In einem Mix aus Spa­nisch und Eng­lisch brachten einige Fans ihre Hoff­nung zum Aus­druck. Bale the man de la decima“ stand auf einem der vielen Pla­kate, die Gareth Bale am Montag in Madrid ent­ge­gen­ge­reckt wurden. La decima, die Zehnte, damit ist der zehnte Titel in der Cham­pions League gemeint, auf den sie bei Real seit nun­mehr elf Jahren sehn­süchtig warten. José Mour­inho konnte la decima nicht nach Madrid bringen, Cris­tiano Ronaldo bisher auch nicht.

Nun also Gareth Bale. Die Erwar­tungen an den Waliser sind gigan­tisch, so wie immer, wenn ein neuer Spieler mit viel Blitz­licht­ge­witter in die spa­ni­sche Haupt­stadt wech­selt. Erst Recht, wenn der­je­nige mal wieder für einen neuen Welt­re­kord­be­trag in Sachen Ablö­se­summe kommt.

Noch sechs Mil­lionen mehr als Ronaldo

Knapp 100 Mil­lionen Euro soll Bale Real Madrid wert gewesen sein, das sind noch mal sechs Mil­lionen mehr, als der Verein vor vier Jahren für Ronaldo bezahlt hat. Dass der Klub im drei­stel­ligen Mil­lio­nen­be­reich hoch ver­schuldet ist – für Reals Prä­si­denten Flo­ren­tino Perez spielt das keine Rolle.

Ein Etap­pen­ziel hat Perez bereits am Montag erreicht. Durch Bales Ver­pflich­tung war ihm das welt­weite Medi­en­in­ter­esse sicher. In wohl so ziem­lich jedem Land der Welt flim­merte Reals neu­este Attrak­tion im weißen Trikot über den Bild­schirm – ein rie­siger Wer­be­ef­fekt. Samt seiner Familie wurde der 24 Jahre alte Angreifer im Estadio San­tiago Ber­nabéu wie auf einer Zir­kus­bühne prä­sen­tiert – mit Perez als Direktor. Der Chef des größten euro­päi­schen Bau­un­ter­neh­mens darf nun den spek­ta­ku­lärsten Transfer des Som­mers sein Eigen­werk nennen – nicht ganz unwichtig für den eitlen Bau­un­ter­nehmer, der dem Erz­ri­valen Bar­ce­lona unmög­lich den Vor­tritt in dieser Kate­gorie lassen konnte. Bisher galt Barcas Stürmer Neymar als der Neu­an­kömm­ling, der das meiste Auf­sehen in der Pri­mera Divi­sion erregte. Damit ist jetzt Schluss. Bale ist Reals Ant­wort auf Neymar. Auch beim Tri­kot­ver­kauf wird Bale hohe Umsätze gene­rieren.

Ansonsten gibt es aber genü­gend Ansatz­punkte, den Transfer kri­tisch zu hin­ter­fragen. Ange­fangen bei der immensen Ablö­se­summe, die Real und vor allem Perez bereits in den Vor­wo­chen viel Kritik ein­brachte. Bar­ce­lonas neuer Trainer Gerardo Mar­tino nannte die Ablö­se­summe respektlos gegen­über dem Rest der Welt“. 

Poli­tiker und Bürger tobten eben­falls. Spa­nien befindet sich seit Jahren in einer schlimmen Wirt­schafts­krise, Sozi­al­leis­tungen wurden von der Regie­rung gekürzt, die Arbeits­lo­sen­quote ist hoch. Überall im öffent­li­chen Leben muss gespart werden, nur im Fuß­ball wird immer noch Geld aus­ge­geben, als wäre die Immo­bi­li­en­blase 2008 nie geplatzt. Dabei ist die Tole­ranz für astro­no­mi­sche Summen im Fuß­ball bei vielen Men­schen längst nicht mehr so vor­handen wie noch vor einigen Jahren.

Perez über­trifft sich selbst – zum vierten Mal

Von der öffent­li­chen Mei­nung ließ sich Perez jedoch nie beein­flussen. Mit Bales Ver­pflich­tung bricht er zum vierten Mal seinen eigenen Rekord. Anfang des Jahr­tau­sends hatte Perez schon Luis Figo (2000, 58 Mil­lionen Euro), Zine­dine Zidane (2001, 76 Mil­lionen Euro) und eben Cris­tiano Ronaldo ( 2009, 94 Mil­lionen Euro) zu den teu­ersten Spie­lern der Welt gemacht.

Anschei­nend stört es den Unter­nehmer auch nicht, dass Bales eigent­li­cher Markt­wert weit weniger als die Hälfte beträgt. An sport­li­chen Maß­stäben gemessen ist der wali­si­sche Natio­nal­spieler nicht dop­pelt so viel wert wie Mesut Özil, der Real auch wegen Bale für gut 50 Mil­lionen Euro Rich­tung Arsenal London ver­lässt. Özil war bei den Fans beliebt, bei Bales Vor­stel­lung for­derten einige ver­ge­bens, den deut­schen Spiel­ge­stalter nicht zu ver­kaufen. Weil neben Özil auch Kaka ver­kauft wurde, hat Real in Person von Isco und dem unter Trainer Carlo Ance­lotti nicht wohl­ge­lit­tenen Luka Modric nur noch zwei Spieler im Kader, die sich auf der offen­siven, zen­tralen Posi­tion wohl fühlen. Im Laufe der Saison, wenn Sperren und Ver­let­zungen dazu­kommen, könnte hier Bedarf ent­stehen. In Zukunft sollen Reals Angriffe vor allem über Außen rollen. Mit Bale und Ronaldo hat man nun die ver­meint­lich beste Flü­gel­zange im Welt­fuß­ball bei­sammen.

Ist Bale das Geld wert?

Bei Tot­tenham kam Bale aber haupt­säch­lich über die linke Seite, dort wo in Madrid Ronaldo seinen ange­stammten Platz hat. Einer von beiden muss in Zukunft auf rechts wech­seln. Sport­lich sollte das nicht zum Rie­sen­pro­blem avan­cieren, nur sind da auch noch Egos und Eitel­keiten. Gerade was Ronaldo angeht. Schon vor Bales Ver­pflich­tung hatte sich der Por­tu­giese nicht wirk­lich erfreut über den Hype um den Neuen gezeigt. Ich weiß nicht, ob er das Geld wert ist. Für mich ist nur wichtig, dass ich hier bin und bei Real glück­lich bin“, sagte Ronaldo unlängst. Gut mög­lich, dass ihn bald wieder jene Melan­cholie aus dem ver­gan­genen Herbst über­fällt, als er offi­ziell dar­unter litt, dass die Fans in Madrid ihm nicht die aus seiner Sicht ange­mes­sene Wert­schät­zung ent­gegen bringen. Inof­fi­ziell ver­darb ihm wohl aber vor allem der Umstand, dass Lionel Messi beim FC Bar­ce­lona mehr ver­diente, die Laune. Real hob dar­aufhin Ronaldos Gehalt an. Inter­es­sant dürfte es werden, sollte Bale bei seinen ersten Auf­tritten im Real-Trikot gleich glänzen. Über­strahlt zu werden ist in der Regel nichts, was Ronaldos Wohl­be­finden ver­bes­sert.