Seite 3: Trainingslager auf dem Gefängnis-Sportplatz

Der Richter, der ihm das Ende seiner Kar­riere vor­aus­ge­sagt hatte, hatte natür­lich recht. Wie lang kann eine Pause sein, nach der man als Fuß­ball­profi noch zurück­kommt? Ein Jahr viel­leicht, zwei Jahre sind schon fast unmög­lich. Bei Daniel Keita-Ruel sollten aber letzt­lich 1196 Tage zwi­schen zwei Pflicht­spielen liegen, drei Jahre und drei Monate.

Nor­ma­ler­weise hat man in dieser Zeit alles ver­loren, was ein Spieler braucht: Kraft, Geschmei­dig­keit, das Gespür für den Ball und den Raum. Doch so ver­träumt und leicht zu beein­dru­cken Keita gewesen sein mochte, es gab auch eine andere Seite: Ich war immer brutal ehr­geizig.“ Hinter Git­tern stei­gerte sich der Ehr­geiz zur Beses­sen­heit.

Sein Jugend­trainer schickte ihm Trai­nings­pläne ins Gefängnis

Er wurde Sport­wart und konnte so die ganze Woche in den Trai­nings­räumen oder draußen auf dem Sport­platz der Haft­an­stalt ver­bringen. Beim Trai­ning ging er über alle Grenzen, lief noch mehr, zog noch mehr Sprints an, er legte noch mehr Gewichte auf und schoss den Ball noch hun­dertmal gegen die Wand. Keita powerte sich jeden Tag aus, um abends tod­müde ins Bett zu fallen, meis­tens schlief er schon um neun Uhr ein. 

So betäubte er das Gefühl des Ein­ge­sperrt­seins, aber nicht nur das: Mein Ziel war es, dass ich keinen Tag ver­liere, wenn ich draußen bin.“ Keita schaffte sich sieben Kilo Mus­kel­masse drauf und über­zeugte die Anstalts­lei­tung, mög­lichst oft Mann­schaften von draußen zu Spielen ein­zu­laden. Peter Rado­jewski, sein alter Jugend­trainer, schickte ihm regel­mäßig neue Trai­nings­pläne, manchmal tele­fo­nierten sie.

Mit Extra­turbo durch die Ligen

Eine Ermu­ti­gung brauchte Keita dabei nicht. Im Gefängnis hat er sich eine Eigen­schaft ange­eignet: Er hat sich gestählt“, sagt Rado­jewski. Als es mög­lich wurde, holte er den Mann aus Stahl als Frei­gänger in sein Team, den FC Ratingen 04 in der fünften Liga. Für Keita war das Erlebnis, wieder draußen Fuß­ball zu spielen, wie eine Erwe­ckung. Es war krass: Als wäre ich nie weg gewesen und hätte durch das Trai­ning im Knast sogar noch einen Extra­turbo dazu­be­kommen.“

Er begann durch die Ligen zu rasen und jedes Jahr auf­zu­steigen: von Ratingen in die Regio­nal­liga zu Wat­ten­scheid 09, weiter zu For­tuna Köln in die Dritte Liga. Als Zweit­li­gist Greu­ther Fürth ihn ver­pflich­tete, balgten sich bereits die Klubs um ihn. St. Pauli bot viel Geld und Hol­stein Kiel schickte sogar einen Pri­vatjet. Keita ent­schied sich für den Klub, wo die Aus­sicht zu spielen am größten war.

Ein großer Stür­mer­mo­ment

Der Tur­bo­kurs durch die Ligen wäre allein schon erstaun­lich genug, aber Keita schoss gegen jede Logik mit jedem Auf­stieg mehr Tore als zuvor in der Spiel­klasse dar­unter. In Ratingen hatte er alle 256 Minuten getroffen, in Fürth waren es zuletzt schon alle 158 Minuten. Dazu quält er die geg­ne­ri­schen Ver­tei­diger durch eine fast patho­lo­gi­sche Lauf­be­reit­schaft. Man wird schon müde, wenn man ihm dabei zuschaut. Immer wieder läuft er an, zwanzig Mal im Spiel, und wenn es sein muss auch öfter. Nach Abpfiff sind schon Gegner zu mir gekommen und haben gesagt: Du bist krank!‘ Aber mich pusht das.“

Im Spiel gegen den VfL Bochum läuft die Nach­spiel­zeit. Fürth liegt zurück, und Keita hatte bis­lang noch keine rich­tige Tor­szene, so sehr er auch in diesem Spiel wieder geackert hat. Doch auf einmal kommt der lange Ball in den Straf­raum, und alles geht ganz schnell. Zwei Bewe­gungen und der Bochumer Ver­tei­diger ist aus dem Spiel, im Fallen trifft Keita zum Aus­gleich. Ein großer Stür­mer­mo­ment ist das und am elften Spieltag sein siebtes Tor für Greu­ther Fürth, das ins­ge­samt 45. in Punkt­spielen, seit er aus dem Knast ent­lassen wurde.