11FREUNDE wird 20!

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Außerdem prä­sen­tieren wir euch an dieser Stelle in den kom­menden Wochen wei­tere spek­ta­ku­läre Repor­tagen, Inter­views und Bil­der­se­rien. Heute: Wie Daniel Keita-Ruel aus dem Knast in den Pro­fi­fuß­ball stürmte.

11 Freunde Das große 11 Freunde Buch Kopie

Wenn eines Tages das Leben von Daniel Keita-Ruel ver­filmt werden sollte – und Net­flix hat zumin­dest schon mal ange­fragt – könnte der Film mit schweren Hip-Hop-Beats beginnen, in die sich das Geräusch eines Balls mischt, der gegen eine Wand knallt. Wenn dann die Kamera auf­zieht, erkennen wir einen jungen Mann in Gefäng­nis­klei­dung, der ihn gegen die Knast­mauer schießt – wieder und wieder.

Dazu setzt der Rap von Jigzaw ein: Sie warfen mich ins kalte Wasser, kein Thema, denn ich kann schwimmen / Auf­geben keine Option, bin da, nur um zu gewinnen.“ Um den Gefan­genen wech­seln die Jah­res­zeiten. Die schwache Früh­lings­sonne wird zum glei­ßenden Licht des Som­mers, Herbst­blätter fallen auf den Boden und bald der Schnee des Win­ters. Er hat sehr viel Zeit, den Ball gegen die Wand zu schießen.

Von den Sta­dion Kata­komben in die Knast-Zelle

Diese Szene geht bald über in einen Flash­back: die Erin­ne­rung an den Verrat. Der Gefan­gene steht vor Gericht und wird gleich einen schick­sal­haften Fehler machen. Er ahnt, dass etwas nicht stimmt. Denn als er zu spre­chen beginnt, wendet der Mann, den er für seinen Freund hält, den Blick ab und starrt auf den Boden. Aber die Ahnung reicht nicht, um im letzten Moment noch das Rich­tige zu tun. Also wie­der­holt der Gefan­gene auf Nach­frage des Rich­ters seine Lüge noch einmal. Nein, der andere sei nicht an den Raub­über­fällen betei­ligt gewesen.

Damit schnappt die Falle zu, denn der fal­sche Freund hat inzwi­schen gestanden, dass er dabei war. Für den Gefan­genen ändert das alles. Eigent­lich soll er in wenigen Tagen auf Bewäh­rung gehen können, ein Fuß­ball­klub hat sogar schon die Kau­tion für ihn hin­ter­legt. Doch nun schlägt die Gefäng­nistür zu, und der Richter gibt ihm auf dem Weg in die Straf­haft noch mit: Herr Keita-Ruel, ihre Fuß­ball­kar­riere ist jetzt vorbei. Aber wenn sie her­aus­kommen, können sie ja in Hol­ly­wood anfangen.“

Eine Geschichte von der man lernen kann 

Keita, wie ihn alle nennen, sitzt an einem grauen Novem­ber­morgen 2018 am Kopf­ende eines großen Holz­ti­sches und erzählt diese Geschichte. Er erzählt sie ohne Drama, eine grö­ßere innere Betei­li­gung ist ihm nicht anzu­merken. Doch die Zuhörer wissen auch so, wie schnell man die fal­sche Abzwei­gung im Leben genommen hat und wie es einem dann geht. Sie haben selbst im Knast gesessen. Weil sie anschlie­ßend nicht weiter wussten, sind sie hier bei der Christ­li­chen Initia­tive für Straf­ge­fan­gene und Straf­ent­las­sene unter­ge­kommen, im Nürn­berger Süden, gegen­über der Bahn­trasse.

Als es darum ging, dass die Zweit­li­ga­profis der SpVgg Greu­ther Fürth am Sozi­altag“ des Ver­eins zu diversen Ein­rich­tungen aus­schwärmen, hat Keita sich für diese ent­schieden. Seine Geschichte hat hier noch eine andere Bedeu­tung, geht es in ihr doch nicht nur um man­gelnde Men­schen­kenntnis oder fal­sche Loya­lität, son­dern auch um unbeug­samen Willen und die Mög­lich­keit des Come­backs.

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Marian Len­hard

Mit 17 Jahren war Keita ein gefei­ertes Stür­mer­ta­lent in der Jugend­mann­schaft des Wup­per­taler SV und hatte Ange­bote von Klubs aus ganz Deutsch­land. Von meinen Freunden war ich der mit dem meisten Geld, und ich war der Belieb­teste“, erzählt er dem Dut­zend Zuhö­rern, die in Nürn­berg am Tisch sitzen.

Er wech­selte zu Borussia Mön­chen­glad­bach, wurde schließ­lich aber nicht zu den Profis über­nommen. Glad­bachs Manager Max Eberl ver­ab­schie­dete ihn mit dem klas­si­schen Urteil: Bis zum Hals Welt­klasse, dar­über nur Kreis­klasse.“ Unver­se­hens fand Keita sich beim Bonner SC in der vierten Liga wieder und anschlie­ßend in Wup­pertal – in der zweiten Mann­schaft. Trainer Uwe Fuchs zog ihn zu den Profis hoch, die damals dritt­klassig spielten, aber zu mehr als ein paar Ein­wechs­lungen reichte es nicht. Ich war noch nicht reif“, sagt Keita.

Talent ohne Struktur

Was das bedeu­tete, daran erin­nert sich Uwe Fuchs noch genau: Sein Spiel war das Abbild seiner Per­sön­lich­keit, bei allem Talent fehlte jeg­liche Struktur.“ Keita kam zu spät zum Trai­ning, machte die Übungen nicht richtig und hielt sich im Spiel nicht an seine Auf­gaben. Man könnte daraus schließen, dass der junge Nach­wuchs­profi trotzig und uner­reichbar auf dem Ego­trip war, doch das Pro­blem war ein anderes.

Er war ein lieber Junge, der viel geträumt hat“, sagt Fuchs. Er erin­nert sich auch an eine unheim­lich nette Mutter“. Sie betreibt seit vielen Jahren einen pri­vaten Kin­der­garten, Keitas inzwi­schen ver­stor­bener Vater arbei­tete in einer Staub­sauger­fa­brik und machte in der Frei­zeit Musik. Er kam aus dem Senegal, die Mutter kommt aus Kor­sika.

Keita erzählt in Nürn­berg voller Zunei­gung von seiner Familie, trotzdem fühlte er sich von den fal­schen Leuten ange­zogen. Ich komme aus einer guten, aber meine Freunde kamen aus einer schlechten Gegend“, sagt er. Warum das so war? So richtig weiß er es selbst nicht mehr.

Seine Freunde waren echte Gangster

Als Keita sein Leben an die Wand setzte, war er 21 Jahre alt. Die Freunde aus der schlechten Gegend waren nicht nur deut­lich älter als er, son­dern auch echte Gangster. Bei zwei Insi­der­jobs, insze­nierten Raub­über­fällen und einem bewaff­neten Raub stand er Schmiere. Die Bande wurde gefasst, bei der Fest­nahme drohte ein Poli­zist, Keita ins Bein zu schießen, er erkannte den Fuß­baller. Der Kicker lan­dete in Unter­su­chungs­haft und wurde nach 18 Monaten zu fünf­ein­halb Jahren auf Bewäh­rung ver­ur­teilt. Halb auf dem Weg nach draußen machte er sich mit der Falsch­aus­sage alles kaputt.

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Marian Len­hard

Der Richter, der ihm das Ende seiner Kar­riere vor­aus­ge­sagt hatte, hatte natür­lich recht. Wie lang kann eine Pause sein, nach der man als Fuß­ball­profi noch zurück­kommt? Ein Jahr viel­leicht, zwei Jahre sind schon fast unmög­lich. Bei Daniel Keita-Ruel sollten aber letzt­lich 1196 Tage zwi­schen zwei Pflicht­spielen liegen, drei Jahre und drei Monate.

Nor­ma­ler­weise hat man in dieser Zeit alles ver­loren, was ein Spieler braucht: Kraft, Geschmei­dig­keit, das Gespür für den Ball und den Raum. Doch so ver­träumt und leicht zu beein­dru­cken Keita gewesen sein mochte, es gab auch eine andere Seite: Ich war immer brutal ehr­geizig.“ Hinter Git­tern stei­gerte sich der Ehr­geiz zur Beses­sen­heit.

Sein Jugend­trainer schickte ihm Trai­nings­pläne ins Gefängnis

Er wurde Sport­wart und konnte so die ganze Woche in den Trai­nings­räumen oder draußen auf dem Sport­platz der Haft­an­stalt ver­bringen. Beim Trai­ning ging er über alle Grenzen, lief noch mehr, zog noch mehr Sprints an, er legte noch mehr Gewichte auf und schoss den Ball noch hun­dertmal gegen die Wand. Keita powerte sich jeden Tag aus, um abends tod­müde ins Bett zu fallen, meis­tens schlief er schon um neun Uhr ein. 

So betäubte er das Gefühl des Ein­ge­sperrt­seins, aber nicht nur das: Mein Ziel war es, dass ich keinen Tag ver­liere, wenn ich draußen bin.“ Keita schaffte sich sieben Kilo Mus­kel­masse drauf und über­zeugte die Anstalts­lei­tung, mög­lichst oft Mann­schaften von draußen zu Spielen ein­zu­laden. Peter Rado­jewski, sein alter Jugend­trainer, schickte ihm regel­mäßig neue Trai­nings­pläne, manchmal tele­fo­nierten sie.

Mit Extra­turbo durch die Ligen

Eine Ermu­ti­gung brauchte Keita dabei nicht. Im Gefängnis hat er sich eine Eigen­schaft ange­eignet: Er hat sich gestählt“, sagt Rado­jewski. Als es mög­lich wurde, holte er den Mann aus Stahl als Frei­gänger in sein Team, den FC Ratingen 04 in der fünften Liga. Für Keita war das Erlebnis, wieder draußen Fuß­ball zu spielen, wie eine Erwe­ckung. Es war krass: Als wäre ich nie weg gewesen und hätte durch das Trai­ning im Knast sogar noch einen Extra­turbo dazu­be­kommen.“

Er begann durch die Ligen zu rasen und jedes Jahr auf­zu­steigen: von Ratingen in die Regio­nal­liga zu Wat­ten­scheid 09, weiter zu For­tuna Köln in die Dritte Liga. Als Zweit­li­gist Greu­ther Fürth ihn ver­pflich­tete, balgten sich bereits die Klubs um ihn. St. Pauli bot viel Geld und Hol­stein Kiel schickte sogar einen Pri­vatjet. Keita ent­schied sich für den Klub, wo die Aus­sicht zu spielen am größten war.

Ein großer Stür­mer­mo­ment

Der Tur­bo­kurs durch die Ligen wäre allein schon erstaun­lich genug, aber Keita schoss gegen jede Logik mit jedem Auf­stieg mehr Tore als zuvor in der Spiel­klasse dar­unter. In Ratingen hatte er alle 256 Minuten getroffen, in Fürth waren es zuletzt schon alle 158 Minuten. Dazu quält er die geg­ne­ri­schen Ver­tei­diger durch eine fast patho­lo­gi­sche Lauf­be­reit­schaft. Man wird schon müde, wenn man ihm dabei zuschaut. Immer wieder läuft er an, zwanzig Mal im Spiel, und wenn es sein muss auch öfter. Nach Abpfiff sind schon Gegner zu mir gekommen und haben gesagt: Du bist krank!‘ Aber mich pusht das.“

Im Spiel gegen den VfL Bochum läuft die Nach­spiel­zeit. Fürth liegt zurück, und Keita hatte bis­lang noch keine rich­tige Tor­szene, so sehr er auch in diesem Spiel wieder geackert hat. Doch auf einmal kommt der lange Ball in den Straf­raum, und alles geht ganz schnell. Zwei Bewe­gungen und der Bochumer Ver­tei­diger ist aus dem Spiel, im Fallen trifft Keita zum Aus­gleich. Ein großer Stür­mer­mo­ment ist das und am elften Spieltag sein siebtes Tor für Greu­ther Fürth, das ins­ge­samt 45. in Punkt­spielen, seit er aus dem Knast ent­lassen wurde.

Fürth ver­pflich­tete Keita aber nicht nur als Goal­getter oder Lauf­wunder. Unsere Hoff­nung war es, dass er die Bereit­schaft, an sich zu arbeiten, in die Mann­schaft hin­ein­trägt“, sagt Manager Rachid Azz­ouzi. Viele Spieler sind noch jung und teil­weise unbe­darft, für sie ist gerade der Ex-Knacki das Vor­bild.

Im Trai­ning muss ihn Trainer Damir Buric oft bremsen; und wenn es um pro­fes­sio­nelles Ver­halten bei Ernäh­rung, Pflege oder aus­rei­chend Schlaf geht, setzt Keita in Fürth sowieso die Stan­dards. Wenn ein junger Spieler sich nach dem Trai­ning eilig ver­drückt, ruft er ihm nach: Warum geht Cris­tiano Ronaldo trai­nieren und du nicht?“

Keita will ein Star sein

Doch ein bie­derer Mus­ter­schüler ist Keita nicht. Viele, die im Knast waren, machen sich danach klein, um nicht auf­zu­fallen. Keita nicht. Er will ein Star sein. Man merkt das beim Foto­gra­fieren. Nach jedem Bild bietet er der Kamera einen anderen Gesichts­aus­druck an, wie ein pro­fes­sio­nelles Model. Für das Street­wear­label des Rap­pers Farid Bang, mit dem er befreundet ist, hat er schon mehr­fach Modes­hoo­tings gemacht. Doch diese Extro­ver­tiert­heit ist nicht mehr unge­bremst. 

Den ehe­ma­ligen Straf­ge­fan­genen in Nürn­berg begegnet er aus­ge­spro­chen freund­lich, geduldig und auf­merksam. Aber Keita wahrt auch eine kaum merk­liche Distanz, selbst als er mit ihnen das Gemüse und die Zwie­beln fürs Mit­tag­essen klein­schneidet. Ich musste lernen, wen ich an mich ran­lasse und wen nicht“, sagt er auf dem Weg nach draußen.

Die Per­sön­lich­keits­ent­wick­lung kam aus mir selber.“

Das Gefängnis als Schule der Men­schen­kenntnis hat ihn vor allem gelehrt, erst mal auf Distanz zu bleiben. Oder auch für immer: Die Mit­glieder der Bande von damals hat er nie mehr gesehen und alle Kon­takt­auf­nahmen abge­wehrt.

Der Typ moti­viert wirk­lich“, sagt einer der Straf­ent­las­senen, der bei Keitas Besuch sogar ein Fürth-Trikot trägt. Aber was kann man aus der Geschichte dieses Come­backs lernen, die fast wie ein Mär­chen klingt? Viel­leicht auch das: Keita hatte das Glück, dass seine Familie weiter zu ihm hielt. Men­schen wie sein alter Coach unter­stützten ihn. Oder Colin Quaner, der heute bei Hud­ders­field Town in der Pre­mier League spielt und als ein­ziger Fuß­ball­spieler die ganze Zeit den Kon­takt hielt. Doch letzt­lich ist Keita davon über­zeugt, dass er es war, der sein Leben in einen Hol­ly­wood­film ver­wan­delt hat: Die Per­sön­lich­keits­ent­wick­lung kam aus mir selber.“

Um träumen zu können muss man wach sein

Keita liebt Musik, vor allem Hiphop. Der Song, der ihm am meisten über sein Leben sagt, ist Hype“ von Jigzaw. Ich hab’ meinen Traum fest­ge­halten und gehofft, ich werde fliegen“, heißt es da. Keita fliegt jetzt, und nichts soll den Flug unter­bre­chen. Die Story wird jedes Jahr inter­es­santer“, schreibt er noch per WhatsApp.

Seine Story, letzt­lich kann sie nur in die Bun­des­liga führen. Es gibt nur eine Angst: die vor der Ver­let­zung. Keita ist 29 Jahre alt, die Zeit läuft uner­bitt­lich, und die ver­lo­renen Jahre kommen nicht zurück. Aber jetzt weiß er zumin­dest, dass man wach sein muss, um träumen zu können.