Seite 2: „Der Umgang mit den Jungs ist entscheidend“

Auf welche Eigen­schaften Ihrer Spieler legen Sie wert?
Dass sie bereit sind, sich zu quälen. Dass sie sich in Ver­zicht üben und not­falls auch pri­vate Themen ver­nach­läs­sigen. Dass sie ihr Leben danach aus­richten, alles für das große Ziel zu tun. 

Also genau das, was Sie nicht getan haben. 
Stimmt. Des­halb habe ich nie Pro­fi­fuß­ball gespielt. 

Ein Trainer, der nie höher­klassig Fuß­ball gespielt hat, auf einem Trai­nings­platz mit 23 Zweit­li­ga­profis. Wird das nicht irgend­wann zu einem Pro­blem? 
Um das klar­zu­stellen: Wenn ich mit den Jungs 5‑gegen‑2 spiele, dann kann ich schon mit­halten. Aber ich glaube nicht, dass es für einen Trainer ent­schei­dend ist, wie er als Spieler war. Ent­schei­dend ist die Ver­mitt­lung. Ich habe es immer ver­misst, dass mich mal einer in den Arm nimmt. Ich kann als Trainer hart sein, aber im all­täg­li­chen Umgang bin ich doch ein Teil ihres Lebens. Das Zwi­schen­mensch­liche, der Umgang mit den Jungs, ist ent­schei­dend. 

Also ist es nur fol­ge­richtig, dass Trainer neu­er­dings eher keine Pro­fi­kar­riere vor­weisen? 
Wich­tiger ist, ob der Trainer früher selbst defensiv oder offensiv gespielt hat. Kreativ, arbei­tend oder ver­tei­di­gend. Weil sich das auf den eigenen Spiel­stil aus­wirkt. 

Auf wel­cher Posi­tion haben Sie gespielt? 
Anfangs immer defensiv. Aber zum Ende meiner Kar­riere habe ich offensiv gespielt, und das lag mir bedeu­tend besser. Da konnte ich meine Krea­ti­vität aus­spielen, mich aus­leben. Das hat mir gelegen. Und so ist auch meine Spiel­phi­lo­so­phie aus­ge­legt: Fuß­ball spielen. 

Zur Mitte der Hin­runde, nach dem 4:4 gegen den SC Pader­born, schrieb der Pader­ball… 
Oh, der Text war toll. Den habe ich gern gelesen. 

Der ein­lei­tende Satz lautet: Hol­stein Kiel hat kom­plett die Ver­nunft ver­loren… Und es ist wun­derbar!“ – Fasst das Ihre Spiel­idee tref­fend zusammen? 
Wun­derbar, ja. Aber unser Spiel ist auch ver­nünftig. Ich würde es als Mut“ bezeichnen. Oder wie viele dann sagen: Risiko. Aber Mut ist ein­fach das Ver­trauen in seine eigene Stärke. Ich ver­traue meiner Mann­schaft und des­halb ist es ver­nünftig, was wir machen. 

War die Ana­lyse trotzdem stimmig? 
Dass sich ein Mensch so viel Mühe macht, fand ich unglaub­lich toll. Unser Spiel so zu sezieren, daran würde ich nicht einmal im Traum denken. 

Warum?
Blogger und Tak­tik­nerds denken manchmal viel zu weit. Im Fuß­ball geht es oft­mals nur um Prin­zi­pien und Leit­li­nien. Auf dem Platz sind es dann Klei­nig­keiten, wie eine opti­male Ball­an­nahme oder die Spiel­fort­füh­rung, die wir gar nicht beein­flussen können. Die Ana­lyse trifft viele Punkte sehr gut. Aber bei man­chen Dingen denke ich auch: Okay, das ist jetzt weit her­ge­holt. 

Wie gehen Sie vor?
Ich schaue nur auf meine Jungs. 

Kürz­lich hielt Leeds’ Trainer Mar­celo Bielsa eine bei­spiel­lose Pres­se­kon­fe­renz, in der er ver­riet, dass er für jeden Gegner 300 Stunden Video­ma­te­rial sam­meln würde.
Wenn ich das machen würde, könnte ich mich nicht aus­rei­chend um meine eigene Mann­schaft küm­mern. Ich gehe kom­plett anders an die Sache ran. Ich will sehen, wie die Jungs indi­vi­duell reagieren, welche Abläufe wir trai­nieren müssen. Es ist viel wich­tiger, dass ich unser eigenes Video­ma­te­rial sichte, als den Gegner so aus­ein­ander zu nehmen. 

Bielsa sagt, er könne nur so – in dem Wissen, alles getan zu haben – beru­higt zu einem Spiel fahren. 
Kann man so machen. Aber da geht es ihm ja dann nur um seine eigene Person. Für mich ist aber wich­tiger, dass die Spieler beru­higt sind. Nein, da nutze ich die Zeit lieber und beschäf­tige mich mit meinen Jungs.