Seite 3: „Ein ganz entscheidender Mann in meinem Leben“

Wie hoch ist der Trai­nings­auf­wand eines Zehn­kämp­fers?
Zwi­schen sechs und acht Stunden täg­lich.

Pro­fi­fuß­baller ver­an­stal­teten in den Acht­zi­gern noch regel­mäßig zünf­tige Mann­schafts­abende. Wie war das bei Ihnen?
Das ging nicht. Ich erin­nere mich an ein Trai­nings­lager auf Lan­za­rote, wo wir abends etwas länger aus­ge­gangen waren, weil am nächsten Tag leichtes Koor­di­na­ti­ons­trai­ning auf dem Plan stand. Pixken bekam es mit und ver­an­stal­tete am nächsten Morgen spontan Tem­po­läufe in der Glut­hitze. Hin­terher sah ich ent­spre­chend lecker aus.

Nor­bert Pixken über­nahm Sie als Jugend­li­cher.
Ein ganz ent­schei­dender Mann in meinem Leben.

Den­noch haben Sie sich 1987 getrennt.
Wir waren zehn Jahre zusammen. Ein her­vor­ra­gender Trainer, aber er hatte auch Schwä­chen.

Inwie­fern?
Daley hat stets mit Spe­zia­listen gear­beitet. Nor­bert Pixken hin­gegen war eifer­süchtig, wenn jemand etwas zu meinen Bewe­gungs­ab­läufen sagte. Er war da sehr ein­neh­mend. Als ich etwa 1987 anfing, mit einem Fach­mann Speer­wurf zu trai­nieren, der mir mit Ball­würfen bei­brachte, wie ich mehr aus meiner Koor­di­na­tion her­aus­hole, warf ich mit einem Mal viel weiter.

Wie ver­trug sich der enorme Trai­nings­auf­wand mit ihrem schil­lernden Leben auf den roten Tep­pi­chen?
Das war nur die Außen­wahr­neh­mung. Ich war nicht so oft auf Promi-Ver­an­stal­tungen.

Immerhin drehten Sie 1984 mit Karl Dall, Patrick Bach und ihrem Kumpel Rolf Milser, dem Gewicht­heber, den Kino­kla­mauk Drei und eine halbe Por­tion“.
Meine Güte hat sich die Fach­jour­naille auf­ge­regt. Von wegen: Der Hingsen soll sich auf Sport kon­zen­trieren.“

Sportschau“-Chef Heri­bert Faß­bender wei­gerte sich, mit Ihnen über den Film zu spre­chen.
Bei der Bewer­bung des Films wurden wir vom WDR, der in der ARD für Sport zuständig war, zu Radio Bremen straf­ver­setzt, wo Jörg Won­torra das Inter­view mit Rolf und mir führte. Faß­bender hatte abge­lehnt, mit Sport­lern über der­ar­tigen Kla­mauk zu reden. Die Sport­me­dien waren damals noch erz­kon­ser­vativ.

Heute wäre es unvor­stellbar, dass ein Zehn­kämpfer und ein Gewicht­heber einen Publi­kums­film machen?
Es drehte sich eben noch nicht alles um Fuß­ball.

Bereuen Sie den Film?
Natür­lich hätten wir uns das sparen können, zumal uns die Presse grillte. Aber, mein Gott, wir haben vier schöne Wochen auf Mal­lorca ver­bracht und ein­fach mal an was anderes gedacht als an Trai­ning. Wir haben sogar am Dreh­buch mit­ge­ar­beitet. Die Ent­schei­dung für den Streifen fiel nicht zuletzt des­halb, weil ich kein Manage­ment hatte und wie ein Ele­fant im Por­zel­lan­laden in mediale Fallen tappte.

Was waren sonst noch Image-Fehler?
Was heißt Fehler? Mir wurde vieles ange­kreidet. Selbst mein Stern-Titel­bild.

Das Sie als Her­kules“ mit Gold­staub am ganzen Körper zeigte.
Als wir nach acht Stunden in dem Düs­sel­dorfer Foto­studio fertig waren, sagte der Foto­graf: Sorry, Jürgen, meine Dusche ist kaputt.“ Ich fuhr in Gold­montur nach Hause und brauchte eine Woche, um das Zeug wieder von der Haut zu kriegen.

Arno Breker, Hit­lers Lieb­lings­bild­hauer, fer­tigte eine von Ihnen Bronze-Skulptur an.
Das war natür­lich ein Poli­tikum. Damals bekamen wir sogar noch aufs Dach, weil wir bei Olympia mit der deut­schen Fahne eine Ehren­runde drehten.

Haben Sie die Zusam­men­ar­beit mit Breker nie in Frage gestellt?
Mich hat das Zusam­men­spiel von Kunst und Sport immer fas­zi­niert. Breker war ein inter­na­tional hoch­an­ge­se­hener Künstler, der vorher schon Ulrike Nasse-Meyf­arth und den Schwimmer Walter Kusch por­trä­tiert hatte. Viel­leicht war es naiv, aber ich wusste nichts von seiner Ver­gan­gen­heit. Erst mein Vater klärte mich auf.

Wie oft mussten Sie Breker Modell sitzen?
Oft. Es ging über Jahre. Die Statue habe ich heute noch zuhause.

Wie war es in seinem Ate­lier?
Ich habe ihm Löcher in den Bauch über die NS-Zeit gefragt – und dabei viel gelernt.

Zum Bei­spiel?
Er distan­zierte sich von dieser Epoche und war der Mei­nung, dass er vom Regime aus pro­pa­gan­dis­ti­schen Gründen benutzt worden war.

Mussten Sie sich damals für die Aktion recht­fer­tigen?
Ilja Richter warf mir in seiner Talk­show vor, wie ich nur mit so einem Mann zusam­men­ar­beiten könnte.

Was ent­geg­neten Sie?
Dass ich mit der Nazi-Genera­tion und der NS-Ideo­logie nichts zu tun habe. Außerdem hatte Breker nach dem Krieg auch schon Konrad Ade­nauer oder Sal­va­tore Dali por­trä­tiert.