Charly Dörfel, draußen schneit es, das Ther­mo­meter zeigt minus zwei Grad, der Kaffee ist heiß und Elvis guckt cool aus dem Bil­der­rahmen. Ein per­fekter Morgen zum Schall­plat­ten­auf­legen und Musik­hören.

Wissen Sie was: Wenn wir jetzt anfangen, Schall­platten auf­zu­legen, dann sitzen wir morgen noch hier. Das geht nicht so nebenher. Kennen Sie die Walker Bro­thers?

The sun ain’t gonna…

…shine any­more. Groß­ar­tige Band. Meine Lieb­lings­band!

Wie viele Schall­platten besitzen Sie eigent­lich?

Über 23.000. Dazu mehr als 6000 CDs.

Mal ehr­lich: Haben Sie alle Platten gehört?

Zumin­dest einmal. Momentan greife ich manchmal blind in das Regal und ziehe eine Schall­platte raus. Meis­tens ist es dann eine von den Beatles, von Elvis, von Leo­nard Cohen oder den Walker Bro­thers – von denen habe ich alles. Auch die sel­tenen Sachen.

Bei wel­cher Platte freuen Sie sich am meisten?

Vor allem bei den raren Schall­platten der unbe­kannten Rock-n-Roll-Bands aus den 50er und frühen 60er Jahre. Ich bin ja hier nicht die Dudel-Hit­pa­rade. 90 Pro­zent der Songs, die im Regal her­um­stehen, sind mit Sicher­heit in den letzten zehn Jahren nicht einmal im Radio gespielt worden.

Haben Sie mal über eine eigene Radio­sen­dung nach­ge­dacht?

Sollte ich machen, nicht wahr? Als ich Carlo von Tie­de­mann einst erzählte, dass ich mehr Ton­träger habe als alle Radio­sender zusammen, sachte der zu mir: Gib mir die Dinger doch mal, dann spiele ich sie auch.“ Aber die ganzen Dinger durch die halbe Stadt zu karren – da hatte ich wenig Lust drauf.

Stö­bern Sie heute noch in Plat­ten­läden?

Sel­tener. Früher waren die Läden mein zweites Zuhause. Ich musste sogar schon Strafe zahlen, weil ich zu lange in einem Plat­ten­laden in New York gestö­bert hatte und zu spät zur Mann­schafts­be­spre­chung kam. Ich vergaß in sol­chen Momenten ein­fach die Zeit. Außerdem musste ich ja immer sta­pel­weise Sin­gles und LPs für meine Kol­legen mit­bringen – für Harry Bähre, Horst Schnoor oder Uwe. Kennen Sie eigent­lich die Rai­mondos?

Mal gehört…

Das war in den 50er Jahren eine Rock-n-Roll-Band aus Ham­burg-Ber­ge­dorf, mit denen bin ich gele­gent­lich auf­ge­treten. Ich war ihr Sänger.

Was haben Sie gespielt?

Buddy Holly und ähn­li­ches. Wir waren ganz gut. Kurze Zeit später kam die Plat­ten­firma Polydor auf mich zu und wollte eine Single mit mir machen. Der berühmte Bobby Schmidt pro­du­zierte zwei Stücke mit mir. Der mochte mich, und ich mochte ihn – mensch­lich ver­standen wir uns super. Aber musi­ka­lisch kamen wir gar nicht zusammen.

Wieso?

Ich wollte ne coole Rock-n-Roll-Nummer ablie­fern, und er wollte, dass ich singe wie ein Schla­ger­barde. Schmidt glaubte, dass sich das besser ver­kauft. Her­aus­ge­kommen sind die beiden Schmalz­lieder Erst ein Kuss“ und Das kann ich dir nicht verzeih‚n“. Das Pro­blem war: Ich habe seit jeher eine sehr hohe Stimme und als ich das Stück ein­sang, sagte Schmidt zusätz­lich noch ständig: Höher, höher.“ Ich gehorchte, denn ich wollte unbe­dingt Musik machen, die Frauen standen ja auf so etwas. Am Ende klang ich aber wie ein Eunuch.

Die Frauen standen den­noch drauf.

Vor allem aber die Männer. Ich bekam bade­wan­nen­voll Fan­post. Viele Briefe waren aller­dings an Carla Dörfel adres­siert. Die dachten ich wäre ne Olle. Die Single steht übri­gens im Regal. Bei Ebay bringt die heute bestimmt 100 Euro.

Wollen wir kurz mal rein­hören?

Oh, nein. Ich leihe sie Ihnen aber gerne aus.

Lieber nicht, ich ver­liere solche Dinge gerne. Reden wir über Ihr zweites großes Hobby: den Fuß­ball. Oder war Fuß­ball für Sie mehr als ein Hobby?

Ich habe wäh­rend meiner Fuß­ball­kar­riere als Buch­halter gear­beitet. Fuß­ball war für mich wichtig, doch es war weniger Beruf, son­dern tat­säch­lich viel­mehr ein Hobby. Fuß­ball war für mich immer die schönste Neben­sache der Welt.

Heute heißt es häufig, Sie hätten viel mehr aus dieser Neben­sache machen können.

Viel­leicht hätte ich noch mehr errei­chen können als Becken­bauer oder Seeler, vom Talent her hätte ich sicher­lich 100 Län­der­spiele machen müssen. Aber ich war eben kein Diplomat, ich hatte zu häufig ein zu lautes Mund­werk. Einen stän­digen Schalk im Nacken, der mich aller­dings auch gerettet hat.

Inwie­fern?

Wenn ich nicht so ein Witz­bold gewesen wäre, wenn ich nicht einen sol­chen Gal­gen­humor gehabt hätte, wäre ich an den Machen­schaften und Klün­ge­leien im Pro­fi­fuß­ball ver­mut­lich zer­bro­chen.

Sie meinen die Seil­schaften in den Füh­rungs­etagen der Ver­eine?

Auch auf dem Platz. Beim HSV gab es in jenen Jahren einen unglaub­lich starken Fut­ter­neid. Dass ich so viele Jahre beim HSV gespielt habe, ver­danke ich eigent­lich nur Uwe Seeler. Einige bezeichnen mich als seine Braut auf dem Platz. Ich sage heute: Ich war See­lers Sub­un­ter­nehmer.

Wie später Kaltz der bana­nen­flan­kende Sub­un­ter­nehmer von Hru­besch wurde?

Wissen Sie, nichts gegen Manni, aber die Bana­nen­flanke habe ich erfunden. Ich flachs ja auch mit ihm dar­über. Letz­tens traf ich ihn mal wieder und da sach zu ihm: Du warst der Mann für die kleine Kana­ri­sche und ich für die große Chi­quita.“ Da hat er gelacht, der Manni. Aber es war ähn­lich wie mit Manni und dem Unge­heuer, das stimmt. Ich ackerte mich auf links bis zur Grund­linie vor, dann: Flanke, Kopf­ball vom Dicken, zack, Tor. Und das, obwohl Uwe nicht immer leicht zu finden war.

Waren Sie der Pro­tegé von Seeler?

Seeler war mein Idol. Das war er schon, bevor ich zum HSV kam. Dabei sind wir ganz andere Typen, teil­weise total kon­trär. Aber Gegen­sätze ziehen sich ja an.

Was machte Sie so unter­schied­lich?

Uwe ist ein lus­tiger Typ, keine Frage, aber mein Humor war ihm oft­mals zu derbe. Wir hatten zum Bei­spiel einmal ein Län­der­spiel in der DDR. Als wir am Ost-Ber­liner Flug­hafen ankamen, herrschte dort eine sehr eisige Stim­mung, kaum Leute, nur ein paar Volks­po­li­zisten standen starr herum. An den Wänden hingen rie­sige Bilder der DDR-Staats­männer, auch eines von Walter Ulb­richt. Wir war­teten mit der ganzen Mann­schaft vor diesem Bild, die Vopos guckten grimmig. Und dann kam mein Auf­tritt – ich muss dazu sagen, dass ich ganz gut Stimmen imi­tieren kann, ich habe etwa zwölf Tier­stimmen im Reper­toire. Vor diesem Bild fing ich also unver­mit­telt an, Ulb­richt zu imi­tieren. Alles im schönsten Säch­sisch: Sööö, hiär, meinäää libään Genössen…“ Als ich mich umblickte, waren alle Mann­schafts­kol­legen ver­schwunden – auch Uwe.

Auf dem Platz gab es auch manchmal Unstim­mig­keiten.

Das fing beim Trai­ning an. Jürgen Werner oder Uwe Reuter – die Stu­denten – spielten gerne mal Hacke‑1 – 2‑3, durch die Beine, Tunnel, Über­steiger und so etwas. Das mochte der Trainer nicht – und Uwe erst recht nicht. Der hatte oft keine Lust mehr und rief: Ihr mit eurem Scheiß, dann kann ich ja in die Kabine gehen.“ Und die Trickser riefen zurück: Du Arsch, geh mal nach vorne und mach deine Tor­schuss­übungen.“

Und im Spiel?

Da meckerte der Dicke auch mal. Wenn ich gemeinsam mit meinem Bruder Bernd spielte – er auf Rechts- und ich auf Links­außen –, schossen wir uns die Bälle hin und her. Wir per­fek­tio­nierten den Sei­ten­wechsel. Außerdem wollte ich Bernd gerne in Szene setzen. Doch Uwe schrie meis­tens: Dann kann ich ja auch nach Hause gehen.“ Ich ant­wor­tete umge­hend: Dicker, die nächste Flanke schieße ich drei Zen­ti­meter höher, dann renkst du dir den Hals aus.“

Über was flachsen Sie, wenn Sie sich heute wieder sehen?

Wir hatten über Jahre eine kleine Aus­ein­an­der­set­zung dar­über, wer 1960 im Halb­final-Hin­spiel des Lan­des­meis­ter­po­kals gegen den FC Bar­ce­lona den Fehl­pass gegeben hatte, der das Gegentor ein­lei­tete. Seeler gab sich immer schein­heilig: Datt war ich nich!“ In Wahr­heit war es aber so: Ich spielte den Ball zu Horst Hoddel“ Dehn, der passte ihn weiter zu Uwe und der Dicke spielte ihn seinem Gegen­spieler vor die Füße. Und dann lief der Konter. Das Spiel endete zwar 2:1 für uns, doch dieses Gegentor kos­tete uns im Rück­spiel das Wei­ter­kommen.

Wie lange blieb Seeler stur?

Über 30 Jahre. Vor einiger Zeit kam er aber zu mir und sagte: Weißt du Charly, es stimmt, die Sache mit Bar­ce­lona. Es war mein Fehler!“ Da musste ich grinsen.

Sie kamen 1959 vom SV Polizei zum HSV. 1972 – Sie waren gerade 32 Jahre alt – gingen Sie über­ra­schend nach Süd­afrika. Warum dieser plötz­liche Abschied? Kamen Sie mit Seeler nicht mehr zurecht?

Ich hätte beim HSV noch zwei oder drei Jahre weiter auf hohem Niveau spielen können. Doch damals brach mir ein Satz das Genick: Als wir mit unserem neuen Trainer Klaus Dieter Ochs unter­wegs waren, sagte der zu mir: Charly, du bekommst jetzt Kon­kur­renz!“ Zuvor war ich 13 Jahre kon­kur­renzlos. Ich ant­wor­tete daher lapidar: Dann leg ich mal nen Zahn zu.“ Dum­mer­weise fügte ich noch hinzu: Im Übrigen, Herr Ochs: Ich habe schon sieben Trainer über­lebt.“

Ihr Kon­kur­rent hieß Georg Vol­kert.

Ganz ehr­lich: Vol­kert war im ersten Jahr unglaub­lich schlecht. Den hätte man in der Pfeife rau­chen können.

Ein paar Spiele machten Sie mit ihm gemeinsam auf der linken Seite. Doch Sie durften in der letzten Saison nur viermal ran. Har­mo­nierten Sie nicht?

In den wenigen Spielen har­mo­nierten wir eigent­lich ganz gut. Vol­kert war eben­falls ein Dribbler und Fummler, die linke Seite war für ihn gemacht – so wie in den Jahren zuvor für mich. Doch plötz­lich sagte Ochs zu mir: Charly, ab auf rechts!“ Das war der Anfang vom Ende.

Dabei galten Sie in den 60er Jahren als bester Links­außen der Bun­des­liga. 1964 wurden Sie von der L’Équipe“ gar zum besten Links­außen Europas gekürt. Was machte Sie so stark?

Ich war schnell und wendig. Und ich konnte mich sehr gut von hinten her­an­schlei­chen, so wie eine Katze, und dem Gegner den Ball vom Fuß stie­bitzen. Das habe ich auch mal mit Pelé gemacht – und ihn dabei umge­hauen. Dann lag er da, die Spieler pro­tes­tierten – und ich mas­sierte der­weil Pelés Ober­schenkel.

Sie liebten die kleine Pro­vo­ka­tion.

Als wir einmal gegen Real Madrid spielten, rief ich meinen Mann­schafts­ka­me­raden zu: Guckt euch die Pinkel an, die rie­chen ja über den ganzen Platz nach Parfüm! Die hauen wir doch locker weg.“ Dabei wäre ich ja auch gerne ein sol­cher Pinkel gewesen. (lacht)

In man­chen Spielen tauchten Sie aber auch unter. Woran lag das?

Oft an der Hitze. Ich konnte bei hohen Tem­pe­ra­turen nicht spielen. 1960 trafen wir im End­spiel um die Deut­sche Meis­ter­schaft auf den 1. FC Köln und es war unfassbar heiß. Ich stellte mich wäh­rend des Spiels in den Schatten eines Flut­licht­mastes, um der Hitze zu ent­kommen. Das müssen 45 Grad gewesen sein. Es war ein ein­ziger Hit­ze­kessel. 

Wie sehr brauchten Sie das Publikum?

Wir brauchten uns gegen­seitig. Aber natür­lich spornte es mich sehr an, wenn ich wusste, dass das Publikum hinter mir stand. In man­chen Spielen strotzte ich so stark vor Selbst­be­wusst­sein, dass meine Gegen­spieler in der eigenen Hälfte Hilfe suchend auf mich war­teten. Die Fans sahen das und feu­erten mich immer weiter an. In sol­chen Spielen fühlte ich mich wie Mohammed Ali, der vor­aus­sagte, in wel­cher Runde seine Gegner K.O. gehen. Ich hakte meine Gegen­spieler inner­lich nach sound­so­viel Minuten ab.

Es gab auch unan­ge­ne­nehme Gegen­spieler.

Berti Vogts war einer. Der ist immer mit nach vorne gegangen, ich hatte aller­dings wenig Lust die ganze Zeit hinter dem her zu rennen. Des­halb hab ich Jürgen Kurb­juhn zu meinem Aus­putzer gemacht. In Spielen gegen Borussia Mön­chen­glad­bach rief ich die ganze Zeit: Kubbi, über­nehmen Sie!“

Und Sie sind der­weil auf die Tri­büne.

Das kam ein paar Mal vor. Es gab etwa dieses eine Spiel am Rothen­baum, bei dem ein guter Freund von mir zu Gast war und ich vor dem Spiel mit ihm scherzte: Ich finde dich im Publikum.“ Wäh­rend des Spiels schaute ich ständig auf die Zuschau­er­ränge, konnte ihn aber nicht finden. Kurz vor der Halb­zeit sah ich ihn dann doch. Ich bin also auf die Tri­büne, habe ihm inmitten der joh­lenden Fans die Hand geschüt­telt und gerufen: Ich habe ihn gefunden!“ Ihm war das ziem­lich unan­ge­nehm.

Das Spiel lief wäh­rend­dessen weiter?

Ja, wäh­rend ich mit dem Kumpel einen kurzen Klön­sch­nack hielt, rief ein Zuschauer: Charly, der Ball!“ Zack, rannte ich wieder aufs Spiel­feld, habe Ball vor der Außen­linie noch ange­nommen und bin wieder die Linie auf und abge­laufen.

Gab es für solche Aktionen nie Geld­strafen?

Fast nie, die HSV-Ver­ant­wort­li­chen wussten, dass ich für Seeler unver­zichtbar war. Ich musste nur ein ein­ziges Mal zum Rap­port.

Was war geschehen?

In einer Partie gegen Hil­des­heim habe ich mit meinem Gegen­spieler Dop­pel­pass gespielt. Der passte mir den Ball unab­sicht­lich vor die Füße. Ich spielte ihn wieder zurück – absicht­lich. Und natür­lich etwas über­heb­lich. Doch der Hil­des­heimer nahm plötz­lich richtig Fahrt auf und drosch den Ball aufs Tor. Glück­li­cher­weise klatschte der Ball an die Latte.

Die Zuschauer ver­göt­terten Sie trotzdem.

Am Rothen­baum auf jeden Fall. Neben Vogts gab es übri­gens noch einen Spieler, gegen den ich sehr ungern spielte. Das war Sepp Piontek. Der konnte ein­fach kein Fuß­ball spielen, ist nur in die Kno­chen gegangen. Bei einem Spiel beför­derte er mich mit einer harten Grät­sche vor die Tri­büne des Rothen­baums. Da kam ein Zuschauer und schlug ihm mit dem Regen­schirm auf den Kopf. Ich war tat­säch­lich so etwas wie ein Hei­ligtum dort.

Sie bedankten sich bei den Fans auf unkon­ven­tio­nelle Art.

Ich steckte den Fans Lutsch­bon­bons zu. Und manchmal schleuste ich die Jugend­li­chen und Arbeits­losen, die sich den Ein­tritt nicht leisten konnten an den Ord­nern vorbei ins Sta­dion. Die haben sich dann richtig auf­ge­regt. Da hab ich nur gesacht: Du bist still oder du kannst dir morgen einen neuen Job suchen, Freund­chen!“ Und ich sang gerne, auch wäh­rend des Spiels: Horch, was kommt von draußen rein, das kann doch nur der Charly sein.“ Und die HSV-Fans sangen mit. Ja, ich hatte zu den Fans eine wahr­haft schöne Bezie­hung.

Im Gegen­satz zu Ihren Natio­nal­trai­nern.

Anfangs war ich Her­ber­gers Lieb­ling. Er nomi­nierte mich, als ich 20 war. Und ich revan­chierte mich mit zwei Toren im ersten Spiel gegen Island. In der Qua­li­fi­ka­tion zur WM 1962 schoss ich drei wei­tere. Den­noch nahm mich Her­berger nicht mit nach Chile. Ich war ziem­lich per­plex. Und die Presse auch.

Ließ er Sie grundlos zu Hause?

Viel­leicht nahm er mich nicht mit, weil ich kein Tak­tik­spieler war. Dieses starre Ein­halten von Posi­tionen war nichts für mich. Ich brauchte Nar­ren­frei­heit. Her­berger aber wollte 1962 defen­sives Catenaccio spielen lassen. Auf meiner Posi­tion durfte dann der Kölner Hans Schäfer ran – und er machte in Chile die schlech­testen Spiele seiner Lauf­bahn.

In einigen Län­der­spielen wurden Sie auch von Ihren Neben­leuten gemieden.

Sie spre­chen die Län­der­spiele 1963 gegen die Türkei und Bra­si­lien an. Das waren tat­säch­lich selt­same Spiele. Konietzka, Schütz und Libuda passten und flankten sich die Bälle zu, wäh­rend ich wie ein Wahn­sin­niger in die Gassen sprin­tete und mich immer wieder anbot. Doch sie igno­rierten mich, auch wenn ich viel freier stand. Später behaup­tete Konietzka, dass er mich in den Situa­tionen nicht gesehen hatte. Ich sagte nur: Na, na, Timo!“ Das war ganz klar Westen-Klün­gelei.

Unter Helmut Schön kamen Sie nur noch einmal zum Ein­satz. Waren Sie ihm zu unbe­quem?

Ver­mut­lich. Schön war humorlos. Viel­leicht zwickte es mich des­wegen bei Gesprä­chen mit ihm umso mehr im Zwerch­fell. Schön kam etwa einmal wäh­rend der Halb­zeit­pause eines HSV-Freund­schafts­spiels zu mir und fragte: Na Charly, wie sind Sie in Form?“ Da hab ich zu ihm gesagt: Herr Schön, ganz gut, aber ich habe da auf dem Neben­platz einen Außen­stürmer gesehen, der ist echt super.“ Da hat Schön bedröp­pelt drein­ge­schaut. Ironie mochte der gar nicht.

Spra­chen Sie nach Ihrer Aus­boo­tung noch mit­ein­ander?


Durch Zufall. Eines Tages rief Schön in der Geschäfts­stelle am Rothen­baum an. Wir saßen nicht weit des Emp­fangs und aßen zu Mittag. Da die Zen­trale nicht besetzt war, eilte ich zum klin­gelnden Telefon. Am Ende mel­dete sich der Bun­des­trainer: Hallo, hier Helmut Schön, ich möchte mit Trainer Gaw­li­czek spre­chen!“ – Ich ant­wor­tete in einer Art Com­pu­ter­stimme: Hier ist die tele­fo­ni­sche Zeit­an­sage, beim nächsten Ton ist es 17:25 Uhr – tut – tuuut.“

Bereuen Sie es eigent­lich manchmal, dass Sie sich solche Scherze nicht ver­kniffen haben? Ange­passter hätten Sie sicher­lich mehr Län­der­spiele gemacht.

Einige Dinge würde ich heute ver­mut­lich nicht mehr so machen. Wissen Sie, mein Vadder hat mir noch im Tes­ta­ment Vor­würfe gemacht. Der konnte es bis zuletzt nicht ver­k­nusen, dass ich Län­der­spiele abge­sagt habe. Doch ich hatte manchmal ein­fach keine Lust. Vor einem Län­der­spiel gegen Jugo­sla­wien dachte ich etwa, dass die Jungs in Bel­grad sowieso einen auf den Hut bekommen – da ging ich lieber zur Arbeit.

Sie stammen aus einer großen Fuß­ball­fa­milie. Ihr Onkel Richard, Ihr Bruder Bernd und Ihr Vater Friedo waren alle­samt HSV-Spieler. Spürten Sie schon in frühen Jahren die großen Fuß­stapfen?

Über­haupt nicht. Ich spielte Fuß­ball, weil es mir Spaß machte, nicht weil ich mir davon das große Geld erwar­tete. Ich strengte mich ja auch in der Schule an, um später einen guten Beruf erlernen zu können. Ich wollte ein guter Kauf­mann werden.

Wie waren Sie in der Schule?

Ganz gut. Es gab aller­dings auch eine Zeit, in der ich ein paar Fünfen und Vieren mit nach Hause brachte, da gab es dann richtig Dampf vom Alten. Der wollte mich schon beim Fuß­ball abmelden. Aus Ver­zweif­lung schrieb ich dann nur noch Zweien und Dreien. Und wenn ich mal ne Eins schrieb, gab mir Vad­dern zur Beloh­nung fünf Mark.

Und nebenher gab es nichts außer Fuß­ball?

Andere liefen seit Babytagen mit Lollis rum, wir Dör­fels liefen seit der Geburt mit einem Ball durch die Gegend. Doch es gab nicht nur Fuß­ball. Es gab die Musik, und es gab die Frauen. Ich war bekannt­lich kein Kuss­ver­ächter. Aller­dings konnten meine Freun­dinnen nie etwas mit Fuß­ball anfangen. Sie wollten roman­ti­sche Abende im Ker­zen­schein – und sie wollten hei­raten. Ich war aber lange Zeit kein Freund der Ehe.

Hatten Sie Angst Ihre Nar­ren­frei­heit zu ver­lieren?

Ich glaube ein­fach, dass wir Fuß­baller nicht für die Ehe gemacht sind. Ich hatte des­wegen stets Freun­dinnen. Und den­noch bin ich immer anständig und ehr­lich geblieben. Ich war ja Sub­un­ter­nehmer.

Und heute sind Sie auch ver­hei­ratet.

Das stimmt. Und daher muss ich auch ab und zu mal seriös rüber­kommen. (lacht) Mein Sohn Steffen ist übri­gens gar kein Freund von dem Clowns­ge­habe, der sagt immer: Papa, dafür bist du zu alt.“

Und was sagen Ihre Weg­ge­fährten von früher?

Das ist ganz unter­schied­lich. Letz­tens hatte ich eine sehr schöne Begeg­nung in der See­ve­taler Ein­kaufs­pas­sage. Da spricht mich plötz­lich ein Mann in meinem Alter an und sagt: Mensch, Charly! Schön, dass ich dich treffe! Ich wollte mich die ganzen Jahre bei dir bedanken.“ Ich schau ihn an und merke, dass er ein ehe­ma­liger Mit­spieler von SV Polizei Ham­burg ist. Wir lachen und ich frage: Wieso denn bedanken?“ Er ant­wortet: Wir haben damals vom HSV 3000 Mark für dich bekommen. Mit dem Geld haben wir den besten Kegel­abend gemacht, den ich je erlebt habe.“

Und was haben Sie geant­wortet?

Ich sagte: Ich habe durch den Wechsel ja auch ne ganz gute Kar­riere machen können. Auch wenn ich manchmal das Gefühl hatte, in der fal­schen Zeit und am fal­schen Ort zu spielen.“

Wo hätten Sie denn spielen wollen?

In Hol­ly­wood.