Rolf Schaf­stall, mit wel­cher Art von Fuß­bällen haben Sie das Kicken gelernt?

Die waren mit Sicher­heit nicht aus Leder! (lacht) In meinem Geburtsort Ham­born-Neu­mühl haben wir auf der Straße mit zusam­men­ge­bun­denen Putz­lumpen gespielt und mit Zie­gel­steinen als Tor­pfosten. Damals fuhr ja kaum mal ein Auto auf der Straße. Dann gab es die ersten Gum­mi­bälle in den Geschäften, und ich stand vor einer Schau­fens­ter­scheibe und habe mir so einen Ball wochen­lang vor Weih­nachten ange­guckt. Mensch, wenn ich den zu Weih­nachten haben könnte“, habe ich oft zu meinem Vater gesagt. Und wahr­haftig: Zu Hei­lig­abend lag der wun­der­bare Gum­mi­ball auf dem Gaben­tisch! Und was machten wir Jun­gens? Wir rannten sofort auf die Straße und kickten. Bereits nach zehn Minuten war der neue Ball so etwas von ver­beult, das er nicht mehr rund son­dern eher acht­eckig war. Das Gummi-Mate­rial war ein­fach schlecht, aber es war trotzdem der erste rich­tige Ball, den ich hatte, und daran erin­nert man sich doch.



Was ist Ihnen aus Ihrer Kind­heit in Erin­ne­rung geblieben?


Natür­lich die Kriegs­jahre und die harte Zeit des Wie­der­auf­baus. Wir sind als Kinder dreimal eva­ku­iert worden, und ich habe kaum eine rich­tige Schul­aus­bil­dung gehabt. Erst als der Krieg zu Ende war, kam ich wieder nach Ham­born zurück und ging regel­mäßig zur Schule. So musste ich anfangs gehörig hin­ter­her­laufen, da ich schon viel ver­passt hatte. Ich komme aus einer Familie mit acht Kin­dern, mein Vater arbei­tete als Hafen­meister. Da gab es nicht viel zu ver­teilen. Man hat gelernt, mit wenig aus­zu­kommen, und für das, was man haben will, hart zu arbeiten. Um etwas errei­chen zu können, muss man arbeiten, arbeiten und noch einmal arbeiten. Diese Prin­zi­pien haben sich in mir fest­ge­setzt, weil ich eben selbst durch diese Lebens­schule gegangen bin, und später habe ich gesehen, dass sie auch auf dem Fuß­ball­platz gelten.

War der Fuß­ball für Sie eine Chance, nach oben zu kommen?


Auf jeden Fall. Ich war von der D‑Jugend an bei Ham­born 07, und
Fuß­ball war ein­fach eine Mög­lich­keit, im Leben irgendwo weiter zu kommen. Es gab sicher grö­ßere Talente, aber ich war als Spieler sehr ehr­geizig und habe kaum einen Sonntag pau­siert.

Im Sep­tember 1955 debü­tierten Sie in der Ober­liga West bei Ihrem Stamm­verein Ham­born 07. Gleich mit­ten­drin im Abstiegs­kampf…

Ja, die Ham­borner Löwen wurden damals von der Presse zu ersten Fahr­stuhl­mann­schaft ernannt. Es war ein stetes Auf und Ab zwi­schen der Ober­liga und der 2. Liga West. Ich kam aus der Jugend und wurde mit 18 Jahren Ver­trags­spieler für ein Grund­ge­halt von 125,- Mark. Man konnte von dem, was man als Fuß­baller ver­diente, nicht leben. Es war ein kleines Zubrot, auch wenn man diesen Betrag in Rela­tion zu den Umständen der Zeit sehen muss.

Wo haben Sie gear­beitet?


Ich habe auf der Zeche Neu­mühl meine Lehre gemacht und war dort Gruben-Elek­triker. Ein paar Monate habe ich auch unter Tage gear­beitet, aber – Gott sei Dank – war das schnell vorbei. Ich habe mich so tief unter der Erde über­haupt nicht wohl gefühlt und wollte da nur raus. Später kam ich zur Thys­sen­hütte, auf der die Fuß­baller von Ham­born 07 mehr oder weniger alle unter­kamen. Wir arbei­teten in unserem Beruf und waren trotzdem näher am Verein dran, was ja auch wegen Trai­ning und der­glei­chen wichtig war.

In der Ober­liga West hatten Sie noch einen Helmut Rahn als Gegen­spieler.

Drei- oder viermal habe ich gegen ihn gespielt, und er stand noch im Zenith seines Kön­nens. Ich war Zeit meines Lebens linker Ver­tei­diger und im dama­ligen WM-System durfte man die Mit­tel­linie kaum über­schreiten. Rahn spielte Rechts­außen, also war er mein Gegen­spieler.

Hatte man Respekt?

Aber ganz gehörig. Ich erin­nere mich an ein Spiel, als Rahn in der Saison 1959/60 für den 1. FC Köln spielte. Gene­rell habe ich meinem Gegen­spieler gern die Außen­linie frei gegeben, damit ich mir dann den Ball mit der Grät­sche schnappen konnte, denn im Tack­ling war ich tod­si­cher. In diesem Spiel kam Rahn also wie eine Dampf­walze auf mich zu, und wäh­rend ich grät­sche, spit­zelt er den Ball mit der Fuß­spitze an mir vorbei und läuft über die Aschen­bahn wieder ins Feld rein. Es kam, wie es kommen musste: Er bringt die Flanke in den Sech­zehner, Kopf­ball Chris­tian Müller, Tor! Wäh­rend dessen lag ich immer noch auf der Erde und war ganz ratlos, wie mir das pas­sieren konnte. Außerdem war Rahn ein Spieler ohne Stan­des­dünkel. Man konnte ihn als junger Ver­tei­diger ruhig angehen, da kam keine Bemer­kung so nach dem Motto: Ich bin Natio­nal­spieler, und wer bist Du?“

Sie haben schließ­lich noch bis 1969 für den SSV Reut­lingen in der Regio­nal­liga gespielt und voll­zogen dann den Wechsel auf die Trai­ner­bank. War das lang­fristig geplant?

Ganz und gar nicht. Als ich mit 33 Jahren in Reut­lingen auf­hörte, kam die Frage: Mein Gott, was machst Du jetzt eigent­lich?“ Ein kleiner Verein auf der Schwä­bi­schen Alb suchte einen Trainer, und ich hatte gerade eine Menis­kus­ope­ra­tion hinter mir und wollte ein­fach aus­pro­bieren, wie das geht. Schließ­lich ist es etwas ganz anderes vor einer Mann­schaft zu stehen. Die Mann­schafts­sit­zung wurde in der Dorf­kneipe abge­halten, unten im Keller in einer Art Hobby-Raum. Da stand ich vor der Truppe, gestützt auf meine Krü­cken, und habe ihnen etwas vom Fuß­ball erzählt. Und ich merkte: Die hören mir ganz genau zu! Das war für mich ein Schlüs­sel­er­lebnis, und dar­aufhin habe ich den Ent­schluss gefasst, eine Trai­ner­lauf­bahn ein­zu­schlagen. Auch in der Trai­ner­aus­bil­dung war ich ein ehr­gei­ziger Hund und wollte immer der Erste sein.

Ihre erste Bun­des­liga-Sta­tion war der MSV Duis­burg. Wieder mit­ten­drin im Abstiegs­kampf.

Ich kam als Co-Trainer von Wil­li­bert Kremer zum MSV, und im März 1976 wurde er, weil der Verein im Tabel­len­keller stand, ent­lassen. Ich bekam das Ruder in die Hand gedrückt und sollte den Verein aus den Abstiegs­sumpf ziehen, was mir auch gelang. So fing es an, also recht typisch für meine Trai­ner­lauf­bahn.

Sie haben schnell den Ruf des Feu­er­wehr­manns gehabt, der Ver­einen im Abstiegs­kampf oft wei­ter­helfen konnte.


Nicht oft. Immer! (lacht) Ehr­lich gesagt: Ich habe diese Auf­gaben mit Hin­gabe über­nommen und mir konnte ein Job gar nicht schwierig genug sein. Das Nicht­ab­steigen hatte ich von der Pike auf gelernt.

Was waren Ihre Prin­zi­pien?


Grund­sätz­lich Dis­zi­plin und Fleiß. Wenn ein Verein unten drin steht, kann man als Trainer auf nichts und nie­manden mehr Rück­sicht nehmen.

Dann müssen sie kno­chen­hart sein und ihre Ankün­di­gungen gegen­über der Mann­schaft kon­se­quent umsetzen.

Meis­tens trifft man im Abstiegs­kampf auf Mann­schaften, die zer­stritten sind, in denen Grup­pen­bil­dung vor­herrscht, die nicht mit­ein­ander können. Da muss man mit harter Hand für Ord­nung sorgen.

Welche Rolle spielt die Psy­cho­logie eines Spie­lers?


Für mich bestand der Trai­nerjob immer zu 60 Pro­zent aus Psy­cho­logie, und 40 Pro­zent spielten sich auf dem Platz ab. Man muss als Trainer auf­nehmen, was sich in der Mann­schaft tut, die Dinge sor­tieren und ent­spre­chend gewinn­brin­gende Maß­nahmen treffen. Otto Reh­hagel sagte mal: Man muss alle Antennen aus­fahren.“ Das stimmt, denn eine Mann­schaft ist ein hoch­kom­plexes System.

Beim VfL Bochum haben Sie in den 1980er Jahren den Mythos der Unab­steig­baren mit­be­gründet. War die Cas­troper Straße ein beson­derer Arbeits­platz für Sie?

Ganz bestimmt. Dort ging es von Anfang an gegen den Abstieg. Der Prä­si­dent Ottokar Wüst musste Jahr für Jahr die besten Spieler ver­kaufen, und als Trainer musste man dann mit jungen und uner­fah­renen Spie­lern weiter machen. Saison für Saison hieß es: Der Klas­sen­er­halt ist alles.“ Spieler wie Lothar Woelk, Ata“ Lameck und Walter Oswald waren quasi meine Zieh­söhne auf dem Rasen. Dazu kamen junge Spieler wie Martin Kree, Uwe Lei­feld, Ralf Zum­dick oder Chris­tian Schreier, die alle ihre Kar­riere beim VfL im Ruhr­sta­dion begannen. Um solche Spieler zu finden, bin ich Sonntag für Sonntag in der Umge­bung in den Ama­teur­ligen gewesen und habe mir Spiele in der Ober­liga und Lan­des­liga ange­sehen. Für teure Trans­fers war ja kein Geld da. So kam auch Stefan Kuntz zu mir. Er hatte sein Pro­be­trai­ning an einem Dienstag. Mor­gens hatte ich seine läu­fe­ri­schen und nach­mit­tags seine fuß­bal­le­ri­schen Fähig­keiten getestet. Danach habe ich zu ihm gesagt: Hör mal, Stefan, Du kannst bei uns einen Ver­trag unter­schreiben. Als Anfangs­ge­halt kriegst Du 2.500 DM und die Auf­lauf- und Sieg­prä­mien, wenn Du mit dabei bist.“ Er zögerte und gestand schließ­lich ein, dass er noch ein Pro­be­trai­ning bei Bayern Mün­chen habe. Da sagte ich sofort: Weißt Du was, dann musst Du zu Bayern gehen. Dort bekommst Du mit Sicher­heit das Zehn­fache von dem, was ich Dir hier in Bochum bieten kann. Aber wenn Du dann ins Olym­pia­sta­dion gehst, musst Du nur auf­passen, dass Du oben auf der Tri­büne einen schönen Platz in Höhe der Mit­tel­linie bekommst. Du hast zwar das Zehn­fache in der Tasche, aber guckst schön zu, wie so ein Rum­me­nigge und Breitner Fuß­ball spielen. Denn: Bun­des­liga-Fuß­baller wirst Du nur bei mir, bloß für keine Mark mehr!“ Zwei Tage später unter­schrieb Stefan beim VfL.

Als Spieler und Trainer können Sie fast 50 Jahre Fuß­ball­ge­schichte über­bli­cken. Was hat sich von der Ober­liga West bis zur Bun­des­liga am stärksten ver­än­dert?

Der Fuß­ball hat sich gewan­delt. Er ist inten­siver geworden. Ob er schöner geworden ist, das sehen die Zeit­ge­nossen wohl immer anders. Zwi­schen der Ober­liga West, die ich als Spieler mit­er­lebt habe, und der Bun­des­liga, in der ich als Trainer tätig war, liegen natür­lich Welten. Was ganz auf­fällig ist: Die Iden­ti­fi­ka­tion mit einem Verein war bei den Spie­lern früher viel größer als heute. Man trug das Ver­eins­wappen wirk­lich noch auf dem Herzen“, heute ist es eine oft­mals leere Geste beim Tor­jubel. Dieses Wir-Gefühl“ war damals sehr aus­ge­prägt, nicht nur auf dem Platz, son­dern man machte auch in der Frei­zeit einiges gemeinsam. Außerdem hat man immer darauf gewartet, dass es sonn­tags wieder los­ging.

Sie sind dieses Jahr siebzig geworden. Fühlen Sie sich in Rente?


Ich bin Rentner! Aber ich gehe jeden Tag in mein Fit­ness­studio und mache dort mein Pro­gramm. Außerdem bin ich immer noch in Sachen Fuß­ball unter­wegs. Beim VfL habe ich meine Ehren­karte, die ich zu jedem Heim­spiel nutze.

Ich habe gelesen, Sie sind Hobby-Gärtner geworden?


Ach nein, hören Sie auf. Das hat mal einer von ihren Kol­legen geschrieben, nur weil ich hier in Kre­feld auf dem Land lebe, einen Garten habe und ab und zu meinen Rasen mähe.

Was würden Sie machen, wenn noch einmal ein Anruf käme?

Ich weiß ganz genau, dass das Telefon nicht mehr klin­geln wird. Man könnte viel­leicht noch eine bera­tende Tätig­keit aus­üben, aber ich würde mich auch nicht mehr auf den Trai­nings­platz hin­stellen. Aus dem Alter bin ich wirk­lich heraus.