Seite 2: Leichtathletik-Popstar „Hollywood-Hingsen“

Ein Zehn­kämpfer ver­bringt an zwei Wett­kampf­tagen jeweils rund 16 Stunden im Sta­dion. Selbst in so einer langen Zeit konnten Sie den men­talen Druck nicht abbauen?
Durch die vielen Ruhe­phasen, die so ein Tag hat, brauchte ich unheim­lich lange, um in meine Kon­zen­tra­tion zu finden. Daley lief zwei Mal auf und ab und hatte wieder volle Spann­kraft. Beein­dru­ckend! Ich musste viel mehr Energie auf­bringen, um dahin zu kommen.

Wie erklären Sie sich das?
Naja, 2,03 Meter von der Schalt­zen­trale bis zu den Füßen sind eben deut­lich weiter als die 1,85 Meter bei Daley.

Wie ver­läuft die Nacht zwi­schen den Wett­kampf­tagen?
Mit Schlaf ist da nicht viel. Ich habe öfter vorm Ein­schlafen ein, zwei Wei­zen­bier getrunken, um run­ter­zu­kommen.

Zwei Wei­zen­bier mitten im Wett­kampf?
Um die Nerven zu beru­higen, irgendwie musste ich ja zusehen in den Schlaf zu finden. Der 400-Meter-Lauf fand meist erst spät­abends statt und danach war ich noch voller Adre­nalin.

Das heißt?
Mehr als drei Stunden habe ich in sol­chen Nächten nie geschlafen. So gesehen ist Zehn­kampf eine 48-Stunden-Schicht, für die man sowohl die kör­per­liche als auch geis­tige Sub­stanz mit­bringen muss.

Vor Box­kämpfen gehört ver­bales Säbel­ras­seln dazu. Haben Sie nie heim­lich gesagt: Komm, Daley, lass uns eine Show abziehen“?
Wir haben beide von unserem Zwei­kampf pro­fi­tiert, die Men­schen erin­nern sich bis heute daran. Im offi­zi­ellen Olym­pia­film (16 Days of Glory, Anm. d. Red.) von 1984 nimmt der Zehn­kampf fast ein Viertel der Spiel­dauer ein. Aber in den ersten Jahren gab es keinen pri­vaten Aus­tausch, wir haben uns erst­mals 1986 privat getroffen.

Auf wessen Initia­tive?
Ich habe ihn gefragt, ob wir das Kriegs­beil nicht begraben wollen. Letzt­lich saßen wir doch in einem Boot und es war klar, dass Zeiten kommen würden, in denen wir von­ein­ander pro­fi­tieren könnten. Und mir fiel auf: Außer­halb des Wett­kampfs war er ein sehr netter, kol­le­gialer Typ – und ist es bis heute.

Die Erwar­tungs­hal­tung der deut­schen Medien an Sie hing auch damit zusammen, dass Sie ein öffent­li­ches Leben führten. Hol­ly­wood-Hingsen“ war ein Leicht­ath­letik-Pop­star.
Der Spitz­name stammte von Daley. Er wollte sagen, ich sei in der Traum­fa­brik besser auf­ge­hoben, als im Sport. Aber natür­lich war ich extro­ver­tierter als manche Kol­legen. Zehn­kampf wurde in den Medien in Deutsch­land und auch welt­weit eher stief­müt­ter­lich behan­delt, des­halb suchte ich nach Mög­lich­keiten, die Sportart nach vorne zu bringen.

Wer hat Sie da beraten?
Das habe ich selbst gemacht.

Sie hatten keinen Manager?
Das gab es damals in der Leicht­ath­letik nicht. Bis 1982 waren wir reine Ama­teure. Ich bekam von der Deut­schen Sport­hilfe als Welt­re­kordler 1000 Mark monat­lich. Erst später konnte ich eigene Spon­so­ren­ver­träge abschließen, um z.B. Trai­nings­lager in Kali­for­nien zu finan­zieren, die damals 20 000 Mark kos­teten. Als Sportler von Bayer Uer­dingen war ich auch nicht so gut gestellt, wie die Kol­legen bei Bayer Lever­kusen: Ulrike Nasse-Meyf­arth und Dietmar Mögen­burg bekamen dort das Zehn­fache, was ich in Uer­dingen erhielt.

Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel.
Als ich mit 18 Jahren einen Deut­schen Jugend­re­kord auf­ge­stellt hatte, bekam ich vom Verein einen gebrauchten Opel Kadett für 2000 Mark. Bis dahin war ich von Duis­burg stets mit dem Mokick über die Rhein­brücke zum Trai­ning nach Kre­feld gefahren. Zu dieser Zeit wech­selte man noch den Verein, weil es woan­ders fünf Steaks die Woche und ein neues Paar Turn­schuhe gab.

Welche Tricks wandten Sie an, um in die Medien zu kommen?
Was heißt Tricks? Ich habe eben mit­ge­macht, wenn Sven Simon fragte, ob er meine ame­ri­ka­ni­sche Freundin und mich mal etwas leichter bekleidet foto­gra­fieren durfte.

Was sagte Ihr Trainer Nor­bert Pixken dazu?
Dem wäre es lieber gewesen, ich hätte mich aus­schließ­lich auf den Sport kon­zen­triert.