Karl Heinz Gra­nitza, in Deutsch­land sind sie nur noch Experten ein Begriff. In den USA bei den Chi­cago Sting waren Sie hin­gegen einer der besten Spieler über­haupt.

Stimmt. In der Geschichte der North Ame­rican Soccer League (NASL) bin ich der erfolg­reichste deut­sche Stürmer. Ich wurde mit Franz Becken­bauer und Pelé in die Hall-of-Fame des Fuß­balls auf­ge­nommen.

In der Rang­liste der besten Spieler in der NASL-Geschichte ran­giert nur Giorgio Chi­naglia vor Ihnen.

Giorgio hat mir mal gesagt, er läge nur vor mir, weil ich zu gut war.

Zu gut? Wir ver­stehen nur Bahnhof.

Er war der Ansicht, meine Mann­schafts­ka­me­raden seien oft nicht in der Lage gewesen, zu erkennen, wie gut ich stand. Die Mit­spieler von Giorgio waren spie­le­risch besser, des­halb hat er in aus­sichts­rei­cher Posi­tion auch öfter den Ball bekommen. Aber ich gönne Chi­naglia seinen Spit­zen­platz. Schließ­lich hat keiner die NASL mehr geprägt als er.

Wie meinen Sie das?

Er hat nicht nur im Hin­ter­grund der New York Cosmos die Fäden gezogen, son­dern eigent­lich die ganze Liga geleitet.

Wie konnte Chi­naglia die Liga leiten?

Nur soviel: Er war der beste Kumpel von Cosmos-Chef Steve Ross. Er kannte alle Besitzer der Ver­eine in der NASL und war er auch fast mit jedem Trainer bekannt. Er hatte großen Ein­fluss auf die Schieds­richter und die Spon­soren. Wenn Coca Cola oder McDonald’s kamen, haben die einen Diener vor ihm gemacht. Und: Er war Ita­liener. Er hatte er das ent­schei­dende Fünk­chen Cha­risma und Respekt, dass ihm nie jemand rein­ge­redet hat.

Wie ist der Klub Chi­cago Sting auf Sie auf­merksam geworden?

Der Manager hatte deut­sche Vor­fahren und inter­es­sierte sich daher sehr für die Bun­des­liga. Ihm impo­nierte, dass ich mich als ehe­ma­liger Zweit­li­ga­profi sofort bei Hertha in der 1. Liga durch­ge­setzt habe – immerhin habe ich in 73 Bun­des­liga-Par­tien 34 Tore geschossen.

Wie lukrativ war für Sie der Wechsel in die USA?

Bei Hertha habe ich monat­lich 6.000 Mark brutto ver­dient. Der Klub war per­ma­nent in finan­zi­ellen Schwie­rig­keiten und erhielt für meinen Transfer 500.000 Mark Ablöse – und ich ein Monats­ge­halt von 10.000 Dollar netto.

Wie populär war Fuß­ball damals in Chi­cago?

Mein Klub löste eine regel­rechte Fuß­bal­leu­phorie aus. Zu uns ins Sta­dion kamen mehr als 18000 Besu­cher. Als wir dann 1981 den Titel holten, stand die Stadt Kopf. Wir waren nach 23 Jahren das erste Pro­fi­team in Chi­cago, das eine Meis­ter­schaft gewann. Die Begeis­te­rung war riesig, meine Ver­trags­ver­län­ge­rung wurde von der Bür­ger­meis­terin bekannt gegeben. Wenn ich mit meiner Familie in den Zoo ging, haben mich Hun­derte von Leuten ange­spro­chen.

Wie erklären Sie sich ihre Beliebt­heit?

Ich war erfolg­reich, enga­gierte mich, und die Amis mochten mein Mar­ken­zei­chen: Ich trug außer­halb des Platzes stets pink­far­bene Brillen.

Hatten Sie einen Spitz­namen?

Gerd Müller war der Bomber“, ich war King Bomber Karl“.

Worin unter­schied sich die NASL von der Bun­des­liga?


Als popu­lärer Spieler in Chi­cago wurde man über­häuft mit Anfragen aus dem sozialen Bereich. Für einen Sportler in USA gehört es dazu, sich im gemein­nützig zu enga­gieren. So was kannte ich aus der Bun­des­liga über­haupt nicht. Man wurde als Person völlig ver­ein­nahmt.

Was machte Ihnen in Bezug auf das Sport­liche zu schaffen?

Die rie­sigen Ent­fer­nungen zwi­schen den Spiel­orten und die starken Wit­te­rungs­ge­gen­sätze. Manchmal haben wir an einem Tag in Matsch und Schnee gespielt und kurz darauf mussten wir wieder bei extrem heißen Tem­pe­ra­turen auf­laufen. Wenn wir nach­mit­tags in Tulsa, Okla­homa, spielten, haben regel­recht die Fuß­sohlen gequalmt.

Wie kamen Sie gene­rell mit dem Belag in den USA zurecht?


Wir haben auf unter­schied­li­chen Unter­gründen gekickt, zumeist auf Rasen. In Chi­cago spielten wir eine Zeit­lang in einem Base­ball-Sta­dion, in dem an der Sei­ten­linie noch eins der Abschlag­male her­aus­guckte und man ständig über einen Hügel laufen musste. Die Eng­länder und Hol­länder haben sich mit­unter gewei­gert, bei uns auf­zu­laufen.

Als Chi­cago Sting 1981 im End­spiel um die Super Bowl die New York Cosmos besiegte, war der Platz in Toronto eine Kata­strophe.

Oh, Mann, wir kickten wirk­lich auf einem brett­harten Kunst­stoff-Platz. Aber immerhin – es waren 40.000 Zuschauer dabei.



Waren Sie mit anderen deut­schen Spie­lern in der NASL befreundet?


In erster Linie mit meinen Kol­legen bei Chi­cago Sting, Hans Weiner, Ingo Peter und Arno Stef­fen­hagen. Und nach einer After-Game-Partie mit Fort Lau­derdale habe ich auch einmal Gerd Müller gefoppt.

Bitte etwas mehr Details.

Ach Gott, wir waren am Morgen nach dem Spiel zum Früh­stück ver­ab­redet. Er hatte für Freunde Grill­würste für den Abend gekauft und war bereits auf dem Sprung. Unser Klub­boss Lee Stern hatte aber ein Boot gemietet und mein Team wollte zu einer Tour auf­bre­chen. Also über­re­dete ich Gerd, mit­zu­kommen: Los Gerd, ist doch nur ne kleine Spritz­tour.“ Der Aus­flug dau­erte zehn Stunden, die Würst­chen schim­melten in der Sonne und Gerd war stink­sauer. (lacht)

Die NASL wurde als Ope­ret­ten­liga belä­chelt. Ist die Ver­nied­li­chung ange­sichts des spie­le­ri­schen Niveaus zulässig?

Wie hoch das Niveau war, lässt sich daran ablesen, dass die New York Cosmos 1983 den frisch­ge­ba­ckenen Euro­pa­po­kal­sieger HSV mit 7:2 nach Hause schickten.

Die Cosmos-Stars wurden vom Verein mit Luxus-Limou­sinen und Extraleis­tungen ver­hät­schelt. Haben Sie in Chi­cago ähn­liche Pri­vi­le­gien genossen?

Nein. Extra­würste gab es bei uns nicht. Ich bin zehn Jahre lang mit meinem alten Ford Bronco her­um­ge­fahren. Wenn ich in einem Jahr nach Steuern 120.000 Dollar ver­dient habe, sind die Cosmos-Spieler mit zwei Mil­lionen nach Hause gegangen. Das war eine andere Welt.

Wäh­rend der Saison 1980 wurden aus­ge­wählte Liga-Spiele live im Fern­sehen über­tragen – doch die Ein­schalt­quoten waren unter­ir­disch.

Der Sender ABC“ ist nach einem Jahr wieder abge­sprungen, und ohne das Fern­sehen fehlte der Liga die not­wen­dige Auf­merk­sam­keit.

Wurde des­halb die Liga 1984 ein­ge­stellt?

Gut mög­lich. Der Warner-Kon­zern und damit die New York Cosmos zogen sich nach der Saison aus dem Spiel­be­trieb zurück. Das war ein Signal für andere große Klub-Besitzer in Min­ne­sota, in Seattle und in Chi­cago ihr Enga­ge­ment ein­zu­stellen. Cosmos war das Zug­pferd, ohne das der Spiel­be­trieb nicht auf­recht zu erhalten war. Wenn Cosmos nicht auf­ge­geben hätte, wäre die NASL heute wohl eine der besten Ligen der Welt.

Wie nahmen Sie das Ende der NASL auf?

Ich war extrem geschockt: Eine Liga löste sich ein­fach in Luft auf! Ich habe dann noch vier Jahre lang bei dem neuen Klub Chi­cago Power in der Hallen-Liga gekickt.

Warum sind Sie nach dem Ende der NASL im Alter von 32 Jahren nicht in die Bun­des­liga zurück­ge­kehrt?

Aus Europa lagen mir damals nur Ange­bote von Girondins Bor­deaux und Pan­athi­naikos Athen vor. Ich wäre auch fast nach Frank­reich gewech­selt, aber dann wurde mir von den Ver­ant­wort­li­chen des neuen Klubs ein sehr gutes Angebot gemacht. Wenn Frau und Tochter später nicht so großes Heimweh nach Deutsch­land gehabt hätten, würde ich wohl immer noch in Ame­rika leben.

Was haben Sie sport­lich aus den USA mit­ge­nommen?

Die freie Ent­fal­tung. Ich habe gelernt, dass es okay ist, auch mal zu drib­beln und allein den Abschluss zu suchen. In Deutsch­land ist es ver­pönt, wenn ein Spieler zu eigen­sinnig ist. Die Trainer in den USA haben ihre guten Kicker nicht in Sche­mata gepresst – und waren trotzdem erfolg­reich.

Was halten Sie davon, dass die Major Soccer League (MLS) mit David Beckham nun wie in den Sieb­zi­gern wieder einen euro­päi­schen Star im Herbst seiner Kar­riere ver­pflichtet?

Mit dem eigenen Nach­wuchs haben sie es in den ver­gan­genen 11 Jahren mit mäßigem Erfolg pro­biert. Es ist richtig, große Stars aus Europa zu holen. Die Ver­ant­wort­li­chen sollten ver­su­chen, auch einen Japaner oder Deut­schen zu ver­pflichten.

Wird es Beckham leicht fallen, in der MLS Fuß zu fassen?

Jeder, der in die USA wech­selt, muss sich sein Ansehen erar­beiten. Mit Sicher­heit wird er auf die Socken bekommen, wenn er den Ball nicht spielt. Beckham wird nicht so schön spielen können wie bei Real Madrid. In den USA wird sehr kör­per­be­tont gespielt. Der Fuß­baller ist schnell und ath­le­tisch.

Ist er Markt für Fuß­ball in den USA groß genug, dass es sich für die Klub-Bosse lohnt, hor­rende Summen in Spieler wie Beckham zu inves­tieren?

Bisher wurde für Kicker nicht viel in die Hand genommen. Der best­be­zahlte Spieler, Landon Donovan von Los Angeles Galaxy, ver­dient pro Jahr etwa 1,5 Mil­lionen Dollar. Mit sol­chen Gehäl­tern kann man keinen Star in die USA locken. Beckham aber bringt den US-Fuß­ball nach vorne. Ich habe gehört, dass schon mehr als 100 Hol­ly­wood­schau­spieler Sai­son­ti­ckets gekauft haben – nur wegen David und Vic­toria.


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