Heiko Herr­lich, im Herbst 2000 wurden bei Ihnen ein bös­ar­tiger Hirn­tumor dia­gnos­ti­ziert. Welche Rolle spielte der Fuß­ball in dieser Zeit?
Gar keine. Von da an ging es für mich nur darum zu über­leben.

Wie haben Sie auf die Dia­gnose reagiert?
Nach dem ersten Schock sagte ich zu meinem Arzt: Ein Tumor? Dann lasst uns das Ding raus­holen. Kopf auf, Kopf zu, fertig.“ Doch mein Arzt schaute betreten zu Boden und sagte: Heiko, an der Stelle geht das nicht.“ Der Tumor saß an einer so ungüns­tigen Stelle, dass ich mit großer Wahr­schein­lich­keit nach einer Ope­ra­tion schwerst­be­hin­dert gewesen wäre. Eine erneute Unter­su­chung sollte mehr Ergeb­nisse bringen, aller­dings erst fünf Wochen später. Mir blieb nichts anderes übrig, als zu warten.

Wie sind Sie damit umge­gangen?
Ich konnte es zunächst nicht begreifen. Hatte ich nicht alles dafür getan, um nicht krank zu werden? Keinen Alkohol getrunken, keine Ziga­retten geraucht, keine Drogen aus­pro­biert. Gesunde Ernäh­rung, ein Leben als Hoch­leis­tungs­sportler. Warum pas­sierte das nun aus­ge­rechnet mir? Aber ich bin ein sehr gläu­biger Mensch. Ich weiß noch, was ich zu meiner Frau sagte: Es hat noch keiner geschafft, ewig auf Erden zu bleiben. Irgend­wann müssen wir doch alle gehen. Ob mit oder ohne Hirn­tumor. Was mit mir pas­siert, liegt jetzt in Gottes Hand.“

Hatten Sie keine Angst vor dem Tod?
Natür­lich. Aber auch dabei hat mir mein Glauben Halt gegeben. Ich dachte: Okay, lieber Gott, jetzt kommt ein harter Weg. Keine Ahnung, was du mit mir vor­hast, aber ich glaube daran, dass du bei mir bist.“

Sie konnten zu diesem Zeit­punkt nicht wissen, wie lange Sie noch zu leben hatten. Gab es Dinge, die Sie unbe­dingt erle­digen oder los­werden wollten?
Das war einer meiner ersten Gedanken: Dir bleibt viel­leicht nicht mehr viel Zeit, also bring die Ange­le­gen­heiten ins Reine, die dich beschäf­tigen. Jemand, der mit 150 Sachen gegen den Baum knallt und sofort tot ist, hat so eine Gele­gen­heit nicht. Ich schon. Und für diese Chance war ich dankbar. Ich sprach mich mit meinen Brü­dern aus. Klärte gewisse Dinge mit meinen Eltern. Und dann war da die Geschichte mit einem Scout von Borussia Dort­mund, die mir wirk­lich schwer zu schaffen machte.

Bitte erzählen Sie davon.
Dazu muss man wissen, dass ich vor den Spielen immer eine Vier­tel­stunde vor meinen Kol­legen zum Essen gegangen bin, um mich noch mal zu sam­meln. Diese Ruhe war mir heilig. Am vor­letzten Spieltag vor meiner Krebs­dia­gnose traf ich am Buffet auf besagten Scout. Er machte Small­talk, und ich merkte, dass er gerade jemanden zum Reden suchte. Mir ging er aber in diesem Moment auf den Wecker. Ich speiste ihn mit ein paar Phrasen ab und suchte mir einen ein­samen Tisch.

Was war daran so schlimm?
Das Ding ist: Ich wusste, dass er ein Jahr zuvor an Magen­krebs erkrankt war. Den hatte er zwar besiegt, mit den Nach­wir­kungen hatte er aller­dings noch immer zu kämpfen. Als ich kurz nach meiner eigenen Dia­gnose an diese Szene dachte, brach es mir fast das Herz. Da hat einer so viel Leid durch­ge­macht, möchte ein­fach kurz plau­dern, sich ablenken, und ich bin so ego­is­tisch und stoße ihn vor den Kopf.

Was haben Sie gemacht?
Gleich am nächsten Tag habe ich ihn ange­rufen und mich ent­schul­digt. Er hatte das gar nicht so wahr­ge­nommen wie ich, war aber trotzdem sehr glück­lich über meine Reak­tion. Ähn­lich ver­hielt ich mich auch mit anderen Dingen. Nach einer Woche hatte ich mein Gewissen erleich­tert. Ich wollte nicht oben anklopfen und vom lieben Gott zu hören bekommen: Ich habe dir doch genü­gend Zeit gegeben. Warum hast du das nicht aus­ge­nutzt?

Wie ging es weiter?
Die Ver­ant­wort­li­chen von Borussia Dort­mund boten an, mir einen ruhigen Platz in den USA zu suchen, um mich dem Stress in der Heimat nicht aus­setzen zu müssen. Aber ich wollte von Beginn an reinen Tisch machen. Also ging ich mit meiner Krank­heit an die Öffent­lich­keit. Der erhoffte Effekt trat ein. Die Neu­gier der Men­schen war gestillt, man ließ mich in Ruhe.

Hat man sich nicht mehr für Sie inter­es­siert?
Im Gegen­teil: Ich bekam mehr als 2000 Karten und Briefe, viele Men­schen spra­chen mich auf der Straße an und wünschten mir Glück. Das hat mir gut getan. Dann hatte die War­terei ein Ende. Ich fuhr in eine Klinik nach Hei­del­berg. Und wurde ein zweites Mal unter­sucht.

Wie lief das ab?
Man führte eine Biopsie bei mir durch. Eine lange Nadel, die ins Gehirn vor­dringt. Wäre dabei ein Gefäß beschä­digt worden, wäre ich ver­blutet. Das Ergebnis war krass, in vie­lerlei Hin­sicht: Der Tumor war zwar bös­artig und für einen Euro­päer in meinem Alter auch extrem selten. Aber sehr gut zu behan­deln. In den Worten meines Arztes: Dieser Tumor schmilzt unter Bestrah­lung wie Butter.“ Außerdem blieb mir die Che­mo­the­rapie erspart. Das war die Gnade Gottes. Andere würden sagen: ein Sechser im Lotto. Ich hatte unglaub­li­ches Glück.

Wie haben Sie die Strah­len­the­rapie erlebt?
Ich habe mich voll­kommen ver­schätzt. Bevor es los­ging, hatte ich Geschichten von über­ge­wich­tigen Frauen mitt­leren Alters gehört, die nach sol­chen Behand­lungen ein wenig Kopf­schmerzen hatten, sich einmal schüt­telten und wieder zur Arbeit gingen. Ich quar­tierte mich in einem kli­nik­nahen Hotel ein und nahm zur ersten Behand­lung meine Lauf­sa­chen mit. Ich schaffte es gerade so zurück ins Hotel. Am zweiten Tag musste ich mich über­geben. Am dritten Tag bat ich um ein Zimmer in der Klinik. Die Behand­lung hat mich kom­plett zer­legt.

Womit hatten Sie am meisten zu kämpfen?
Da kam so viel zusammen. Mein Kopf fühlte sich an, als hätte man mir mit einem Hammer auf den Schädel geschlagen. Wie eine stän­dige Gehirn­er­schüt­te­rung. Ich nahm sieben Kilo ab. Ich konnte nichts mehr schme­cken, nichts mehr rie­chen. Mir fielen die Haare aus. Jeden Tag ging wieder ein Stück Lebens­qua­lität flöten. Ich fiel in eine schwere Depres­sion. Ich wurde zum Hypo­chonder. Hatte ich irgendwo ein Zwi­cken, dachte ich: Mein Gott, jetzt hast du auch noch Leber­krebs! Ich war voll der Psycho. So ging das ein halbes Jahr lang. Die schlimmste Zeit meines Lebens.

Haben Sie in dieser Zeit an Ihrem Glauben gezwei­felt?
Nein. Wir machen es uns immer ein­fach: Wenn etwas Schlimmes pas­siert, wird dafür der liebe Gott ver­ant­wort­lich gemacht. Die schönen Dinge im Leben nehmen wir ein­fach so zur Kenntnis.