Klaus Thom­forde, wenn sich bei uns auf dem Bolz­platz jemand zu über­schwäng­lich über ein Tor gefreut hat, wurde er sofort ermahnt, nicht den Thom­forde zu machen“. Wussten Sie, dass Ihre Emo­tio­na­lität in den Neun­zi­gern sprich­wört­lich war?
Schön zu hören. Trotz viel Kritik an meiner emo­tio­nalen Art, muss ich einigen Ein­fluss auf die Tor­hü­ter­ge­nera­tion nach mir gehabt haben: Als ich mit St. Pauli einmal auf den blut­jungen Frank Rost in einer Partie gegen Werder Bremen traf, hat er sich nach dem Spiel über mein unmög­li­ches Ver­halten“ beschwert – Jahre später schrie er auf dem Platz genauso herum wie ich zu besten Zeiten. Und da war er nicht der ein­zige: Auch Oliver Kahn und andere Laut­spre­cher haben sich von mir inspi­rieren lassen.

Dabei waren Sie nicht immer so emo­tional auf dem Platz. Zu Kar­rie­re­be­ginn sollen Sie eher ein ruhiger Ver­treter Ihrer Zunft gewesen sein.
Zu meiner Anfangs­zeit war ich ja nicht nur Fuß­ball­profi, son­dern auch noch Finanz­be­amter mit gere­geltem Tages­ab­lauf. Ich war sogar schon Beamter auf Lebens­zeit“. Ich musste jeden Tag um sechs Uhr mor­gens auf­stehen und nach dem vollen Arbeitstag noch zum Trai­ning. Abends um zehn bin ich tod­müde ins Bett gefallen.

Wie wird man vom Finanz­be­amten zum Tier im Tor“? Gab es einen Grund für den Stil­bruch?
1988 hatte ich ein Aha-Erlebnis: Bei einem gemein­samen Trai­nings­lager mit dem FC Sout­hampton erlebte ich die eng­li­schen Tor­hüter Tim Flowers und John Bur­ridge in Aktion. Wäh­rend die Eng­länder im Kasten standen, haben sie geflucht wie die See­männer. Kein Satz ohne fuck“ oder ein eng­li­sches Schimpf­wort! Ich war beein­druckt und merkte, dass ich nicht der ein­zige war, der sich davon impo­nieren ließ. Das habe ich mir dann ein­fach ange­eignet.

Von Eng­län­dern lernen, heißt also flu­chen lernen?
Das ver­rückte war, dass es funk­tio­nierte: Auf einmal standen meine Leis­tungen in einem ganz anderen Licht. Von diesem Zeit­punkt an habe ich meine Schimpf­ti­raden und Jubel­posen als bewusste Show­ele­mente in mein Spiel inte­griert.

Die Geburts­stunde des Tieres im Tor“ lässt sich also genau datieren. Wann haben Sie die berühmte Thom­forde-Säge“ erfunden?
Im Abstiegs­kampf der Zweit­li­ga­saison 1992/1993: Wir durften uns an den letzten drei Spiel­tagen kein Gegentor mehr fangen, weil es für den Klas­sen­er­halt auch auf das Tor­ver­hältnis ankam. Also fei­erte ich alle meine Paraden und jeden vorbei gegan­genen Tor­schuss wie ein Traumtor. Wir gewannen 3:0 gegen SV Meppen, spielten 0:0 gegen FC Hom­burg und gewannen 1:0 gegen Han­nover 96 – dreimal zu null, die Klasse war gehalten.

Haben Sie danach mit Ihrer Rolle bewusst koket­tiert?
Ich war gerne das Tier im Tor! Diese Rolle hat sich positiv auf meine Leis­tungen aus­ge­wirkt. Ich habe durch diese Art des Spiels weniger über meine Fehler nach­ge­dacht. Im Ver­gleich zu heu­tigen Tor­hü­tern war ich nicht son­der­lich gut aus­ge­bildet – Sie­ger­men­ta­lität und Selbst­ver­trauen haben mir den nötigen Halt gegeben.

Am elften Spieltag Bun­des­li­ga­saison 1995/1996 erkämpften Sie mit St. Pauli ein 1:1‑Unentschieden gegen Werder Bremen. Sie hielten gran­dios und fei­erten Ihre Paraden fre­ne­tisch. Danach sagte Werder-Stürmer Bernd Hobsch, dass die ganze Liga sich freuen“ würde, wenn sie mal sechs Dinger“ bekämen. Waren viele Gegen­spieler nach­tra­gend?
Nach Abpfiff war meis­tens alles gegessen. Hin und wieder hat ein Gegen­spieler zwar mal einen Hand­schlag ver­wei­gert, aber ich freute mich immer die­bisch, wenn sich Gegner über mich auf­ge­regten. Das war ja genau mein Ziel: Unsere meist indi­vi­duell bes­seren Gegen­spieler sollten sich mit mir beschäf­tigen. Wenn man sie erst mal soweit hatte, konnten sie ihre Klasse nicht mehr aus­spielen.

In besagtem Spiel gegen Bremen gerieten Sie auch noch mit Mario Basler zusammen. Was war da los?
Alleine Mario Basler war in diesem Spiel viermal in Eins-zu-eins-Situa­tionen an mir geschei­tert, dazu hielt ich noch einen Elf­meter von ihm. Ich fei­erte meine Paraden wie gewohnt, es kam zu einer kleinen Mei­nungs­ver­schie­den­heit. Aber Rudel­bil­dung war damals an der Tages­ord­nung und wurde ja auch nicht bestraft. Nach dem Spiel haben Basler und ich sogar noch die Tri­kots getauscht.

Hatten Sie eine bestimmte Stra­tegie, um die Gegner aus dem Takt zu bringen?
Ich erin­nere mich gerne an ein Bun­des­li­ga­spiel gegen den VfB Stutt­gart aus der Saison 1995/96. Wir spielten gegen das Magi­sche Dreieck“ mit Kras­simir Balakov, Fredi Bobic und Gio­vane Élber. Nach zehn Minuten war noch nichts los, aber dann beging Balakov ein kleines Foul an der Mit­tel­linie. Voll­kommen über­mo­ti­viert sprin­tete ich laut schreiend aus meinem Kasten und ging auf Balakov los. Das Ergebnis, wie immer: Rudel­bil­dung. Danach hat Balakov nichts mehr hin­be­kommen, er war total außer sich. Heute wäre ich für meine Schimpf­ti­raden wahr­schein­lich vom Platz geflogen, damals gewannen wir mit 2:1.
Waren Sie nach sol­chen Auf­tritten nicht der Buh­mann der Liga?
Das war damals gar nicht so unge­wöhn­lich und ich war auch nicht der Ein­zige, der auf dem Platz gerne mal lauter wurde: Ich kann mich zum Bei­spiel an ein Spiel gegen den VfB Stutt­gart aus dem Herbst 1990 erin­nern, als wir zur Halb­zeit mit 2:0 vorne lagen. Die Stutt­garter waren nicht zu einer Chance gekommen, aber auf dem Weg zur Kabine pöbelte Mat­thias Sammer laut­stark in unserer Hör­weite herum: Gegen die Blinden fangen wir uns zwei Dinger! Kann doch nicht wahr sein, die können doch gar nichts!“ Zehn Minuten nach der Halb­zeit stand es 2:2. An dem Tag habe ich etwas gelernt.

Der FC St. Pauli ist für seine aus­ufernden Feiern bekannt. Die Auf­stiegs­feier 1995 ist legendär. Was war Ihre schönste Feier?
Die Sai­son­ab­schluss­partys von ran“ mit allen Bun­des­li­ga­spie­lern und Offi­zi­ellen waren immer feucht-fröh­lich. Da konnte man sogar mal einen mit einem Schieds­richter heben oder sich mit den Gegen­spie­lern wieder ver­tragen. Legendär war auch die Feier nach dem Klas­sen­er­halt 1995/96.

Warum?
Wir hatten den Klas­sen­er­halt in Karls­ruhe geschafft. Als wir nach Hause flogen, emp­fingen uns die Fans schon am Flug­hafen. Die Party begann an Ort und Stelle, die ganze Mann­schaft ist auf einen unglück­lich geparkten Kleinbus geklet­tert und sprang wie wild auf dem Dach herum – Total­schaden. Hin­terher musste der Verein ble­chen. Die Partys auf der Ree­per­bahn waren sowieso außer­ge­wöhn­lich. Auf dem Balkon der Docks zu stehen und der fei­ernden Menge zuzu­schauen, war das Größte!

Bis heute sind Sie eine Legende am Mil­l­erntor. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Sie dem Verein Ihr Leben lang treu blieben. Wie kamen Sie über­haupt zum FC St. Pauli?
Mein Kumpel Hansi Barg­f­rede (Vater von Werder Bre­mens Phillip Barg­f­rede, d. Red.) hat mich zu einem Pro­be­trai­ning mit­ge­nommen und ich erwischte den Tag meines Lebens: Der dama­lige St. Pauli-Trainer Michael Lor­kowski hat mich zwei Stunden lang zusam­men­ge­schossen und war begeis­tert von meiner Ent­schlos­sen­heit. Im Laufe meiner ersten Saison sagte er zu mir: Aus dir mach einen Bun­des­li­ga­tor­wart.“ Wir spielten damals in der dritten Liga und ich lachte ihn aus.

Lor­kowski sollte Recht behalten. Ihre Bun­des­li­ga­jahre sind sicher der Höhe­punkt Ihrer Kar­riere. Welche Zeiten waren dagegen eher ent­täu­schend?
Am schlimmsten waren Ver­let­zungen. An einen Frei­stoß von Mario Basler kam ich zum Bei­spiel nur noch mit einem Finger heran. Der Ball ging trotzdem ins Tor und mein Finger war kaputt: aus­ge­wech­selt, Spiel ver­loren, alles Scheiße. Mario Basler sagte hin­terher im Inter­view: Selbst schuld. Soll er die Hand doch weg­ziehen, der Ball geht eh rein!“ Tja, da hatte er wohl Recht. Ich konnte erst sechs Wochen später mit einem eigens dafür her­ge­stellten Vier-Finger-Hand­schuh zur Fixie­rung auf­laufen.

Als Sie in der Saison 1996/1997 ver­letzt waren und es beim FC St. Pauli nicht lief, sagten Sie in einem Inter­view: Einige Spieler leiden an gren­zen­loser Selbst­über­schät­zung. Nach der Euphorie des letzten Jahres, dem Klas­sen­er­halt, wird jetzt auf Scheiß-Egal-Hal­tung umge­schaltet, wenn’s nicht läuft. Es kotzt mich an!“ Gab es nach sol­chen Ansagen keinen Stress mit den Kol­legen?
Meine Kritik war eigent­lich immer kon­struktiv gemeint. Aber natür­lich musste ich nach sol­chen Aus­sagen von Verein und Kol­legen Prügel ein­ste­cken. Im Grunde wollte ich jedoch ein­fach Tacheles reden, um den Stein ins Rollen zu bringen.

Nach Ihrem ersten Bun­des­li­ga­spiel sagten Sie: Es ist ein­fach unheim­lich geil, in der Bun­des­liga Bälle zu halten. Da geht mir voll einer ab!“ Solche Sprüche und Ihre Eska­paden auf dem Platz haben dafür gesorgt, dass Sie in der öffent­li­chen Kritik standen. Wie sind Sie mit der Medi­en­schelte umge­gangen?
Meine Frau hat dabei geholfen, meine Sprüche und Aus­brüche auf dem Platz zu rela­ti­vieren. Sie hat Inter­views gegeben und den Jour­na­listen erzählt, dass sie mich zuhause schon für meine Eska­paden gemaß­re­gelt hätte. Nach dem Motto: Was sollen denn unsere Kinder von ihrem Papa halten?“ Auf diese Weise konnte ich immer sagen, dass ich mein Fett schon weg bekommen hatte. So konnten wir jeden ver­meint­li­chen Skandal umschiffen.

Sie sind momentan Tor­wart­trainer bei den Jugend-Natio­nal­mann­schaften. Geben Sie Ihre Kniffe an die Nach­wuchs­tor­hüter weiter?
Selbst­ver­ständ­lich gebe ich meine Erfah­rungen gerne weiter, aber ich werde keinen emo­ti­ons­losen Typen dazu zwingen, 90 Minuten lang wild mit den Armen zu rudern oder eine andere Per­sön­lich­keit anzu­nehmen – sonst fehlt die Authen­ti­zität. Das ist ein sehr schmaler Grat. Aber den­noch hilft sol­ches Ver­halten, das Hirn abzu­schalten und als Tor­wart zu funk­tio­nieren.