Seite 3: „Der ganze BVB für unseren Dedé“

Sie waren bald der Deut­sche“ unter den Bra­si­lia­nern.
Als ich nach Deutsch­land kam, war mein Fuß­ball noch ein ganz anderer. Ich spielte typisch bra­si­lia­nisch, ich liebte das tech­ni­sche Spiel, die Tricks, Finten, Über­steiger. Das ganze Pro­gramm. Es kam, was kommen musste: Ich wurde unent­wegt gefoult. In meiner ersten Saison war ich laut Sta­tistik der Spieler, den die Gegen­spieler am häu­figsten von den Beinen holten. Nor­ma­ler­weise trägt die Nummer Zehn dieses Schicksal, doch beim BVB war ich es, ganz ein­fach, weil ich so ris­kant spielte.

Sie begannen, effek­tiver zu spielen?
Ich musste anders spielen, um in der Bun­des­liga Erfolg zu haben, ich wollte schneller den Ball passen, schnör­kel­loser spielen, robuster und stärker in die Zwei­kämpfe gehen. Als Mat­thias Sammer im Sommer 2000 als Trainer beim BVB anfing, hatte ich dieses Spiel kom­plett ver­in­ner­licht. Und nicht nur das, ich fühlte mich auch richtig wohl. Weg wollte ich nicht mehr.

Sie wurden auch eine wich­tige Inte­gra­ti­ons­figur für neue Spieler, vor allem für die Bra­si­lianer. Wie haben Sie den Spie­lern ihren BVB nahe­ge­bracht?
Jeder Neue fragte mich: Dedé, warum bist du schon so lange beim Borussia Dort­mund?“ Oder: Dedé, was magst du so am BVB?“ So war es auch bei Ewerthon, Amo­roso, Eva­nilson, Tinga. Viele von den Jungs haben ja auch bei mir gewohnt. Wenn wir bei­sammen saßen, sagte ich ihnen nichts als die Wahr­heit. Ich erzählte ihnen von den Fans, von dieser impo­santen Süd­tri­büne, diesem Sta­dion, das nahezu bei jedem Spiel aus­ver­kauft ist. Manchmal haben sie mir nicht geglaubt – und gerade dann waren sie umso fas­zi­nierter, wenn sie das bei ihrem ersten Spiel live erleben. Und das macht mich sehr froh, auch weil für mich am Anfang dieses Fas­zi­nie­rende des Ver­eins nicht sofort sichtbar war.


Wenn Sie heute auf Ihre Zeit in Dort­mund zurück­bli­cken: Was war der Moment, an den Sie sich immer wieder erin­nern werden?
Es gab unzählig viele. Der 4:0‑Sieg gegen den AC Mai­land. Oder als ich mit meinem Bruder in der Cham­pions League gegen AJ Auxerre ein­lief. Den bewe­gendsten Moment erlebte ich aller­dings nach meinem Kreuz­band­riss. Drei Tage nach meiner Ope­ra­tion wollte ich unbe­dingt beim Spiel gegen die Bayern im Sta­dion sein. Meine Ärzte rieten ab, doch ich drängte. So hum­pelte ich auf Krü­cken aufs Feld. Was ich dann erlebte, werde ich nie ver­gessen: Die Fans jubelten mir zu, sie hielten ein Spruch­band hoch („Dede, nur noch 4.152 Stunden“, d. Red.), und die Mann­schaft trug ein Trans­pa­rent auf den Rasen: Der ganze BVB für unseren Dedé“. Ich war zu Tränen gerührt. Freu­den­tränen.

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Was dachten Sie in dem Moment?
Dass es richtig war, in Dort­mund zu bleiben, dass es richtig war, ein Angebot aus Rom abzu­lehnen. In diesem Moment wusste ich, dass alles Sinn machte.