SPIELE UNSERES LEBENS

Im neuen 11FREUNDE-SPE­ZIAL Spiele unseres Lebens“ erzählen wir von ver­ges­senen Kra­chern und epi­schen Schlachten. Von Spielen wie dem 6:6 zwi­schen Schalke und Bayern, in dem Olaf Thon über Nacht zum Helden wurde. Das Heft gibt es ab Don­nerstag, dem 03.09. im Kiosk. Oder direkt bei uns im Shop.

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Olaf Thon, haben Sie Rolf Töp­per­wien ver­ziehen?
Wieso?

Nach dem Spiel stellte Töp­per­wien Sie vor lau­fenden Kameras als Bayern-Fan bloß.
(lacht) Ach, darauf wollen Sie hinaus. Ja, das stimmt. Töp­per­wien hatte irgendwie her­aus­ge­funden, dass ich als kleiner Junge in rot-weißer Bayern-Bett­wä­sche schlief – obwohl das eigent­lich nur meine Eltern wussten. Natür­lich sprach er mich drauf an, eine bes­sere Gele­gen­heit hätte es ja kaum geben können.

Gab es Schelte der S04-Fans?
Nicht an diesem Abend, ich schoss ja drei Tore im Spiel. Aber später durfte ich mir gele­gent­lich den einen oder anderen Spruch anhören. Doch damit muss man als Profi umgehen können – und dazu muss man dann auch stehen.

Wie wird man in Gel­sen­kir­chen über­haupt zum Bayern-Fan?
Ich war sechs Jahre alt und liebte Gerd Müller. So ein­fach war das. Ich liebte offen­siven Fuß­ball, ich liebte Tore, große Spiele und dra­ma­ti­sche Wen­dungen. Und Gerd Müller war in sol­chen Spielen stets mit­ten­drin, meist als Match­winner. Spä­tes­tens nach dem WM-Finale von 1974, in dem Gerd Müller das Siegtor gegen die Nie­der­lande schoss, war dann klar: Gerd Müller ist mein Held und der FC Bayern mein Club – vor­erst.

Schalke hatte doch auch groß­ar­tige Stürmer.
Das stimmt. Klaus Fischer zum Bei­spiel. Der sitzt heute bei Heim­spielen ein paar Plätze neben mir und weiß, dass er meine Nummer 2 ist. Auf Gerd Müller lasse ich aber auch heute noch nichts kommen. (lacht)

1988, vier Jahre nach diesem legen­dären 6:6‑Spiel, wech­selten Sie zum FC Bayern. Ging damals für Sie ein Traum in Erfül­lung?
Zu der Zeit ten­dierte ich eher zu einem Wechsel ins Aus­land. Mai­land oder Madrid – um es mit Möller zu sagen: Haupt­sache Ita­lien. (lacht) Mir lagen Ange­bote aus Genua und von Atlé­tico Madrid vor. Und ein lang gehegter Traum von mir war es, eines Tages für den AC Mai­land zu spielen.

Waren Sie nicht glück­lich über den Wechsel nach Mün­chen?
Doch, natür­lich. Gerade wenn man bedenkt, dass es in meiner Kind­heit genau zwei Ver­eine gab, für die ich schwärmte: Schalke 04 und den FC Bayern. Wer kann heute schon sagen, dass er für die Ver­eine spielt, von denen er seit jeher Fan ist? Ich habe sechs Sai­sons in Mün­chen gespielt und wurde in dieser Zeit dreimal Deut­scher Meister. Es wurden sehr schöne Jahre, genauso schön, wie Uli Hoeneß es mir in unserem ersten Gespräch ver­sprach.

Der dama­lige Bayern-Coach Udo Lattek hätte Sie am liebsten direkt nach dem Pokal-Halb­fi­nale ver­pflichtet. Kam er nach dem Spiel zu Ihnen?
Nein. Ich war aber auch schwer auf­findbar, denn die Fans ließen mich nicht mehr von ihren Schul­tern. Ich drehte fast eine Stunde lang Ehren­runden im Park­sta­dion. Die Bayern-Spieler standen der­weil kon­ster­niert und ratlos an der Linie oder ver­schwanden in den Kata­komben. Und Udo Lattek gab ein Inter­view und sagte in etwa: Für den Jungen würde ich sofort zehn Mil­lionen Mark hin­legen.“ Als ich 1988 nach Mün­chen ging, bezahlten sie nur vier Mil­lionen. Ich war also ein rich­tiges Schnäpp­chen. (lacht)

Glauben Sie Ihre Kar­riere wäre ohne dieses 6:6 im DFB-Pokal-Halb­fi­nale am 2. Mai 1984 anders ver­laufen? 
Nein. Ich glaube, dass ein guter Spieler sich über kurz oder lang immer durch­setzen wird. Schauen Sie sich einen Messi oder einen Diego an. Auch wenn Diego mal einige Spiele nicht glänzte oder bei Porto nicht immer spielte, hat er sich später in Bremen durch­ge­setzt. Er hat nie auf­ge­geben, und das zeichnet einen wirk­lich guten Spieler aus. Genauso ver­hält es sich mit den Welt­meis­tern von 1990: Mat­thäus, Litt­barski, Häßler, Möller. Die wurden nicht nervös vor großen Spielen. Die machten sich keine Gedanken, gegen wen sie gerade spielen. Die waren schon in jungen Jahren so gefes­tigt, dass kommen konnte, was wollte. 

Sie begreifen dieses 6:6 gegen den FC Bayern nicht als Schlüs­sel­spiel Ihrer Kar­riere? 
Doch, eigent­lich schon. Es gab zwei Spiele, die immens wichtig für mich waren. Zum einen das Liga­spiel gegen Hertha BSC, das wir 3:2 gewannen. Zum anderen das Halb­fi­nale gegen die Bayern. In beiden Spielen, die nur wenige Monate aus­ein­ander lagen, schoss ich drei Tore. Da sah auch der letzte Zweifler: Das war kein Glück, kein Zufall. Die Leute konnten sich sicher sein: Der Junge kann was, da steckt wirk­lich was dahinter, das ist kein ewiges Talent. Ich denke, dass diese beiden Spielen letzt­lich auch Franz Becken­bauer dazu bewogen haben, mich kurze Zeit später in die Natio­nal­mann­schaft zu berufen. 

Was ist Ihnen von diesem Spiel heute noch ganz klar vor Augen?
Beson­ders gerne erin­nere ich mich daran, dass ich mit links, mit rechts und mit dem Kopf ein Tor erzielte. Und an das finale Tor zum 6:6 – da kann man ja Bücher drüber schreiben. Als wir in die Ver­län­ge­rung gingen, stand es 4:4. In der ersten Halb­zeit fiel kein Tor, erst in der 112. Minute dann das 4:5 durch Dieter Hoeneß. Wir gli­chen drei Minuten später zum wie­der­holten Male aus – Ber­nard Dietz war der Tor­schütze. In der 118. Minute sto­cherte Dieter Hoeneß den Ball nach einem Jung­hans-Fehler über die Linie. Ich weiß nicht wie oft der Fern­seh­re­porter bis dahin von einer end­gül­tigen Ent­schei­dung gespro­chen hatte. Dann schenkte uns der Schieds­richter ein paar Minuten Nach­spiel­zeit. Wir star­teten den letzten Angriff des Spiels, ich bekam den Ball und häm­merte ihn über Jean-Marie Pfaff ins Netz. Dieses letzte Tor wird immer in meiner Erin­ne­rung sein. Wenn heute jemand ankommt und zu mir sagt 6:6“, dann macht es sofort klick, und ich habe wieder dieses Tor und die Sekunden danach im Kopf, als sich alle auf mich stürzten und ich unter ihnen begraben wurde.

Sie müssen am Ende Ihrer Kräfte gewesen sein. 
Das Spiel ent­wi­ckelte irgend­wann eine Dynamik, in der man im Grunde gar nicht mehr über­legte, ob man müde ist. Es lief alles wie ein Film, wie in Trance. Und wenn man dann noch gegen die alten Helden, gegen Rum­me­nigge, gegen Pfaff oder Lerby spielt, dann laufen die Beine wie von selbst. In diesem Spiel konnte ich ein­fach nicht müde werden. 

Sie spielten als hän­gende Spitze. Wissen Sie noch, wer Ihr Gegen­spieler war? 
Ich glaube, das war Bertram Bei­er­lorzer. Der träumt ver­mut­lich noch heute von dem Spiel. Und vor allem von mir. Mich konnte man an diesem Abend ein­fach nicht zu fassen bekommen. Ich war wie eine Schlange.

Schalke 04 ging als krasser Außen­seiter ins Spiel. Sie waren zwar fast auf­ge­stiegen, aber zum Zeit­punkt des Spiels noch Zweit­li­gist. Woher nahm die Schalker Mann­schaft an diesem Abend ihr Selbst­be­wusst­sein? 
Wir waren von uns über­zeugt. Und wir haben nicht dar­über nach­ge­dacht, dass der Gegner der große FC Bayern war. Hinzu kam, dass wir zu Hause mit 70.000 Fans im Rücken spielten. 

Nach zwölf Minuten stand es aber schon 0:2. Nor­ma­ler­weise bricht ein Zweit­li­gist gegen so ein Star­ensemble spä­tes­tens dann ein. 
Das stimmt. Ich dachte auch kurz: Das gibt eine rich­tige Packung. Aber wir machten schnell den Anschluss und ega­li­sierten inner­halb von sieben Minuten. Und ab da war ich mir sicher: Die Bayern sind heute nicht unbe­siegbar. Wir hatten ja auch eine tolle Mann­schaft: Ber­nard Dietz, Klaus Täuber, Thomas Kruse, Klaus Berge und wie sie alle hießen. Wir hatten die indi­vi­du­elle Klasse, um mit Erst­li­ga­mann­schaften mit­zu­halten. Und wir wussten: Wenn wir alle Energie und Kraft bün­deln, sind wir in der Lage eine Spit­zen­mann­schaft zu schlagen. 

Hatten Sie das Gefühl, dass die Bayern-Stars nach dem 2:0 über­heb­lich oder fahr­lässig wurden?
Durchaus. Die Bayern zogen sich zurück, schal­teten die bekannten Gänge her­unter, wahr­schein­lich dachten sie, dass sie die ver­blei­benden 78 Minuten auf Konter spielen können. Doch nachdem wir das 2:2 geschossen hatten, ent­wi­ckelte sich ein absolut zwang­loses Spiel, ein Spiel dessen Hand­lung ständig einen neuen Ver­lauf nahm. 

Haben Sie nach Ihrem Tor zum 2:2‑Ausgleich in die Gesichter der Bayern-Spieler geschaut? 
Natür­lich – sor­gen­volle Blicke überall. Und auch wenn Rum­me­nigge vor der Pause die Bayern wieder mit 3:2 in Füh­rung schoss, war ich mir sicher: Die haben richtig Schiss, die sitzen nun in der Kabine und denen schlot­tern die Knie. Ich kenne das ja aus eigener Erfah­rung: Du merkst es als Spieler recht schnell, wenn die Dinge par­tout nicht so laufen, wie du es dir vor­stellst und wenn beim Gegen­spieler scheinbar jeder Schuss sitzt, jedes Dribb­ling passt, jeder Pass ankommt. 

Inner­halb von wenigen Minuten drehten Sie ein ver­loren geglaubtes Spiel. Begriffen Sie in Halb­zeit­pause, was da gerade auf dem Feld pas­siert war? 
Ja. Und wir glaubten daran, dass heute alles pas­sieren kann. Wir hörten die 70.000 Leute draußen auf den Rängen, und wussten natür­lich, dass die für uns schrieen. Wir hatten plötz­lich so ein Gefühl, dass wir an diesem Tag unschlagbar seien, dass uns selbst ein 2:4 oder 2:5‑Rückstand nicht umge­worfen hätte. Meine Motto damals war – wie übri­gens heute noch: Nie auf­geben! Und mit dieser Ein­stel­lung kamen wir zurück ins Spiel. Zwi­schen­zeit­lich gingen wir sogar mit 4:3 in Füh­rung. 

Hatten Sie das Gefühl, dass die Mann­schaften, je länger das Spiel dau­erte, die tak­ti­schen Anwei­sungen der Trainer über Bord warfen? 
Das Spiel war durchaus von einer gewissen Taktik geprägt – Taktik heißt ja nicht per se, dass man auf Ergeb­nis­halten spielt oder sich in der Defen­sive ver­schanzt. Die Taktik der Teams war im Grunde die Idee des Fuß­balls: Tore schießen. 

Das andere DFB-Pokal-Halb­fi­nale zwi­schen Glad­bach und Bremen endete 5:4 nach Ver­län­ge­rung. Sind solche Ergeb­nisse heute über­haupt noch denkbar?
Natür­lich stehen die Abwehr­reihen heute viel kom­pakter und dichter. Das Spiel hat sich mehr in die Defen­sive ver­la­gert. Doch auch heute sind solche Spiele mög­lich: Ich erin­nere nur an die Begeg­nung Schalke gegen Lever­kusen. Es geht immer mehr, es geht immer weiter. Auch wird irgend­wann wieder jemand über 8,90 Meter springen. Und genau dieser Gedanke treibt uns Sportler, uns Fuß­baller und auch uns Men­schen an.

Hätte dieses Spiel über­haupt einen Sieger ver­dient gehabt? 
Eigent­lich nicht. Doch ich glaube, wenn es ein Elf­me­ter­schießen oder eine Ver­län­ge­rung gegeben hätte, wären wir als Gewinner vom Platz gegangen. Ich fand es damals ziem­lich frus­trie­rend, dass es an diesem Abend keine Ent­schei­dung geben konnte. 

Das Wie­der­ho­lungs­spiel verlor Schalke in Mün­chen mit 2:3. Hätten Sie im Nach­hinein das erste Spiel lieber 1:0 gewonnen oder ist Ihnen die Erfah­rung dieses epo­chalen Spiels wich­tiger gewesen? 
Es war mir damals schon bewusst, dass dieses Spiel, so wie es letzt­lich gelaufen ist, viel bedeu­tender sein wird – für die Mann­schaft und auch für mich per­sön­lich –, als wenn wir gewonnen hätten. Des­wegen hätte ich die Erfah­rung dieses 6:6‑Spiels nie gegen einen schnöden 1:0‑Sieg ein­ge­tauscht.

Auch wenn Sie viel­leicht den DFB-Pokal gewonnen hätten? 
Und was wäre gewesen, wenn wir dann im Finale ver­loren hätten? Ich mag solche Gedan­ken­spiele nicht. Das ist alles rein hypo­the­tisch. Ich behalte bis heute ein­fach dieses 6:6 in meinem Herzen und freue mich, dass ich bis zu meinem Lebens­ende dar­über phi­lo­so­phieren kann. (lacht)

Inwie­fern war denn dieses 6:6 für den FC Schalke 04 von hoher Bedeu­tung?
Das Spiel rüs­tete uns für die 1. Bun­des­liga, es war die Gene­ral­probe. Zumin­dest glaubten wir das. Als wir in der 1. Liga spielten, wurden wir tat­säch­lich ein wenig auf den Boden der Rea­lität geholt. Die erste Saison schlossen wir als Achter ab, die zweite als Zehnter. Wir wurden suk­zes­sive durch­ge­reicht. Bis Schalke 04 dann, nach der Saison 1987/88, wieder abstieg. Den­noch wurde uns nach diesem 6:6 klar, dass, wenn wir in Top­form sind, mit jeder Mann­schaft mit­halten können.

Sie wurden einen Tag vor diesem Pokal-Halb­fi­nale 18 Jahre alt. Wie berei­tete Sie Trainer Diethelm Ferner auf das Spiel vor? 
Ich war natür­lich noch längst kein gestan­dener Profi, doch auch nicht so frisch und naiv, wie vielen annahmen. In der Zweit­li­ga­saison 1983/84 machte ich alle Spiele – und erzielte dabei 14 Tore. Ich war zu dem Zeit­punkt ein gesetzter Spieler, ein Stamm­spieler. Zudem hatte ich das Glück, auf viele ältere und erfahre Spieler zu treffen, etwa die drei Köpfe des Teams: Ber­nard Dietz, Manni Drexler oder Klaus Täuber. Dann waren da noch Michael Jakobs oder Peter Stichler. An diesen Spie­lern konnte man sich als junger Spieler anlehnen. Der Trainer brauchte nicht mehr viel sagen – wir haben uns fast selbst gecoacht. 

Heute wird immer wieder davon gespro­chen, junge Spieler behutsam auf­zu­bauen. Sie wurden sofort ins kalte Wasser geworfen: Würden Sie dies rück­bli­ckend als positiv bewerten?
Ich hatte den Vor­teil, dass ich meine erste Saison in der 2. Bun­des­liga spielte. Das war mein Lehr­jahr. Und es war ein­fa­cher als heute. Junge Spieler stehen heute von Anfang in steter Kon­kur­renz zu sehr starken Aus­län­dern, die oft­mals Natio­nal­spieler ihrer Hei­mat­länder sind. Den ein­zigen Aus­länder, den wir damals in der Mann­schaft hatten, war Pavel Macak, der zweite Tor­wart hinter Walter Jung­hans. 

War es für Sie auch vor­teil­haft, dass damals das mediale Inter­esse nicht so groß war wie heute? 
Es war schon ein Inter­esse da. Doch bei weitem nicht so groß, das ist richtig. Außerdem habe ich anfangs bewusst kaum Inter­views gegeben. Als junger Spieler bat ich Rudi Assauer mich von Anfragen unbe­hel­ligt zu lassen, denn ich fühlte mich mit 17 oder 18 Jahren noch nicht bereit für Inter­views. Nachdem ich etwas Rou­tine für das Bun­des­li­ga­ge­schäft ent­wi­ckelt hatte, nahm ich auch Ein­la­dungen zu Fern­seh­ter­minen wahr. Zum Bei­spiel zu einem Inter­view mit Ernst Huberty im WDR, dann folgte das Sport­studio. Alles wurde vorher abge­spro­chen, schön dosiert und gut vor­be­reitet. 

Auf dem Platz waren Sie von Beginn an bei jedem Spiel dabei. Hielten Sie sich mit Ihren 17 oder 18 Jahren anfangs noch zurück? 
Nein, denn ich wusste, dass ich mit­halten konnte. Das merkte ich im Trai­ning. Vor Spielen wie dem Pokal-Halb­fi­nale 1984 darfst du nicht vor Respekt in Ehr­furcht ver­sinken, weil da viel­leicht deine alten Stars rum­laufen. Ich konnte mich schon als junger Spieler mit gestan­denen Profis wie Karl-Heinz Rum­me­nigge oder Karl­heinz Förster richtig zoffen. Natür­lich war die 1. Bun­des­liga totales Neu­land für mich. Da kommt etwa ein Uli Borowka noch vor dem Anpfiff zu mir und sagt: Wenn du an mir vorbei willst, brech’ ich dir die Beine!“ Das war natür­lich nicht ernst gemeint – eine typi­sche Kampf­an­sage. Ich konnte das richtig ein­ordnen, denn die 2. Liga war eine harte Schule für mich…

Was machten Sie eigent­lich nach dem Spiel? 
Sie meinen, nachdem mich die Fans wieder von Ihren Schul­tern ließen? Ich fuhr zu meiner Freundin, meiner heu­tigen Frau. Dort war­teten Freunde und Ver­wandte auf mich. Ich sagte: Guten Abend.“ Die Leute applau­dierten und beglück­wünschten mich. Dann sagte ich: Danke, das Spiel hat Spaß gemacht.“ Diese Feier, wenn man sie so nennen will, dau­erte gerade einmal fünf Minuten. Als ich zu Hause war, legte ich mich sofort ins Bett. Ich habe nicht ans Bier­trinken oder die große Sause gedacht. Eigent­lich habe ich das gar nicht richtig genießen können. Aber das weiß ich erst heute. (lacht)

Sie haben das Spiel für sich im Stillen ver­ar­beitet? 
Ja. Ich habe am nächsten Tag lange geschlafen, natür­lich ließ ich dieses Erlebnis ein wenig Revue pas­sieren. Aber es ging dann sehr schnell weiter. Die Saison lief zu Ende, wir spielten drei Tage später gegen Wat­ten­scheid. Dann stand natür­lich das Wie­der­ho­lungs­spiel an, wenig später wurde ich Natio­nal­spieler. Es blieb mir eigent­lich gar keine Zeit, dass Spiel lange zu ver­ar­beiten.

Haben Sie in Ihrer Kar­riere eigent­lich ein Spiel erlebt, das annä­hernd die Dra­matik dieses Halb­fi­nales erreichte? 
Nein. Das UEFA-Cup-Finale in Mai­land 1997 war natür­lich auch span­nend. Doch es hatte nicht diese dra­ma­ti­schen Brüche wie das Spiel gegen Bayern. Das Halb­fi­nale der WM 1990 war ein eben­sol­ches High­light für mich, auch weil ich den ent­schei­denden Elf­meter ver­wan­delte.

Auf wel­ches Spiel werden Sie denn am häu­figsten ange­spro­chen?
Ver­mut­lich auf das Spiel gegen Bayern. Es waren zwar nur 70.000 Fans im Sta­dion, doch manchmal habe ich das Gefühl, dass die halbe Welt dort gewesen ist. Wer mir nicht schon alles erzählte, hautnah am Spiel­feld gestanden zu haben. (lacht) Viel­leicht ist dieses Spiel wirk­lich so eines, von dem sich jeder Fuß­ballfan wünscht, dabei gewesen zu sein. Es ein­fach das beste Pokal­spiel aller Zeiten.