Jerome Boateng, kannten Sie eigent­lich die Anti-Ras­sismus-Rede, die gerade Ihr Halb­bruder Kevin-Prince vor den UN in Genf gehalten hat?
Nein, ich kenne nur das Resultat. Ich wusste aber, dass er daran fleißig gear­beitet hatte. So oft kommt es ja nicht vor, dass ein Fuß­baller vor so einem hohen Haus spricht.

Hatte er sich Hilfe geholt?
Soweit ich weiß, nein. Er mag ja solche Auf­gaben. Er mag solche Auf­tritte.

Haben Sie mal eine Rede vor einer grö­ßeren Gruppe gehalten?
Aber nur eine kurze von etwa zwei Minuten. Ich glaube, das war damals bei der U‑21-Aus­wahl, als Kapitän. Aber das ist ja nicht wirk­lich ver­gleichbar. Ich bin nicht der Typ für große Reden, ich wäre viel zu auf­ge­regt. Kevin kann das.

Warum, was glauben Sie?
Weil er sehr selbst­be­wusst ist und ganz gut rüber­kommt. In sol­chen Dingen ist er sehr gründ­lich. Mein Ein­druck war, dass er sich darauf so richtig gefreut hat. Und geehrt gefühlt hat natür­lich. Das pas­siert ja nicht so oft im Leben, noch dazu nach seiner Jugend. Das rechne ich ihm sehr hoch an.

Die Rede oder die Aktion, die der Aus­löser war?
Beides.

Anfang des Jahres absol­vierte der AC Mai­land ein Test­spiel bei einem unter­klas­sigen Verein. Nach Schmäh­rufen und Affen­lauten von den Rängen gegen ihn ist Kevin vom Platz gegangen, seine Mit­spieler folgten ihm, das Spiel wurde abge­bro­chen.
Für mich ist er der erste Fuß­baller, der richtig dage­gen­ge­halten hat. Ich habe gehört, dass Eto’o schon einmal vom Platz gegangen sein soll, aber das hatte nicht diese Wir­kung. Das hätten schon viel mehr Spieler viel früher machen sollen. Ein sicht­bares Zei­chen setzen gegen den all­täg­li­chen Ras­sismus in den Sta­dien. So, wie es Kevin und seine Mit­spieler taten. Dazu gehört aber auch sehr viel Mut. Es ist nicht so ein­fach, sich mal ganz neu, ganz anders zu ver­halten. Er hat damit gezeigt: Es reicht!

Sie haben in dieser Hin­sicht auch Ihre Erfah­rungen gemacht. Freuen Sie sich, dass einer aus der Familie nun zu einem Helden geworden ist?
Also Held, ich weiß nicht. Aber ja, ich freue mich. Gerade für ihn. Die Öffent­lich­keit hier in Deutsch­land hatte ja nicht das beste Bild von ihm.

Sie denken an seinen Tritt im Mai 2010 gegen den deut­schen Fuß­ball­helden Michael Bal­lack, der dann für die WM in Süd­afrika aus­fiel.
Obwohl das nie seine Absicht war. Aber es ist so gekommen und passte damals vielen ins Bild: der Ghetto-Kicker aus dem Pro­blem­be­zirk, der Gangster-Fuß­baller aus Wed­ding oder was sonst noch geschrieben wurde. Mit dem Foul war er hier­zu­lande unten durch. Und jetzt das. Ich bin stolz auf ihn. Es hätte auch anders aus­gehen können.

Im Nach­hinein hat dieser Schritt ihm aber schon geholfen.
Ich sage es mal so: Klar hatte er Sachen gemacht, die viel­leicht nicht so gut waren. Aber ers­tens liegen die in der Ver­gan­gen­heit und zwei­tens ist er auch nur ein Mensch. Das soll nicht alles ent­schul­digen, aber es geht um Ver­ständnis. Kevin hat dazu­ge­lernt. Es ist schon beein­dru­ckend, wie er sich in den ver­gan­genen zwei Jahren hoch­ge­ar­beitet hat beim AC Mai­land und jetzt dort die Nummer 10 trägt.

Der Wen­de­punkt in seiner Kar­riere war eben jene WM 2010, wo er für Ghana, das Hei­mat­land Ihres gemein­samen Vaters, ein starkes Tur­nier gespielt hat. Glauben Sie, dass nun Sie an einem Punkt ange­langt sind, an dem sich ent­scheidet, ob Sie ein guter oder ein sehr guter Fuß­baller werden?
Hm, gute Frage. Meine Ent­wick­lung ist eine andere als die Kevins, meine ver­lief etwas ruhiger und ste­tiger. Aber auch ich hatte klei­nere Tiefen. Ich hatte beim HSV unter Trainer Martin Jol nicht immer gespielt, war dann in meiner Zeit bei Man­chester City auch mal acht Wochen ver­letzt. Ich hatte also auch einige Ent­täu­schungen weg­zu­ste­cken. Aber so ganz unrecht haben Sie viel­leicht gar nicht. Ich sehe mich auf einem guten Weg, aber ich möchte ver­su­chen, unver­rückbar zu werden.

Der Bun­des­trainer hat nach der EM gesagt, Philipp Lahm wird wieder rechts spielen. Das hatte in der Natio­nal­mann­schaft Kon­se­quenzen für Sie.
Richtig. Ich habe aus­wei­chend mal links in der Abwehr gespielt und dann, wenn Philipp links spielte, halt rechts. Ich will damit sagen, dass ich immer da gewesen bin, wenn der Trainer mich gebraucht hat. Ich sehe meine Stärken mehr in der Innen­ver­tei­di­gung. Und ich bin da ganz opti­mis­tisch.

Sie haben eine sehr gute Hin­runde beim FC Bayern gespielt und hatten großen Anteil an der sta­bilen Defen­sive und den wenigen Gegen­toren. Dann gab es den Platz­ver­weis in der Cham­pions League gegen Borissow. Sie wurden gesperrt, und Sie liefen Gefahr, Ihren Stamm­platz an Daniel van Buyten zu ver­lieren, einen 35-Jäh­rigen!
Diese Rote Karte war sehr blöd. Des­wegen war ich für die fol­genden Spiele gegen den FC Arsenal gesperrt, und Daniel musste für mich ran. Dazu brauchte er aber Spiel­praxis. Und er hat es ja gut gemacht, die Mann­schaft ist erfolg­reich gewesen auch ohne mich. So ist es im Fuß­ball. Dann muss man eben wieder selber dafür sorgen, dass sich das ändert.

Eine Rote Karte kann Sie aus dem Rhythmus bringen?
Moment mal! So ein­fach geht es nicht. Ich habe schon den Nach­weis erbracht, dass ich hohen Ansprü­chen genügen kann. Ich weiß – und das soll nicht arro­gant klingen –, was ich kann. Dieses Selbst­ver­trauen habe ich, ich glaube an meine Fähig­keiten. Jetzt geht es darum, was ich daraus mache. Und das kon­stant und ver­läss­lich. In diesen Berei­chen möchte ich mich ver­bes­sern. Trotzdem kann ich nicht nach­voll­ziehen, wie ich dar­ge­stellt werde.

Wie werden Sie denn dar­ge­stellt?
Als Sicher­heits­ri­siko.

Ist das Ihr Ein­druck?
Das halten mir gewisse Experten vor. Was soll ich damit anfangen? Die kom­plette Hin­runde waren sie ruhig, weil es nichts aus­zu­setzen gab. Sie warten anschei­nend nur darauf, dass mir ein Fehler oder eine Unacht­sam­keit unter­läuft, und dann holen sie groß aus. Glauben Sie mir, ich brauche keine Leute, die mir sagen, wie toll ich war, obwohl ich eine ziem­liche Kata­strophe gespielt habe. Aber was ich nach der Roten Karte gegen Borissow gelesen habe, das hat mich fast umge­hauen.

Was haben Sie denn so alles gelesen?
Mir wurde nach­ge­sagt, dass ich das Foul so gemacht habe, wie ich auf­ge­wachsen bin. Das ist doch absurd.

Wie reagieren Sie darauf?
Ich ver­suche, den Durch­blick zu behalten und gelassen zu bleiben. Zwei oder drei Wochen vor der Roten Karte hatte ich mir einen Mus­kel­fa­ser­riss zuge­zogen. Bis dahin wurde nur positiv über mich geschrieben. Und plötz­lich soll durch dieses Foul alles schlecht sein. Ich bitte Sie.

Zu allem Über­fluss unter­lief Ihnen im Trai­ning ein hartes Foul am 40-Mil­lionen- Mann Javier Mar­tinez.
Richtig, aber sagen Sie mir bitte, was ist anders, wenn ein anderer Spieler beim Trai­ning mal die Grät­sche aus­packt? Bei wel­chem Spieler heißt es sonst bru­tales Foul? Das meine ich. Das ist ein­fach nur der Name Boateng. So ein Foul, wie es mir gegen Javi unter­laufen ist, kommt in jedem Bun­des­li­ga­klub im Jahr bestimmt sechs- oder sie­benmal vor. Ich nehme Kritik an, gewiss, aber sie muss fair und berech­tigt sein. Aber was danach auf Face­book los war …

Erzählen Sie.
Das will ich hier gar nicht wie­der­holen. Üble Sachen eben. Da wird dann noch schnell ein Zusam­men­hang zu Kevin kon­stru­iert und dessen Foul an Bal­lack. Am Ende kommt noch die Haut­farbe ins Spiel, gegen die es geht. Ich habe manchmal das Gefühl, wenn es einem anderen pas­siert wäre, hätte das nicht diese Reak­tionen aus­ge­löst.

Wie gehen Sie damit um?
Ich war ent­täuscht und auch traurig. Da äußern sich Men­schen über mich, die mich gar nicht kennen. Da kommen einem Zweifel. Für mich bedeutet das, dass ich nur dann eine Chance habe, wenn ich sol­chen Leuten keine Gele­gen­heit gebe, mich anzu­greifen. Mit dem Platz­ver­weis gegen Borissow habe ich mir doch selbst am meisten weh­getan. Dadurch war ich angreifbar, und man könnte meinen, dass so man­cher darauf nur gewartet hat.

Wün­schen Sie sich in sol­chen Momenten nicht das Tem­pe­ra­ment von Kevin?
Er mag es ja, in der Öffent­lich­keit zu stehen, er fühlt sich dabei wohl. Gele­gent­lich bewun­dere ich ihn dafür. Er wünscht sich ja auch, dass ich mehr aus mir raus­komme. Ich bin aber absolut nicht der Typ, der nach dem Spiel die Kameras sucht. Das heißt jetzt nicht, dass ich nichts zu sagen hätte. Aber wenn du beim FC Bayern spielst und meist gewinnst, sind haupt­säch­lich die Offen­siv­spieler gefragt. Wenn wir aber mal ver­lieren, ja, dann kommt man zu uns Ver­tei­di­gern.

Es sind also nicht fuß­bal­le­ri­sche Dinge, die Ihnen manchmal im Weg stehen. Haben Sie jemals über­legt, mit einem Men­tal­trainer zu arbeiten?
Ich bin gerade dabei.

Wie kam es dazu?
Ich habe das mit unserem Sport­di­rektor Mat­thias Sammer so abge­spro­chen. Er hat es mir ange­boten. Und da ich mir auch schon Gedanken gemacht habe, passt es jetzt. Ich lege viel Wert auf die Mei­nung von Mat­thias Sammer, er ist sehr ehr­lich und gera­deaus. Ich kenne ihn ja schon länger aus den Nach­wuchs-Aus­wahl­mann­schaften, als er noch Sport­di­rektor des DFB war.

Warum emp­finden viele Fuß­baller eine gewisse Scheu, pro­fes­sio­nelle Hilfe dieser Art anzu­nehmen?
Ich habe über­haupt keine Scheu davor ent­wi­ckelt. Aber ich dachte, dass ich eine gute Kon­zen­tra­ti­ons­fä­hig­keit besitze, und das ohne die Hilfe eines Men­tal­trai­ners. Jetzt aber möchte ich das angehen.

Dabei haben Sie gerade Ihr erstes Tor erzielt.
(lacht ver­legen) Ja, unglaub­lich, was? Ich habe eigent­lich schon viel zu lange darauf gewartet. Es war eine irre Erleich­te­rung. Ich habe es end­lich geschafft! 130 Spiele in der Bun­des­liga und kein Tor – das war schon pein­lich. Aber Sie werden lachen: Im Trai­ning kann ich das. Ich kann ja rechts wie links schießen und bin vor dem Tor ziem­lich sicher. Jupp Heynckes hatte mir mal gesagt, dass ich ruhiger in den Tor­ab­schluss gehen solle.

Und jetzt muss er dafür ble­chen?
Stimmt! Die Wette liegt schon etwas länger zurück. Ich meine, es war rund um den Sai­son­be­ginn, in einer Trai­nings­ein­heit auf dem Platz. Er hat gesagt: Wenn er das noch erlebt, dass Jerome Boateng ein Tor macht, dann lädt er die Mann­schaft zum Essen ein.