Seite 2: „Der träumt vermutlich noch heute von mir“

Glauben Sie Ihre Kar­riere wäre ohne dieses 6:6 im DFB-Pokal-Halb­fi­nale am 2. Mai 1984 anders ver­laufen? 
Nein. Ich glaube, dass ein guter Spieler sich über kurz oder lang immer durch­setzen wird. Schauen Sie sich einen Messi oder einen Diego an. Auch wenn Diego mal einige Spiele nicht glänzte oder bei Porto nicht immer spielte, hat er sich später in Bremen durch­ge­setzt. Er hat nie auf­ge­geben, und das zeichnet einen wirk­lich guten Spieler aus. Genauso ver­hält es sich mit den Welt­meis­tern von 1990: Mat­thäus, Litt­barski, Häßler, Möller. Die wurden nicht nervös vor großen Spielen. Die machten sich keine Gedanken, gegen wen sie gerade spielen. Die waren schon in jungen Jahren so gefes­tigt, dass kommen konnte, was wollte. 

Sie begreifen dieses 6:6 gegen den FC Bayern nicht als Schlüs­sel­spiel Ihrer Kar­riere? 
Doch, eigent­lich schon. Es gab zwei Spiele, die immens wichtig für mich waren. Zum einen das Liga­spiel gegen Hertha BSC, das wir 3:2 gewannen. Zum anderen das Halb­fi­nale gegen die Bayern. In beiden Spielen, die nur wenige Monate aus­ein­ander lagen, schoss ich drei Tore. Da sah auch der letzte Zweifler: Das war kein Glück, kein Zufall. Die Leute konnten sich sicher sein: Der Junge kann was, da steckt wirk­lich was dahinter, das ist kein ewiges Talent. Ich denke, dass diese beiden Spielen letzt­lich auch Franz Becken­bauer dazu bewogen haben, mich kurze Zeit später in die Natio­nal­mann­schaft zu berufen. 

Was ist Ihnen von diesem Spiel heute noch ganz klar vor Augen?
Beson­ders gerne erin­nere ich mich daran, dass ich mit links, mit rechts und mit dem Kopf ein Tor erzielte. Und an das finale Tor zum 6:6 – da kann man ja Bücher drüber schreiben. Als wir in die Ver­län­ge­rung gingen, stand es 4:4. In der ersten Halb­zeit fiel kein Tor, erst in der 112. Minute dann das 4:5 durch Dieter Hoeneß. Wir gli­chen drei Minuten später zum wie­der­holten Male aus – Ber­nard Dietz war der Tor­schütze. In der 118. Minute sto­cherte Dieter Hoeneß den Ball nach einem Jung­hans-Fehler über die Linie. Ich weiß nicht wie oft der Fern­seh­re­porter bis dahin von einer end­gül­tigen Ent­schei­dung gespro­chen hatte. Dann schenkte uns der Schieds­richter ein paar Minuten Nach­spiel­zeit. Wir star­teten den letzten Angriff des Spiels, ich bekam den Ball und häm­merte ihn über Jean-Marie Pfaff ins Netz. Dieses letzte Tor wird immer in meiner Erin­ne­rung sein. Wenn heute jemand ankommt und zu mir sagt 6:6“, dann macht es sofort klick, und ich habe wieder dieses Tor und die Sekunden danach im Kopf, als sich alle auf mich stürzten und ich unter ihnen begraben wurde.

Sie müssen am Ende Ihrer Kräfte gewesen sein. 
Das Spiel ent­wi­ckelte irgend­wann eine Dynamik, in der man im Grunde gar nicht mehr über­legte, ob man müde ist. Es lief alles wie ein Film, wie in Trance. Und wenn man dann noch gegen die alten Helden, gegen Rum­me­nigge, gegen Pfaff oder Lerby spielt, dann laufen die Beine wie von selbst. In diesem Spiel konnte ich ein­fach nicht müde werden. 

Sie spielten als hän­gende Spitze. Wissen Sie noch, wer Ihr Gegen­spieler war? 
Ich glaube, das war Bertram Bei­er­lorzer. Der träumt ver­mut­lich noch heute von dem Spiel. Und vor allem von mir. Mich konnte man an diesem Abend ein­fach nicht zu fassen bekommen. Ich war wie eine Schlange.

Schalke 04 ging als krasser Außen­seiter ins Spiel. Sie waren zwar fast auf­ge­stiegen, aber zum Zeit­punkt des Spiels noch Zweit­li­gist. Woher nahm die Schalker Mann­schaft an diesem Abend ihr Selbst­be­wusst­sein? 
Wir waren von uns über­zeugt. Und wir haben nicht dar­über nach­ge­dacht, dass der Gegner der große FC Bayern war. Hinzu kam, dass wir zu Hause mit 70.000 Fans im Rücken spielten.