Herr Ehr­man­traut, was machen Sie der­zeit?

Ich ent­spanne und erhole mich.

Von Ihrem Enga­ge­ment in Saar­brü­cken?

Nein, das ist ja schon länger her. Es gab ein paar Ange­bote, auch aus dem Aus­land, die haben aber alle nicht so gepasst. Ich mache jetzt nur noch das, was mich, ich sage mal, anspringt.

In der Ein­tracht-Mann­schaft von 1996/97, die Sie trai­nierten, spielten Jan Åge Fjør­toft, Ansgar Brink­mann und Bernd Schneider. Was hat diese Mann­schaft aus­ge­zeichnet?


Das war eine Mann­schaft, die wir bewusst so zusam­men­ge­stellt hatten, weil die Ein­tracht mit einem sehr engen finan­zi­ellen Budget arbeiten musste. Des­halb hatten wir ein Kon­zept ent­wi­ckelt, relativ güns­tige Spieler zu ver­pflichten. Spieler wie Ansgar Brin­kamnn, Thomas Epp, Alex­ander Kut­schera und Bernd Schneider, der damals aus Jena kam. Eine zusammen gewür­felte Mann­schaft, könnte man fast sagen, von Spie­lern, die sich woan­ders nicht eta­bliert hatten. Es war viel Risiko dabei, aber im End­ef­fekt hatte sich das Kon­zept aus­ge­zahlt, da diese Spieler ihre Chance genutzt haben, sich noch mal in den Vor­der­grund zu spielen und sich toll enga­giert haben. Das war unser Glücks­mo­ment.

Konnte man erkennen, wel­ches Poten­zial in Bernd Schneider steckte?

Ja, ja! Beim Bernd auf jeden Fall. Das war von Anfang an abzu­sehen. Ich hatte mich damals stark enga­giert, den Bernd zu bekommen, und Dank der guten Bezie­hungen des Prä­si­denten haben wir ihn dann auch gekriegt. Aber auch so ein Kut­schera, der war bei Mün­chen nicht mehr zum Zuge gekommen. Ansgar Brink­mann war ver­einslos. Bei Thomas Epp lief auch fast nichts mehr. Wir hatten wirk­lich viele Spieler, die bei anderen Ver­einen keine Rolle mehr gespielt hatten. Das war eine Kon­stel­la­tion, die man heute nur noch selten im Fuß­ball findet, dass sich Spieler noch­mals so ins Ram­pen­licht spielen können. Ein Ansgar Brink­mann, dass weiß ich noch wie heute, der war auf dem Weg zum Pro­be­trai­ning nach Zwi­ckau, dass müssen sie sich mal über­legen! Ich kannte ihn von früher und hatte eine gute Mei­nung von ihm. Und als ich davon hörte, sagte ich ihm, er solle sofort umkehren und zu uns kommen. Nachdem er ein‑, zweimal mit­trai­niert hatte, wurde dann ver­han­delt – und weil die Ein­tracht ein Verein mit einem großen Renommee ist, wollte er auch gerne zu uns. Ansgar hat sich ziem­lich positiv ent­wi­ckelt als Typ und als Spieler.

Dabei hatte er den Ruf, nicht ganz unkom­pli­ziert zu sein.

Der ist auch nicht ganz ein­fach, glauben sie mir! Aber da muss man als Trainer schon das not­wen­dige Fin­ger­spit­zen­ge­fühl auf­bringen. Um den Spieler in die rich­tigen Bahnen zu lenken und ins Team ein­zu­binden. Ansgar, aber auch Kut­schera und Epp, das war damals eine außer­or­dent­lich güns­tige Zusam­men­set­zung.

Die Ein­tracht wird gern als die Diva vom Main“ bezeichnet. Wel­chen Ein­fluss haben die Medien und die ehe­ma­ligen Spieler auf die Ent­schei­dungen der Ver­eins­füh­rung?

Frank­furt ist die Ban­ken­me­tro­pole in Deutsch­land, und dem­entspre­chend viele Men­schen sind auch im Bank­wesen beschäf­tigt. Ich drück das mal so aus: Frank­furt ist eine Den­ker­stadt“, also eine Kopf­stadt. Also das genaue Gegen­teil zu so Städten wie Bochum oder Duis­burg, sol­chen Arbei­ter­städten.

Ein schwie­riges Milieu für Sie.

Ja, ich bin ja genau den kon­trären Weg gegangen. Ich sage immer: Ban­kerstadt und Den­ker­stadt“. Die Erwar­tungs­hal­tung war schnell unheim­lich groß. Und da kommt der Ehr­man­traut aus Meppen und will der Ban­kerstadt Frank­furt was beweisen. Das hätte ja keiner gedacht, dass wir so einen Erfolg haben werden. Und dazu passte auch die Ent­schei­dung, mich wäh­rend der Spiele auf einen Gar­ten­stuhl zu setzen, das war ja alles bewusst gewählt, um den Spie­lern zu zeigen: Ich bin für euch da! Aber auch um den Leuten zu zeigen: Es kommt nicht darauf an, ob ein Stuhl 50 Mil­lionen kostet oder 1,90! Im End­ef­fekt ist das, was auf dem Rasen pas­siert, wie der Erfolg zu Stande kommt, das Wich­tige! Dass es nicht wichtig ist, wie viel Geld da ist, das wollte ich den Leuten beweisen. So was kannst Du aber nur einmal im Leben machen – und gerade weil da eine so gute Kon­stel­la­tion mit der Mann­schaft war, war das mög­lich.

Würden Sie sich heute auch noch auf den Gar­ten­stuhl setzen?

Nee, das glaub ich nicht! Das hat damals ein­fach absolut gepasst – und heute steht das Ding im Ein­tracht Museum. Es gibt ja immer wieder neue Dinge, ich ent­wickle mich auch weiter. Es gibt ja so viele neue Gedanken, Ideen und Inspi­ra­tion, die wenn die Lage, der Zeit­punkt und die Ansprüche stimmen, gut zu machen sind.

Schwächt man nicht mit so einem Gar­ten­stuhl die eigene Posi­tion?


Meine Posi­tion konnte doch gar nicht schwä­cher werden! Die war schon ganz schwach. Ich kam aus Meppen, wo ich fünf Jahre gewesen war, und war quasi ein Nie­mand. Wobei, einen so kleinen Verein fünf Jahre in der Zweiten Liga zu halten, war ja auch eine beson­dere Leis­tung. Wir hatten sogar zweimal die Chance auf­zu­steigen. Die Ein­tracht ist aber eine andere Kate­gorie, dort herrscht ein ganz anderes Denken, eine ganz andere Erwar­tungs­hal­tung. Des­halb war es auch nicht ein­fach für mich. Trotzdem bin ich immer meinen eigenen Weg gegangen und hatte immer einen aus­ge­zeich­neten Kon­takt zu den Spie­lern. Zwi­schen mir und den Spie­lern gab es ein unheim­lich enges Zusam­men­spiel, weil sie gemerkt haben, dass ich immer für sie da war.

Kurz nach dem Wie­der­auf­stieg mussten Sie gehen. Wie war der Ein­fluss des dama­ligen Mana­gers Gernot Rohr zu bewerten, der als fran­ko­philer Welt­mann einen krassen Kon­trast zum arbeit­samen Ehr­man­traut abgab?


Ich hatte ja die Ein­tracht über­nommen, als sie von der Ersten in die Zweiten Liga abge­stiegen war und dort auf einem Abstiegs­platz stand. Es war eine ganz heiße und brenz­lige Situa­tion, weil noch viele gestan­dene Spieler da waren. Die Mann­schaft unter Trainer Ste­pa­novic war wahn­sinnig teuer, hat aber nicht har­mo­niert. Sie sackte in der Zweiten Liga ab, und es bestand die Gefahr, dass sie in die Regio­nal­liga absteigt. Das wäre ja der abso­lute Super-Gau gewesen. Ich kam am 1. Januar, und wir haben darauf eine gute Rück­runde gespielt, waren am Ende Neunter.

Im Fol­ge­jahr sind Sie sogar auf­ge­stiegen.

Ja, aber mit ganz neuen Spie­lern und mit einem ganz anderen Kon­zept, da der Ein­tracht die Mittel fehlten, mit den ganz teuren Spie­lern zu arbeiten. Wir mussten völlig neue Wege gehen. Selbst ohne große Namen und Spie­lern wie eben Brink­mann, Epp, Kut­schera und Schur haben wir dann den Auf­stieg in die Erste Liga voll­bracht. Das war die totale Euphorie, und nachdem wir die erste Halb­serie gespielt hatten, standen wir sogar auf einem Nicht­ab­stiegs­platz. Und trotzdem musste ich gehen – das war der schmerz­lichste Zeit­punkt in meiner Trai­ner­kar­riere! Ich hatte nicht damit gerechnet, aber hinter den Kulissen waren so trei­bende Kräfte am Werk wie Gernot Rohr, der damals als Manager die Fäden gezogen hat. Da hatte ich im End­ef­fekt wenig Chancen.

Sie kennen die Ein­tracht ja schon recht lange und waren sogar als Spieler dabei, als 1980 der UEFA Cup gewonnen wurde. Liegt ihnen der Verein noch heute am Herzen?

Ja! Absolut! Ich bin heute noch oft auf der Galopp­renn­bahn am Nie­derrad und habe gute Kon­takte nach Frank­furt. Ein Verein, den ich immer ver­folgt habe in den letzten Jahren und noch weiter ver­folgen werde. Wenn man bei einem Verein etwas bewegt hat, wenn man so erfolg­reich gear­beitet hat, dann ver­gisst man das nicht.

Warum ist Fried­helm Funkel noch immer Trainer in Frank­furt? Was ist sein Erfolgs­ge­heimnis?

Das ist schon sen­sa­tio­nell! Ich kenne den Fried­helm recht gut, er ist mensch­lich ein absolut inte­grer Typ, fach­lich hoch qua­li­fi­ziert. Die Ein­tracht hatte ja auch ihre Schwä­che­phasen, nur gibt es mitt­ler­weile eine Kon­stel­la­tion in Frank­furt, die ich nicht hatte – ich hatte einen Manager, der gegen mich war.

Heute arbeitet bei der Ein­tracht Heri­bert Bruch­hagen, der Funkel in schweren Zeiten unter­stützt.


Ja, gerade dann wenn es schwierig ist, stützt er ihn beson­ders. Das ist heute in der Bun­des­liga leider relativ selten. Der Fried­helm hat es ja gar nicht so leicht bei den Fans, warum auch immer. Wenn dann Kritik an ihm auf­kommt, kommt Bruch­hagen und sagt: Funkel ist und bleibt unser Mann!“ Bei der Prä­senz und den Worten von Bruch­hagen – da glaubt man ihm ein­fach.

Hätten Sie es sich auch gewünscht, unter einem Manager wie Bruch­hagen zu arbeiten?


Es gibt viele gute Manager. Die Kon­stel­la­tion passt jetzt, Funkel und Bruch­hagen, die beiden ergänzen sich unheim­lich gut, jeder weiß, was der andere für Qua­li­täten hat. So was gab es bei der Ein­tracht in den letzten Jahren leider ganz selten.

Ihr Anti­pode Jürgen Klopp erklärt dem Fern­seh­volk per Touch­screen, wie Fuß­ball funk­tio­niert. Würden Sie das auch machen?


Nein, das ist nicht mein Ding. Meiner Mei­nung nach, würde mir da was abgehen, wenn man als Trainer eines Erst- oder Zweit­li­gisten im Fern­sehen bei der WM andere Sys­teme und Leis­tungen von Spie­lern bewertet. Der Jürgen hat das Talent, der kann so was mit seiner Person ver­einen, aber ich per­sön­lich würde so was nicht machen.

Wären Sie länger in Frank­furt geblieben, wenn Sie ein biss­chen char­manter gewesen wären?

Nee, bei Rohr wäre es egal gewesen, ob ich so auf­ge­treten wäre wie Klopp oder Ehr­man­traut. In der Nach­be­trach­tung kann man sagen, dass Rohr die nächst­beste Gele­gen­heit genutzt hat mich zu beur­lauben.