so beson­ders?
Dass es nicht nur um 90 Minuten Fuß­ball geht. Für mich geht es darum, die gemein­same Zeit mit Freunden zu erleben. Eigent­lich ist es ja nichts anderes als eine Fahrt mit dem Kegel­klub oder ein Aus­flug mit der Familie. Dann ist es auch egal, wohin die Reise geht. Wobei man schon Unter­schiede sieht. In Frei­burg bei­spiels­weise steht das Sta­dion mitten in der Stadt. Da steht dann ein Schal­ver­käufer rum und ein paar Meter weiter ver­kauft jemand ein paar Dosen Bier aus seinem Bol­ler­wagen. Da findet man eine Kultur, die sich um das Sta­dion herum gebildet hat. So etwas zu erleben, finde ich stark und das doku­men­tiere ich gerne. Weniger schön ist dann ein grauer Park­platz in Ingol­stadt. Das ist ein reiner Ver­an­stal­tungsort und keine Kul­tur­stätte. Auch diese Unter­schiede zu erleben, finde ich beson­ders.

Wir sind uner­wünscht, aber genau das macht es aus“

Patrick Jelen über das Erlebnis Auswärtsfahrt

Im Nach­wort ihres letzten Bild­bands erwähnten sie, dass Aus­wärts­fans gene­rell uner­wünscht sind. Wie kommen sie zu dieser Ein­schät­zung?
Es ist ja kein Geheimnis, dass man als Aus­wärtsfan nur Bei­werk des Spiel­be­triebs ist. Die Heim­fans wollen natür­lich, dass du da bist, damit eine bes­sere Stim­mung auf­kommt, aber für alle anderen bist du nur lästig und bist alles andere als will­kommen. Du begibst dich in ein tem­po­räres Gefängnis, wenn du auf den Gäs­te­park­platz fährst. Überall stehen Poli­zisten rum, die böse sind, dass du ihnen Über­stunden machst. Du bist uner­wünscht, aber genau das macht es auch aus. Dass wir Fans uns nicht aus dem Fuß­ball ver­drängen lassen, obwohl wir dau­er­haft Schi­kanen erfahren.

Was lernt man auf Aus­wärts­fahrten?
Auf jeden Fall seine Erwar­tungen zurück­zu­schrauben und mit wenig zufrieden zu sein. Ich bin ja schon froh, wenn es keine Schi­kanen gibt und man unkom­pli­ziert anreisen kann. Wenn man auf den Park­platz fährt und die Polizei keine Helme trägt. Oder wenn es Bier mit Alkohol gibt und die Brat­wurst auf Holz­kohle gegrillt wird. Ich würde mir wün­schen, dass die Gelas­sen­heit über­wiegt. Wir wollen nur einen ent­spannten Nach­mittag haben und unsere Mann­schaft unter­stützen und nicht Innen­städte in Schutt und Asche legen, wie es manche denken.

Haben sie des­halb das Rat­haus als Aus­stel­lungsort gewählt? Um eine mög­lichst diverse Gruppe an Besu­chern zu errei­chen?
Die Aus­stel­lung ist darauf aus­ge­legt, einer breiten Öffent­lich­keit, die mit unserem Fan­da­sein nichts zu tun hat, unseren Way of Life näher­zu­bringen. Ich denke, das Rat­haus ist dafür gut geeignet. Ursprüng­lich sollte letztes Jahr im Mai der 125. Ver­eins­ge­burtstag auf dem Rat­haus­platz gefeiert werden. In diesem Rahmen wollte ich auch meine Aus­stel­lung eröffnen, aber daraus wurde coro­nabe­dingt leider nichts. Aber jetzt freuen sich viel­leicht die Beamten im Rat­haus, wenn sie täg­lich an den Bil­dern vor­bei­gehen dürfen. Es kann natür­lich auch pas­sieren, dass der Ober­bür­ger­meister nächste Woche sagt, dass ich die Bilder wieder abhängen soll, weil er keine Lust auf die Fuß­ball­kacke hat (Lacht.)

Grö­ßeren Kunst­ga­le­rien war mein Thema zu prollig“

Wie gestaltet sich eine Aus­stel­lung in Zeiten der Pan­demie?
Wir dürfen leider nie­manden in die Räume lassen, in denen die Bilder hängen, also habe ich mich dazu ent­schieden, einen vir­tu­ellen Rund­gang ein­zu­richten. Dort wird es neben den Bil­dern auch Ton­auf­nahmen geben, in denen ich etwas zu den Bil­dern erkläre. Das war eine sehr zeit­in­ten­sive Arbeit.

Gibt es Pläne, die Aus­stel­lung auch einem kunst­in­ter­es­siertes Publikum zugäng­lich zu machen?
Ich habe auch grö­ßere Kunst­ga­le­rien ange­fragt, denen war mein Thema aber zu prollig“ und fand keine Aner­ken­nung. Viel­leicht kann ich durch diese Aus­stel­lung etwas zum Umdenken bei­tragen. Wenn man in der Presse über Aus­wärts­fahrer liest, ist das in der Regel negativ. Natür­lich gehört es als Fan auch dazu, in fremdem Revier ein biss­chen Radau zu machen, aber das ist nur eine Facette dieser Kultur. Genauso möchte ich Men­schen zeigen, was alles dahin­ter­steckt, wenn man aus­wärts fährt, mit wel­cher Akribie gemalt wird, wie viele Plas­tik­rohre und Rollen Kle­be­band ran­ge­schleppt werden, um die Kurve schön zu machen. Das können sich viele, die Fuß­ball nur aus dem Fern­sehen kennen, über­haupt nicht vor­stellen.

Nur um dich zu sehen

Die Aus­stel­lung NUR UM DICH ZU SEHEN – 125 Jahre For­tuna Düs­sel­dorf“ kann ab Mitt­woch­nach­mittag, 15 Uhr, unter for​tuna​-broet​chen​.de vir­tuell besucht werden.

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