Seite 3: Die Taktik der Teams war die Idee des Fußballs: Tore schießen.

Nach zwölf Minuten stand es aber schon 0:2. Nor­ma­ler­weise bricht ein Zweit­li­gist gegen so ein Star­ensemble spä­tes­tens dann ein. 
Das stimmt. Ich dachte auch kurz: Das gibt eine rich­tige Packung. Aber wir machten schnell den Anschluss und ega­li­sierten inner­halb von sieben Minuten. Und ab da war ich mir sicher: Die Bayern sind heute nicht unbe­siegbar. Wir hatten ja auch eine tolle Mann­schaft: Ber­nard Dietz, Klaus Täuber, Thomas Kruse, Klaus Berge und wie sie alle hießen. Wir hatten die indi­vi­du­elle Klasse, um mit Erst­li­ga­mann­schaften mit­zu­halten. Und wir wussten: Wenn wir alle Energie und Kraft bün­deln, sind wir in der Lage eine Spit­zen­mann­schaft zu schlagen. 

Hatten Sie das Gefühl, dass die Bayern-Stars nach dem 2:0 über­heb­lich oder fahr­lässig wurden?
Durchaus. Die Bayern zogen sich zurück, schal­teten die bekannten Gänge her­unter, wahr­schein­lich dachten sie, dass sie die ver­blei­benden 78 Minuten auf Konter spielen können. Doch nachdem wir das 2:2 geschossen hatten, ent­wi­ckelte sich ein absolut zwang­loses Spiel, ein Spiel dessen Hand­lung ständig einen neuen Ver­lauf nahm. 

Haben Sie nach Ihrem Tor zum 2:2‑Ausgleich in die Gesichter der Bayern-Spieler geschaut? 
Natür­lich – sor­gen­volle Blicke überall. Und auch wenn Rum­me­nigge vor der Pause die Bayern wieder mit 3:2 in Füh­rung schoss, war ich mir sicher: Die haben richtig Schiss, die sitzen nun in der Kabine und denen schlot­tern die Knie. Ich kenne das ja aus eigener Erfah­rung: Du merkst es als Spieler recht schnell, wenn die Dinge par­tout nicht so laufen, wie du es dir vor­stellst und wenn beim Gegen­spieler scheinbar jeder Schuss sitzt, jedes Dribb­ling passt, jeder Pass ankommt. 

Inner­halb von wenigen Minuten drehten Sie ein ver­loren geglaubtes Spiel. Begriffen Sie in Halb­zeit­pause, was da gerade auf dem Feld pas­siert war? 
Ja. Und wir glaubten daran, dass heute alles pas­sieren kann. Wir hörten die 70.000 Leute draußen auf den Rängen, und wussten natür­lich, dass die für uns schrieen. Wir hatten plötz­lich so ein Gefühl, dass wir an diesem Tag unschlagbar seien, dass uns selbst ein 2:4 oder 2:5‑Rückstand nicht umge­worfen hätte. Meine Motto damals war – wie übri­gens heute noch: Nie auf­geben! Und mit dieser Ein­stel­lung kamen wir zurück ins Spiel. Zwi­schen­zeit­lich gingen wir sogar mit 4:3 in Füh­rung. 

Hatten Sie das Gefühl, dass die Mann­schaften, je länger das Spiel dau­erte, die tak­ti­schen Anwei­sungen der Trainer über Bord warfen? 
Das Spiel war durchaus von einer gewissen Taktik geprägt – Taktik heißt ja nicht per se, dass man auf Ergeb­nis­halten spielt oder sich in der Defen­sive ver­schanzt. Die Taktik der Teams war im Grunde die Idee des Fuß­balls: Tore schießen. 

Das andere DFB-Pokal-Halb­fi­nale zwi­schen Glad­bach und Bremen endete 5:4 nach Ver­län­ge­rung. Sind solche Ergeb­nisse heute über­haupt noch denkbar?
Natür­lich stehen die Abwehr­reihen heute viel kom­pakter und dichter. Das Spiel hat sich mehr in die Defen­sive ver­la­gert. Doch auch heute sind solche Spiele mög­lich: Ich erin­nere nur an die Begeg­nung Schalke gegen Lever­kusen. Es geht immer mehr, es geht immer weiter. Auch wird irgend­wann wieder jemand über 8,90 Meter springen. Und genau dieser Gedanke treibt uns Sportler, uns Fuß­baller und auch uns Men­schen an.