Seite 5: „Mir haben sie nie etwas angeboten“

Warum hat es kein deut­scher Zehn­kämpfer mehr geschafft, Ihre Popu­la­rität zu errei­chen?
Ich glaube, mit ent­spre­chenden Leis­tungen und einer Per­sön­lich­keit ist das jeder­zeit mög­lich. Aller­dings wurde Leicht­ath­letik noch viel mehr im öffent­lich-recht­li­chen Fern­sehen gezeigt. Damals kamen selbst zu Deut­schen Meis­ter­schaften über 30 000 Zuschauer in die Sta­dien. Es gab viele Top-Ath­leten: Ulrike Nasse-Meyf­arth, Thomas Wes­sing­hage, Dietmar Mögen­burg, die Fights von Edwin Moses gegen Harald Schmid. Die Acht­ziger waren ein Jahr­zehnt der Leicht­ath­letik…

… in dem, wie wir heute wissen, auch Doping fast noch gesell­schafts­fähig war.
Aber weniger bei uns, als in der DDR.

Nun ja, die west­deut­sche Sie­ben­kämp­ferin Birgit Dressel starb an einem Mul­tior­gan­ver­sagen aus­ge­löst von Doping­mit­teln. Auch etliche US-Olym­pia­sieger von Los Angeles standen in Ver­dacht, gedopt zu haben.
Never trust the Ame­ri­cans. Die haben viel dazu bei­getragen, dass der Kana­dier Ben Johnson 1988 ins Ram­pen­licht gerückt wurde, aber bei ihren eigenen Leuten haben sie es clever run­ter­ge­spielt.

Sind Sie jemals mit Doping kon­fron­tiert worden?
Nein. Wir haben gehört, dass die Amis und die Ost­block­staaten aktiv sein sollen, aber mehr wussten wir dar­über nicht.

Ihr Kumpel, der Gewicht­heber Rolf Milser, hat sich noch 1977 für ana­bole Ste­roide aus­ge­spro­chen.
Bei den Gewicht­he­bern war das vor dem Verbot in den späten Sieb­zi­gern gang und gäbe, aber mein Kraft­trai­ning sah ganz anders aus. Ich habe doch nicht mit 200 Kilo Knie­beugen gemacht, son­dern viel über Schnell­kraft erreicht, über Technik und Explo­siv­kraft.

Sie waren bei Dr. Armin Klümper in Behand­lung, der später als Doping­arzt über­führt wurde.
Ich habe auch bei Joseph Keul Unter­su­chungen gemacht. Aber dass die beiden da mit drin­hingen, hat mich sehr ver­wun­dert.

Warum?
Mir haben sie nie etwas ange­boten. Natür­lich bekam ich bei Ver­let­zungen auch mal eine Spritze, aber von Klümper habe ich vor allem das rich­tige Deh­nungs­ver­halten und Rücken­schule gelernt. Er hat mir Übungen ver­schrieben, die meinen Scheu­er­mann“ behan­delten und meiner Wir­bel­säule eine Form gaben, die mich weniger ver­let­zungs­an­fällig machte.

Hatten Sie Kon­trolle dar­über, was er Ihnen spritzte?
Wei­test­ge­hend. Ich kann jeden­falls sagen, dass er meines Wis­sens in seiner Praxis nie­mals flä­chen­de­ckendes Doping ange­boten hat, so wie es der Presse zu ent­nehmen war. Ob Sportler kon­kret mit der Bitte an ihn her­an­traten, ver­bo­tene Prä­pa­rate ver­ab­reicht zu bekommen, und er darauf ein­ging, weiß ich natür­lich nicht.

Sie haben mal gesagt, Zehn­kampf sei Mord in zehn Raten“.
Der Spruch stammt vom Kol­legen Kurt Bendlin, der extrem trai­niert hat, oft ver­letzt war und Kraft­übungen gemacht hat, bei denen man heute die Hände überm Kopf zusam­men­schlagen würde. Aber was er sagen wollte, stimmt: Man braucht für Zehn­kampf ein opti­males Grund­la­gen­trai­ning, um allen Dis­zi­plinen gewachsen zu sein.

Können Sie beschreiben, wie furchtbar die Schmerzen beim abschlie­ßenden 1500-Meter-Lauf sind.
Man hat neun Übungen in den Kno­chen, ist über­müdet. Die letzten Meter sind die Hölle, man läuft buch­stäb­lich bis zum Koma, weil man so über­säuert ist. Diesen Lauf habe ich gar nicht groß­artig trai­niert, weil er aus meiner Sicht reine Kopf­sache war. 

Das Kotzen danach gehört dazu.
Bei Über­an­stren­gung ist das nicht zu ver­meiden, zumal man wäh­rend des Wett­kampfs so viel Flüs­sig­keit und Mine­ra­lien zu sich nehmen muss, dass der Magen zwangs­läufig über­säuert. Eine Banane kann schon zu viel sein.

Jürgen Hingsen, Zehn­kampf ist die Königs­dis­zi­plin der Leicht­ath­letik, weil…
…dem Ath­leten phy­sisch und psy­chisch alles abver­langt wird. Es wird die gesamte Mus­ku­latur bean­sprucht, der Sportler muss über 300 unter­schied­liche Bewe­gungs­ab­läufe beherr­schen, allein 46 beim Stab­hoch­sprung. Um das mit Aus­dauer, Schnel­lig­keit und Kon­zen­tra­tion an zwei Tagen unter teils extremen Wit­te­rungs­be­din­gungen so hin­zu­be­kommen, dass man ständig Best­leis­tungen bringt, ist eine hohe Kunst.


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