Seite 4: „Der Umbruch war ein absolutes Muss“

War es ein Vor­teil, dass im Sommer ein per­so­neller Umbruch in Kiel statt­ge­funden hatte, nach der geschei­terten Rele­ga­tion? 
Es war ein abso­lutes Muss. 

Warum?
Weil das zuvor Erlebte zu gegen­wärtig war. Fabian (Wohl­ge­muth, Geschäfts­führer Sport, d. Red.) und ich kamen neu nach Kiel. Uns war schon wichtig, dass wir neue Spieler dazu­be­kommen. Wir wollten ver­jüngen. Wir hatten die Mög­lich­keit, im Verein Struk­turen wei­ter­zu­ent­wi­ckeln, junge Spieler zu för­dern und her­an­zu­führen. Das war für mich aus­schlag­ge­bend, mich für Kiel zu ent­scheiden.

Über welche Ent­wick­lung haben Sie sich zuletzt am meisten gefreut? 
Zual­ler­erst über die Ent­wick­lung meiner Mann­schaft. Das ist mir das Wich­tigste. Aber auch Klei­nig­keiten, wie die Opti­mie­rung der Anreisen zu Aus­wärts­spielen, die Platz­be­schaf­fen­heit, Kabi­nen­ein­rich­tung. Da sind wir zuletzt auf viele offene Ohren gestoßen.

Zu Sai­son­be­ginn holten Sie Innen­ver­tei­diger Hauke Wahl vom FC Ingol­stadt. Er gilt als Pro­totyp Ihres Sys­tems… 
Tür­chen 11, oder? 

Hm?
Tür­chen 11 im Advents­ka­lender von Spiel​ver​la​ge​rung​.de. Den Text habe ich gelesen. 

Wahl wird dort als wich­tigster Auf­bau­spieler her­aus­ge­stellt. War seine Rolle von Beginn fest­ge­legt?
Nein. Das kann ich offen sagen: Ich war nicht von Beginn an über­zeugt, ob Hauke das so spielen kann. Wir hatten ihn gesichtet, ich hatte ihn getroffen, aber wirk­lich über­zeugt kann man erst sein, wenn man mit den Spie­lern gear­beitet hat. 

Wann haben die Zweifel sich gelegt? 
Im ersten Trai­nings­spiel. Er hat sofort Kom­mandos gegeben, Ver­ant­wor­tung über­nommen. Hauke will sich wei­ter­ent­wi­ckeln, kennt seine Stärken und Schwä­chen. Guter Junge. 

Für mehr Auf­sehen sorgte zu Sai­son­be­ginn aller­dings Jae-sung Lee. Wie über­zeugt man einen süd­ko­rea­ni­schen Natio­nal­spieler, der gerade Deutsch­land bei der WM geschlagen hat, vom Zweit­li­gisten Hol­stein Kiel?
Wir haben mit ihm über Face­Time“ tele­fo­niert. Er hat kein Wort ver­standen. Wir haben auf Eng­lisch mit seinem Bruder und seinem Berater gespro­chen. Und er hat immer nur fleißig genickt und gelacht. Das liegt daran, dass in Süd­korea ein anderes System herrscht. Der Trainer spricht kaum mit der Mann­schaft. Fragen stellen dürfen die Spieler nicht. Und wir haben ihm ein­fach gesagt: Wir sind für dich da. Wir wollen dich besser machen, sodass du irgend­wann in der 1. Liga spielen kannst.“ 

Mit Kiel?
Ent­weder mit Kiel. (Wartet.) Oder mit einem anderen Verein. 

Ihr Enga­ge­ment kam zustande, nachdem Kiel in der Rele­ga­tion geschei­tert war.
Ich hatte mich ja schon vor den Rele­ga­ti­ons­spielen ent­schieden. Das war völlig unab­hängig vom Aus­gang. 

Glauben Sie, Ihre radi­kale Idee vom Fuß­ball wäre auch in der ersten Liga zu spielen?
Ich gehe davon aus, dass man das auch in der ersten Liga machen kann. Aus wel­chem Grund auch nicht? Ich habe diesen Fuß­ball jetzt in der Jugend, in der Regio­nal­liga Bayern und in der 2. Bun­des­liga spielen lassen. Bisher hat es funk­tio­niert. 

Sie kamen als Trainer von Bayern Mün­chen II. Gibt es einen Unter­schied in der täg­li­chen Arbeit?
Bei Bayern Mün­chen ist es so: Hier treffen die besten Nach­wuchs­spieler des Landes auf­ein­ander. Die sind alle gut aus­ge­bildet, haben viel Talent. Denen kannst du sagen, was du erwar­test, und sie sind in der Lage, es relativ schnell umzu­setzen. Je jünger sie sind, desto eher akzep­tieren sie Vor­gaben. Aber am Ende unter­scheidet sich die täg­liche Arbeit nicht so gra­vie­rend. Das Wich­tigste ist die Bereit­schaft der Spieler, Dinge anzu­nehmen und sich auf meine Idee des Fuß­balls ein­zu­lassen.

Thomas Tuchel hat zu Beginn seiner Zeit beim FSV Mainz fest­ge­stellt, dass der Trainer im Jugend­be­reich noch Spiele alleine ent­scheiden könne. Im Her­ren­be­reich sei er eher ein Dienst­leister für die Spieler.
Das bin ich immer. Ich ver­suche mein Wissen und meine Fähig­keiten ein­zu­bringen, bin dabei aber nur ein kleines Räd­chen. Klar, je besser der Jugend­spieler aus­ge­bildet wurde, desto eher kann er Spiele ent­scheiden. 

Es gibt also keinen Unter­schied?
Es ist schon so, dass ich als Jugend­trainer einen höheren Ein­fluss auf einen her­an­wach­senden Men­schen habe. Ich kann seinen Cha­rakter prägen, ihn ent­wi­ckeln. Das schaffe ich im Her­ren­be­reich nicht mehr so leicht, da befinde ich mich oft in einer Mode­ra­ti­ons­rolle, weil die Spieler schon eine Per­sön­lich­keit ent­wi­ckelt haben. 

Tim Walter, die Rück­runde der 2. Liga beginnt. Sie sind aktuell Tabel­len­fünfter. Wie hat sich Hol­stein Kiel im Winter vor­be­reitet?
Es geht immer nur um Prin­zi­pien. Wichtig war mir, dass wir noch sicherer im Ball­be­sitz werden und bei einem Ball­ver­lust sofort wieder Zugriff finden. 

Sie stehen auch noch im DFB-Pokal. Was erscheint Ihnen gerade ein­fa­cher: Auf­stieg oder Pokal­sieg?
(lacht.) Pokal­sieg – weil es weniger Spiele sind. Die Qua­lität der Gegner steigt natür­lich. Es wird schwierig, das Tempo ein­zu­schränken. Aber in einem Spiel ist es machbar.