Seite 4: „So abzutreten war der Horror“

Sie sorgten auch für Schlag­zeilen, indem Sie im Aktu­ellen Sport-Studio“ sinn­gemäß ver­lauten ließen, Sex sei elfte Dis­zi­plin des Zehn­kämp­fers.
(Lacht.) Dort war ich kurz nach meinem Welt­re­kord 1984 ein­ge­laden. Karl Senne fragte, wann ich die 9000-Punkte-Grenze über­schreiten würde. Meine Freundin saß im Publikum und ich ent­geg­nete: Wenn ich zuhause gute Leis­tungen bringe, gibt es noch mal extra Punkte.“ Ich sah das nicht so eng, aber natür­lich rauschte es wieder im Blät­ter­wald.

Wie reagierte Ihre Freundin Jeanne Pur­cell?
Die hat geschmun­zelt, die wusste ja, dass ich meine Zunge nicht immer im Zaum halten kann.

Welche Schlag­zeile hat Sie beson­ders ver­letzt?
Bild hat unter Chef­re­dak­teur Hans-Her­mann Tiedje mal eine Serie gemacht. Da war ich mit Leuten wie Hitler und Stalin in einem Ran­king. Das fand ich übel und ich stellte Tiedje zur Rede. Aber er hat meine Ver­är­ge­rung gar nicht ver­standen. Wenn Sie mich fragen: Jour­na­listen wie er sind höchst frag­würdig und unsen­sibel.

Diese Klas­si­fi­zie­rung bezog sich auf den düs­tersten Punkt Ihrer Lauf­bahn: Bei OIympia 1988 in Seoul ver­ur­sachten Sie drei Fehl­starts im 100-Meter-Lauf und wurden dis­qua­li­fi­ziert.
Ich ging ange­schlagen in den Wett­kampf. Wegen Patel­la­sehnen-Beschwerden wusste ich, dass ich maximal zwei Ver­suche beim Hoch­sprung durch­stehen konnte, einer meiner Para­de­dis­zi­plinen. Wenn ich Olym­pia­sieger werden wollte, musste ich also auch in Lauf­dis­zi­plinen Top-Leis­tungen bringen. Die 100 Meter wollte ich um jeden Preis unter elf Sekunden laufen, aber dafür brauchte ich einen Super­start.

Und waren zu nervös?
Die ganze Gruppe war sehr unruhig. Beim Signal Auf die Plätze…fertig…“ kam plötz­lich Wind von vorn. Mit Gegen­wind wäre eine gute Zeit unmög­lich gewesen. Also lief ich beim ersten Mal bewusst raus. Und bei den nächsten Starts zuckten die Leute neben mir ständig.

Aber hätten Sie nicht spä­tes­tens nach dem zweiten Fehl­start vor­sich­tiger sein müssen?
Es kamen viele nega­tive Kom­po­nenten zusammen. Ich war nach Süd­korea gekommen, weil ich mir Gold zutraute. Ich wollte nicht wieder als Zweiter nach Hause fahren. Außerdem hatte ich intensiv auf Start trai­niert. In Seoul star­teten wir erst­mals aus elek­tro­ni­schen Blö­cken, die schon regis­trierten, wenn man nur leicht den Fuß lockerte. Einige Kol­legen meinten später, der letzte Fehl­start sei gar nicht vor mir ver­ur­sacht worden. Aber zu einer Beschwerde fühlte ich mich nicht mehr in der Lage.

Statt mit der Gold­me­daille fuhren Sie als Lach­nummer nach Hause.
Ich war der Depp der Nation. So abzu­treten war der Horror, denn nach Olympia wurde ich an der Patel­la­sehne ope­riert und meine Lauf­bahn war vorbei. Ich habe mich noch wäh­rend der Spiele nach Kali­for­nien ver­krü­melt, um abzu­schalten.

Da zeigten sich die Schat­ten­seiten der Popu­la­rität.
Dass ich das Licht der Öffent­lich­keit genoss, ließ schon 1984 nach Los Angeles rapide nach. Schon da hatte ich das Gefühl, dass jede Ein­zel­leis­tung seziert wurde. Plötz­lich fühlte ich mich wie in einem Kor­sett, das es mir zuneh­mend erschwerte, volle Leis­tung zu bringen.

Ihr Welt­re­kord aus dem Jahr 1984 ist bis heute Deut­scher Zehn­kampf­re­kord. Gemessen an Ihren Top­werten bei den Ein­zel­dis­zi­plinen gehören Sie nach wie vor zur ewigen Top 5 des Zehn­kampfs.
Wenn Sie bedenken, wie stark sich die Trai­nings­wis­sen­schaft in 30 Jahren ver­bes­sert hat, war ich nicht so schlecht. (Lacht.)

Hätten Sie in der heu­tigen Kon­kur­renz noch eine Chance?
Der aktu­elle Welt­re­kordler Ashton Eaton ist mir kör­per­lich eher unter­legen, aber tech­nisch ist er mir mei­len­weit voraus. Über­haupt sind moderne Zehn­kämpfer eher kleiner und drah­tiger als wir und kommen vom Sprint. Damals waren die meisten von uns über 1,90 Meter, viel kom­pakter und hatten einen extrem hohen Ener­gie­auf­wand.