Dieter Hecking, wer muss beim Essen im Mann­schafts­hotel neben Ihnen sitzen?
Das ist unter­schied­lich. Ich sitze mit dem Trai­ner­stab an einem Tisch. Warum fragen Sie?

Sie haben mal erzählt, dass Sie als junger Spieler in Glad­bach oft neben Ihrem Trainer Jupp Heynckes Platz nehmen mussten.
Das stimmt (schmun­zelt). Die ganze Mann­schaft saß an einer langen Tafel, der Trainer am Kopf. Der Stuhl neben ihm war immer für einen der jün­geren Spieler reser­viert – die alten haben sich natür­lich mög­lichst weit weg­ge­setzt.

Und wie war das, neben dem Trainer?
Ich habe bloß die ganze Zeit gedacht: Jetzt keine fal­sche Bewe­gung, kein fal­sches Wort. Jupp Heynckes war ja damals auch noch nicht so locker, wie er es am Ende seiner Kar­riere gewesen ist.

Solche Erfah­rungen ersparen Sie Ihren Spie­lern also heut­zu­tage?
Ja, wir haben das auf­ge­lo­ckert. Bei uns gibt es meh­rere Tische, keine rie­sen­lange Tafel. Das wäre zu unper­sön­lich.

Gibt es noch wei­tere Dinge, die Sie zu Ihrer aktiven Zeit gehasst haben und daher heute sein lassen?
Kraft­trai­ning! Das habe ich gehasst wie die Pest. Wenn ich damals aus dem Kraft­raum gekommen bin, habe ich mich richtig schlecht gefühlt. Als ich dann mit 34 Jahren in Han­nover gespielt habe, sagte ich irgend­wann zu Kon­di­ti­ons­trainer Ewald Kow­al­czuk: Eddie, die Bein­presse mache ich noch, aber beim Rest schau bitte nicht so genau hin.“ Das hat er durch­gehen lassen, weil ich einer der Älteren war.

Also drü­cken Sie da bei Ihren Spie­lern auch ein Auge zu?
Ich habe die Erfah­rung gemacht, dass wir auch ohne exzes­sives Kraft­trai­ning gut fahren. Die rich­tige Dosie­rung ist ent­schei­dend. Aber es gibt natür­lich auch Spieler, die sich frei­willig etwas drauf­pa­cken, weil sie denken, das sieht gut aus.

Wie viel von Ihren frü­heren Trai­nern steckt in Ihrer heu­tigen Arbeit?
Man nimmt von vielen etwas mit. Lorenz-Gün­ther Köstner zum Bei­spiel hat mir ver­mit­telt, dass Füh­rungs­spieler wichtig sind, dass man sie stark machen muss. Jürgen Sun­dermann war in seiner Ansprache ein­fach sen­sa­tio­nell. Ich erin­nere mich noch, dass er uns vor einem Spiel mal von einem ein­ar­migen Bas­ket­ball­spieler erzählt hat, der zehn Dun­kings gemacht hat. Aber so etwas kannst du natür­lich nicht ein­fach kopieren.
Halten Sie Kabi­nen­an­spra­chen intuitiv, oder sind die vor dem Spiegel ein­stu­diert?
Bei mir ist nichts ein­stu­diert. Meine Anspra­chen sind meis­tens sach­li­cher Art. Emo­tional bin ich selten. Du kannst ja nicht in jeder Halb­zeit impulsiv reagieren. Da nutzt du dich ab. Aber es gibt natür­lich auch Situa­tionen, in denen ich mal sage: Jungs, habt ihr eigent­lich einen Voll­schaden?“ Oder man kann auch mal ganz ruhig bleiben, ganz leise spre­chen. Ich glaube, unter­schwellig hast du ein­fach ein Gefühl dafür, wie du wann reagieren musst.

Was ist für Sie der Kern Ihrer Arbeit?
Das sind die spiel­tak­ti­schen Dinge. Und das bedeutet nicht, wie wir einen Eck­ball spielen oder dass ein Laufweg so sein muss und nicht anders. Für mich geht es im Kern darum, dass alle Räd­chen inein­an­der­greifen. Nehmen Sie mal die Ver­pflich­tung von Kevin de Bruyne. Zu einem bestehenden Puzzle haben wir mit ihm ein wei­teres Puz­zle­teil dazu­be­kommen. Und ich muss jetzt schauen, wie ich das eine Teil so inte­griere, dass das Bild trotzdem stimmig bleibt.

Wo kommen Ihnen dafür die besten Ideen? Im Auto? Unter der Dusche? Im Schlaf?
Also, im Schlaf kommt bei mir gar nichts (lacht). Eher beim Lau­fen­gehen oder im Auto auf der Fahrt nach Hause. Dann bin ich ganz für mich und es schwirren mir die klarsten Gedanken durch den Kopf. Es kreist bei mir ja eh ständig alles um Fuß­ball und um meine Mann­schaft. Das gehört wohl zu einem Trainerleben dazu.

Herr Hecking, im Sommer ist Pep Guar­diola in die Bun­des­liga gewech­selt. Erlebt Ihre ganze Branche dadurch eine Auf­wer­tung?
Sicher­lich ist Pep Guar­diola ein über­ra­gender Kol­lege und eine schil­lernde Per­sön­lich­keit. Das hilft natür­lich dem Ansehen der Liga. Man sieht bei ihm relativ schnell, dass er einer Mann­schaft etwas ver­mit­teln kann. Man muss aber auch sagen: Guar­diola hat die besten Spieler aller 18 Bun­des­li­gisten zur Ver­fü­gung. Es wäre sicher inter­es­sant, sich mit ihm einmal aus­zu­tau­schen, über spiel­tak­ti­sche Dinge, über seinen Trai­nings­aufbau. Aber man kann einen Guar­diola sowieso nicht kopieren. Jeder will ja auch seine eigene Geschichte schreiben.

Sie sehen ihn also nicht als Revo­lu­tionär?
Der größte Revo­lu­tionär der ver­gan­genen Jahre war für mich Jürgen Klins­mann. Keiner hat in Deutsch­land die Trai­ner­ar­beit derart ein­schnei­dend ver­än­dert wie er. Ich erin­nere mich noch, wie wir damals unter Kol­legen über seine Maß­nahmen dis­ku­tiert haben. Inzwi­schen sieht man, wie viel von Klins­manns Arbeit über­nommen worden ist. Der Aus­dau­er­lauf wurde hin­ter­fragt, das Kraft­trai­ning ganz neu defi­niert.

Ist Guar­diola denn mehr ein Fuß­ball­for­scher als nur ein bloßer Fuß­ball­lehrer?
Das sind wir doch alle irgendwie. Jeder Trainer macht sich ständig Gedanken: Was kann ich noch ver­bes­sern? Wie kann ich in mein Spiel etwas ein­bauen, das der Gegner noch nicht gesehen hat? Ich glaube, viele Trainer würden es schaffen, den Bayern ein Spiel­system zu ver­passen, das funk­tio­niert. Aber es ist für mich eine genauso bemer­kens­werte Leis­tung, was Markus Wein­zierl in Augs­burg macht. Oder Thomas Tuchel in Mainz. Aber am Ende zählt für viele immer nur ein Titel.

Wie sieht das For­schen bei Ihnen aus?
Wir haben bei uns im Trai­ner­stab, wenn man so will, nur Fuß­ball­be­kloppte. Andries Jonker (hinter Dirk Bremser zweiter Co-Trainer, d. Red.) hat schon auf aller­höchstem Niveau gear­beitet, bei Bayern Mün­chen, in Bar­ce­lona. Er hat mit Louis van Gaal über Jahre einen sehr guten Chef gehabt. Mit ihm macht es wahn­sinnig Spaß, sich aus­zu­tau­schen – weil er vieles ganz anders sieht. So etwas würde ich mir manchmal auch noch stärker bei Trai­ner­ta­gungen wün­schen.

Dieser Aus­tausch findet dort nicht statt?
Doch, aber es könnte meiner Mei­nung nach noch viel inten­siver sein. Wir reden bei den Tagungen über das Nach­wuchs­kon­zept vom DFB oder über die Beschaf­fen­heit von Rasen mit Kunst­fa­ser­an­teil. Das sind defi­nitiv auch wich­tige Themen, aber bei sol­chen Gele­gen­heiten sollten wir uns gegen­seitig auch noch andere Fragen häu­figer stellen: Wie spielst du gegen ein 4−3−3? Wo könnte ein Ansatz sein? Wann geht ihr ins Pres­sing? Solche Dis­kus­sionen kommen mir in der Bun­des­liga noch zu kurz. Da hat viel­leicht auch jeder Angst, zu viel von sich preis­zu­geben.

Ist ein Fuß­ball­spiel für Sie auch immer ein Duell Trainer gegen Trainer?
Das kommt immer wieder vor. Aber in der Bun­des­liga wird man nur noch selten über­rascht. Thomas Tuchel ist zum Bei­spiel einer, der im Spiel sehr viel ver­än­dert. Gegen uns hat er in 90 Minuten drei unter­schied­liche Sys­teme spielen lassen. Das sind natür­lich auch kleine Psy­cho­spiel­chen. Du guckst ja auch immer rüber, wenn der geg­ne­ri­sche Trainer an der Linie steht und Anwei­sungen gibt. Mir geht das jeden­falls so. Oh, was hat er jetzt wieder vor? Ver­sucht der gerade was zu ver­än­dern?

Haben Sie in solch einem Spiel schon mal erlebt, dass Sie für einen Moment nicht wussten, wie Sie reagieren sollen?
Auf viele Dinge hat man eine Ant­wort parat, aber du musst abwägen, ob es die rich­tige ist. Man kann ja auch nicht nur noch auf den Gegner reagieren. In Wolfs­burg will ich das auch gar nicht. Der Gegner soll sich nach uns richten, er soll sich unserer Spiel­weise anpassen. Das ist auch etwas Neues für mich gewesen, weil ich bisher nur bei Mann­schaften gear­beitet habe, die eher mit dem Rücken zur Wand standen. In Wolfs­burg habe ich nun Spieler, die das Spiel selbst machen können, die offensiv denken und nicht zurück­wei­chen wollen.
Sie haben sich von Verl und Lübeck aus der Dritt­klas­sig­keit über Aachen in die Bun­des­liga zu Han­nover gekämpft. Hilft Ihnen dieser lange Weg heute?
Für mich war dieser Weg sehr lehr­reich und wichtig. Man sieht ja auch, wie viele junge Kol­legen in der Bun­des­liga nur noch einen Sommer haben und dann keine Chance mehr kriegen.

Haben Sie Ihre Kar­riere so geplant?
Das hat sich so ergeben. Wenn ich in Lübeck ein Angebot aus der Bun­des­liga bekommen hätte, hätte ich bestimmt nicht gesagt: Ich muss erst noch in der Zweiten Liga Erfah­rungen sam­meln. Wenn du das Ziel hast, in der Bun­des­liga zu arbeiten, darfst du eigent­lich nicht Nein sagen. Es kann sein, dass das Auto nur einmal vor dir anhält. Dann musst du ein­steigen. Denn wenn es weg ist, kommt es viel­leicht nie wieder.

Sie gelten mitt­ler­weile als gestan­dener Bun­des­liga-Trainer…
…und trotzdem will ich immer noch dazu­lernen. Ich weiß, dass ich Schwä­chen habe. Mein Eng­lisch ist zum Bei­spiel immer noch ver­bes­se­rungs­würdig. Des­halb habe ich mir für dieses Jahr vor­ge­nommen, Eng­lisch­un­ter­richt zu nehmen. Ich will auch ein biss­chen Spa­nisch lernen. Ich habe gemerkt, ich muss auch in einer Fremd­sprache Emo­tionen wecken können. Das fällt mir oft noch unheim­lich schwer, und mit fast 50 Jahren ist das auch gar nicht so ein­fach, das noch einmal hin­zu­kriegen.

Welche neuen Erfah­rungen haben Sie in Ihrer Zeit in Wolfs­burg bisher gesam­melt?
Es gibt immer wieder neue Situa­tionen, die ich so noch nicht erlebt habe. Mit Luiz Gus­tavo und Kevin de Bruyne habe ich jetzt zwei Spieler, die eine zwei­stel­lige Mil­lio­nen­ab­löse gekostet haben. Das ist eine andere Kate­gorie Spieler, und trotzdem merkst du: Du kannst mit dem genauso reden wie mit einem Spieler, der nur eine halbe Mil­lion gekostet hat. Das ist eine schöne Erfah­rung. Und so soll für mich dieser Beruf auch bleiben. Dieser Drive darf nicht ver­loren gehen, die Begeis­te­rung, sich reiben, messen zu wollen und das dann auch vor­zu­leben: gewinnen wollen. Denn warum will man eigent­lich gewinnen?

Ver­raten Sie es uns.
Weil es ein­fach geil ist.